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Bericht Atelier Kunming

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Zurück aus Kunming: Nathalie Bissig

Atelieraufenthalt von März bis August 2010

Die Fotografin und Künstlerin Nathalie Bissig gewann im Stipendienwettbewerb der Stadt Zürich einen Atelieraufenthalt in Kunming. Ende August kam sie nach fünf Monaten aus der chinesischen Grossstadt nach Zürich zurück. Den Aufenthalt in Zürichs chinesischer Partnerstadt erlebte sie als inspirierenden Glücksfall.


Liu Lifen und Nathalie Bissig vor dem Green Lake Park in Kunming. - grosse Darstellung in neuem Fenster

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Die Künstlerin Nathalie Bissig (r.) und Liu Lifen, die Koordinatorin in Kunming.

Nathalie Bissig nannte Kunming als Wunschdestination, als sie ihre Arbeiten für den Stipendienwettbewerb 2009 einreichte. Kaum hatte sie den Atelieraufenthalt tatsächlich zugesprochen erhalten, wurde es ihr dann doch mulmig. China und die Grossstadt im Bezirk Yunnan waren ihr völlig unbekannt. «Dann realisierte ich, dass dieses Befremden die beste Voraussetzung ist, um zu reisen.» Nathalie Bissig hatte kein Bild von China im Kopf, als sie ins Reich der Mitte flog. Mit der gleichen Offenheit war sie zuvor drei Monate nach Malawi und für einen Monat nach Kairo gefahren. «Nach der Erfahrung in der unglaublich geschäftigen und anstrengenden ägyptischen Metropole konnte mich so schnell keine Grossstadt mehr ängstigen», sagt die 28Jährige. Sie ist in einem dörflichen Umfeld, in Flüelen am Urnersee aufgewachsen und hat sich den Städten langsam angenähert: Zuerst zog sie ins nahe Luzern, dann studierte sie an der Ecole cantonale d’art in Lausanne und anschliessend besuchte sie zwei Jahre die Fotoklasse in Zürich. In der Limmatstadt lebt sie jetzt seit sieben Jahren, widmet sich der Kunst, arbeitet aber auch im Bereich der angewandten Fotografie und gestaltet Reportagen und Porträts.


Nach China ist sie mit Zeichenstiften, Skizzenheften und drei Kilogramm analogem Filmmaterial gereist. Und hat neben dem Zeichnen, wie sie sagt, «geknipst». Sehr viel geknipst, und auch kurze Filme gedreht. Was ihr vor Augen kam, hat sie überwältigt. «Ich ging stundenlang, tagelang durch die Strassen. Immer wieder. Bis zum letzten Tag der Abreise.» Dabei wurden die Kreise, die sie zog, immer grösser. Sie war zu Fuss unterwegs, benützte das Velo, den Bus, das Taxi. Die Horizonte weiteten sich, die Erfahrungen vervielfältigten sich. In Kunming leben fast so viele Leute, wie in der Schweiz: sieben Millionen. Einzelne lernte sie kennen: «Da war diese Gemüsehändlerin. Zuerst sah ich nur den kleinen, fensterlosen Laden. Dann bemerkte ich die Leiter im Hintergrund. Das war nicht nur ein Verkaufsladen, die Frau schlief auch da, etwas erhöht über ihrem Gemüse.»




Die junge Schweizerin erlebte China als höchst exotisch. Wobei die lebendigen Märkte viel geordneter und gepflegter waren, als sie es erwartet hatte. «Aber die Menschen überraschten mich Tag für Tag: Sie bewegen sich anders, sie schämen sich für anderes, sie kommunizieren anders und vieles ergibt für uns keinen Sinn.» Die Leute wissen sich selbst zu unterhalten: «Mein Lieblingsort in Kunming war der Green Lake Park. Ein Besuch verschaffte mir stets Momente des Staunens und unglaubliche Begegnungen.» Die Leute lagern in Gruppen. Sie schminken und verkleiden sich. Sie singen und spielen Musik. Und sie tanzen immerzu. Manche führen ihre Vögel spazieren und hängen die Käfige an einen Baum, wenn sie turnen. «Und im Sommer wird der See zu einem Meer voll von Lotusblüten und -blättern.»

