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Noch sind die Hallen leer ... (Foto: Valentin Hindermann)
Alle zeigen alles
Die juryfreie "Kunstszene Zürich 2011" im Areal des Zürcher Freilagers
Keine Jury wählt die Werke aus, die an der Ausstellung „Kunstszene Zürich 2011“ präsentiert werden. Alle können mitmachen. Normiert sind einzig die Kojen, die jedem und jeder zur Verfügung stehen. In diesen Stellwänden präsentieren sich kreative Zürcher Köpfe mit Gemälden, Zeichnungen, Fotografien, Skulpturen, Objekten, Videos, Installationen. Über Weihnachten/Neujahr kann jeder ein Künstler, jede eine Künstlerin sein und zeigen, was er/sie will: Die Ausstellung ist ein Volksfest der Kunst.
Wann ist die nächste Juryfreie? Wo findet sie statt? Das ganze Jahr über rufen Künstlerinnen und Künstler bei Eva Wagner im Präsidialdepartement an, und wenn sich herumgesprochen hat, dass diesen Dezember nach drei, vier Jahren wieder eine dieser Ausstellungen stattfindet, werden die Fragen konkreter: Wann kann man sich anmelden? Wie hoch sind die Wände der Kojen? Die Juryfreie, 1971 erstmals von Christoph Vitali, dem damaligen Abteilungssekretär der Präsidialabteilung, in den gemieteten Züspahallen ausgerichtet, ist sehr beliebt bei den Kunstschaffenden – und auch beim Publikum. Bei der ersten Schau vor vierzig Jahren besuchten an einem einzigen Abend mehr Leute diese Kunstausstellung als den gleichzeitig stattfindenden Box-Match mit Cassius Clay im Hallenstadion gleich nebenan. Und an die letzte "Juryfreie", 2007 im Toni Areal, strömten in zwei Wochen über 25 000 Personen.
Was ist wo zu entdecken?
Starkünstler und Sonntagsmaler
Die unjurierte Weihnachtsausstellung, dieses „Grümpelturnier der bildenden Kunst“, wie sie der ehemalige Stadtpräsident Elmar Ledergerber nannte, ist in jedem Sinn einzigartig. Für einmal sind all die offiziellen und informellen Regeln des Kunstbetriebs ausser Kraft gesetzt: Keine Jury, keine Experten entscheiden, was würdig ist, gezeigt zu werden. Der künstlerische Werdegang spielt keine Rolle, es braucht keine Dokumentation eingereicht zu werden und Auftrumpfen jedwelcher Art im Vorfeld der Ausstellung würde keinerlei Vorteile bringen: Alle Teilnehmenden, ob bekannte Künstlerin oder namenloser Sonntagsmaler, bekommen eine identische Normkoje mit gleichem Licht, mit gleichen Rechten und Pflichten zugeteilt.
Die Juryfreie ist eine urdemokratische Einrichtung, ein Hyde Park oder eine Landsgemeinde der Kunst. Das macht ihre Anziehungskraft und auch ihre Brisanz aus. Hier ist „hohe Kunst“ nicht von vornherein sakrosankt, sondern hat neben trivialsten Werken zu bestehen, in jeder Koje steht von Neuem auf dem Spiel, was als Kunst gelten könnte und was nicht. Niemand nimmt an der Ausstellung „Kunstszene Zürich 2011“ im Vorhinein den Besuchern die Entscheidung darüber ab, was gute Kunst ist.
Grenzerfahrungen im Zollfreilager
Eva Wagner: Auf dem Electroscooter durch die weitläufigen Hallen (Foto: Gaechter+Clahsen)
Der Kopf, das Herz und die Seele der Juryfreien ist seit 1993 Eva Wagner – für alle Teilnehmenden ein bekanntes Gesicht, denn: „Ich treffe alle Teilnehmenden bei der Einschreibung – im Laufe der Jahre sind Tausende von Namen zusammengekommen.“ Schon ein Jahr im Voraus beginnt Eva Wagner jeweils mögliche Lokalitäten zu suchen: „Der klassische Ort für die Juryfreie sind Areale, die sich für eine Zwischennutzung eignen: Im Jahr 2000 waren wir im Hürlimann-Areal, 2003 und 2007 im Toni-Areal. Da waren wir jeweils die letzten Nutzer vor dem Abriss oder dem Umbau der Gebäude. Und auch dieses Mal, im Freilager, sind wir die letzten, welche Leben in die Hallen bringen.“
Das Zürcher Freilager in Albisrieden, wo nachher Wohnungen entstehen, bringt eine Besonderheit mit sich: Die Grenze. Damit alle Ausstellenden in den drei Hallen sich wirklich innerhalb der Schweiz bewegen, mussten die Grenzen verschoben werden – das ist auch eine Metapher für den mehrmonatigen organisatorischen Kraftakt, bei dem es viele Hürden zu bewältigen gibt. Dem Einwurf, bei ihrer mittlerweile sechsten juryfreien Ausstellung könne sie ja auf eine gewisse Erfahrung zurückgreifen, entgegnet Eva Wagner: „Davon merke ich nichts. Die Probleme stellen sich immer wieder anders und neu.“ Wie kräftezehrend die mehrmonatigen Gespräche mit Versicherern, Feuerpolizisten, Sicherheitsbeauftragten, Logistikern, IT-Experten und KünstlerInnen auch sein mögen: „Am meisten freue ich mich jetzt schon auf die beiden Tage des Einrichtens.“ Am 16. und 17. Dezember wird sie mit ihrem Electroscooter, der nur alle vier Jahre genau bei diesem Anlass zum Einsatz kommt, durch die drei weitläufigen Hallen kurven. „Zu sehen, wie sechshundert Personen, einzelne Künstler und Gruppen ihre nüchternen Normkojen mit Kreativität füllen, ist ein beglückendes Erlebnis.“
Kunstszene Zürich 2011
20. Dezember 2011 bis 8. Januar 2012 im Zürcher Freilager, Flurstrasse 100 (Tram Nr. 3, Haltestelle SIEMENS).
Vernissage Dienstag, 20. Dezember 18 Uhr
Geöffnet täglich, ausser 25. Dezember
Text: Peter Schneider

