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November 2011

Persönlich-Kolumne: Gute alte Zeit?

Publikation Tagblatt der Stadt Zürich

Martin Waser, Vorsteher Sozialdepartement

Martin Waser, Vorsteher Sozialdepartement

Zurzeit zeigt eine Ausstellung im Schulhaus Kern ein düsteres Kapitel der jüngeren Geschichte: Kinder wurden verdingt, weil ihre Eltern arm oder geschieden waren oder in einer anderen Hinsicht nicht der Norm entsprachen. Die ehemaligen Verdingkinder – die oft ausgenutzt, missbraucht, geschlagen wurden – erzählen in einem Film und an Hörstationen, was sie erlebt haben.

Mich hat die Ausstellung an Gespräche mit meiner Mutter erinnert. Ich habe mit ihr später oft über ihr idealisiertes Bild von den «guten alten Zeiten» gestritten. Nach dem frühen Tod ihres Vaters musste meine Mutter schon als Kind hart arbeiten, aber ihre Mutter konnte ihr doch auch Wärme und Geborgenheit geben. Die Erzählungen der Verdingkinder in der Ausstellung lassen deutlich erkennen, dass sie nicht in erster Linie unter der Arbeit und dem mangelnden Komfort litten, sondern daran, dass sie kein Zuhause hatten, niemanden, der bedingungslos zu ihnen hielt.

Viele ehemalige Verdingkinder sind empört, dass sich niemand, auch nicht die verantwortlichen Behörden, für ihr Schicksal interessierte – darin sehe ich den eigentlichen Skandal. Die Missstände waren offenbar in gewisser Weise gesellschaftlich akzeptiert: Ein uneheliches Kind hatte «halt Pech gehabt», seine Herkunft war moralisch fragwürdig. Autoritäten, die über das Schicksal fremder Leute entscheiden, wurden kaum in Frage gestellt.

Wir versuchen es heute besser zu machen: Wenn ein Kind nicht bei seinen Eltern aufwachsen kann und in einer Pflegefamilie platziert werden muss, kann es seine Meinung einbringen.

So bleiben schliesslich zwei Erkenntnisse. Erstens: Auch in der guten alten Zeit konnte es einem schlecht ergehen. Zweitens: Wir können nicht sicher sein, dass wir nicht auch heute Fehler machen, die zukünftige Generationen einmal aufarbeiten müssen.

Martin Waser,
Vorsteher Sozialdepartement

 


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