Nathalie Bissig lebte in einem chinesischen Wohnblock: «Ich fand es sehr bereichernd, als einzige «Langnase» mitten unter Chinesen wohnen zu dürfen.» Nathalie Bissig arbeitete viel zuhause in der geräumigen Wohnung, für grössere Projekte benützte sie das zur Verfügung stehende Studio. Für eine Ausstellung baute sie in dessen Halle Hochhäuser aus Ton und Holz. Der trocknende, sich zusammenziehende Ton liess die Gebäude nach einigen Tagen einstürzen. Das Kunstprojekt war durch die tägliche Erfahrung in Kunming motiviert: «Kunming ist eine einzige riesige Baustelle. Ganze Häusersiedlungen werden niedergerissen und im Nu neue Blocks hochgezogen. Zuerst dachte ich, der Staub über der Stadt stamme aus der Wüste. Dann sagte man mir: Der Staub kommt vom Abreissen der Häuser.»




Die Koordinatorin Liu Lifen hilft, China und seine Bevölkerung zu verstehen. Sie ist selbst Künstlerin, betreibt eine Ateliergemeinschaft für Künstler aus aller Welt und betreut jeweils die Zürcher Stipendiaten. «Ihre Rolle ist zentral und sie nimmt sie auf begeisternde Weise wahr. Liu Lifen schlägt Brücken und hat mir den Zugang zu den Menschen ermöglicht, wo immer ich es wünschte. Ohne von ihr eingeführt zu werden, würde man als Ausländer auch mal vor verschlossenen Türen stehen.» Nebst dem Passieren der kulturellen Grenze galt es, mit der sprachlichen Hürde zurechtzukommen.  Nathalie Bissig nahm Einzelunterricht in Chinesisch. «Ich lernte ein paar grundlegende Begriffe für den Alltag – aber natürlich reichte das nicht, um mich zu verständigen.» Zum Einkaufen ging sie mit Schriftzeichen, die sie akkurat von einem Computerprogramm kopiert hatte. Die Schweizerin lernte, auf nichtsprachliche Weise zu kommunizieren: mit Zeichnen, mit Zeichen, mit Gesten und Mimik.

Reisen führten sie in Bauerndörfer der Minoritäten der Naxi und der Yi. Die Dorfbewohner beherbergten sie. Als Dank schenkte ihnen die Reisende ein Schwein. Viele der Zeichnungen in Nathalie Bissigs Heften sind vom traditionellen dörflichen Leben inspiriert. Aber Nathalie Bissig ist keine Ethnologin. Nie geht es ihr um Illustration. «Beim Zeichnen lasse ich mich gerne selber überraschen. Ich überlasse mich dem Blatt und dem Stift und freue mich über Unfälle, die mir beim Zeichnen passieren.» Bewusst hat sie sich nie im Zeichnen schulen lassen, sie will sich auf diesem Feld eine gewisse unschuldige Frische bewahren. Man erhält den Eindruck, dass die ausgebildete Fotografin auch mit ihrem «Knipsen» und Filmen einen neuen Weg zu einem freieren Umgang mit der Kamera gefunden hat. «Die selbstauferlegten Grenzen haben sich gelockert. Der Aufenthalt in Kunming hat mir die Möglichkeit gegeben, auf Zeit ein unbeschriebenes Blatt zu sein. Ich befand mich fernab von Freunden und Familie. Das hat mich offen gemacht für alle möglichen Eindrücke, Erfahrungen und für Experimente. Ich hatte keine Erwartungen, als ich in China ankam – habe dann aber alles bekommen.»

Das Präsidialdepartement der Stadt Zürich vergibt Ateliers in Genua, Paris, New York, Kunming, San Francisco (in Zusammenarbeit mit der Kadist Foundation), in Varanasi (in Zusammenarbeit mit der Städtekonferenz Kultur SKK) sowie in Kairo (in Zusammenarbeit mit der Städtekonferenz Kultur SKK und Pro Helvetia).

Text: Peter Schneider, Redaktor




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Nathalie Bissig

Weitere Informationen zu den Arbeiten und zum Werk von Nathalie Bissig finden sich auf den Websites der Künstlerin:

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