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Januar 2012

Persönlich-Kolumne: Ungleiche Ellen

Publikation Tagblatt der Stadt Zürich

Martin Waser, Vorsteher Sozialdepartement

Martin Waser, Vorsteher Sozialdepartement

Als asymmetrische Kriegsführung bezeichnet man militärische Auseinandersetzungen, bei denen die eine Partei deutlich unterlegen ist und in einem offenen Gefecht nicht gewinnen könnte. Durch Nadelstiche gelingt es ihr jedoch, die stärkere Partei zu zermürben. Beispielsweise wurden in Afghanistan und Vietnam mit Guerilla-Taktik vielfach überlegene sowjetische bzw. amerikanische Armeen zum Abzug gezwungen.

Mich erinnern die Auseinandersetzungen um den Präsidenten des Direktoriums der Schweizerischen Nationalbank an asymmetrische Kriegsführung. Da stand auf der einen Seite ein fachlich herausragender, international vernetzter und nach meinem Eindruck integrer Notenbanker – der ungeschickt gehandelt und einen Fehler gemacht hat. Ihm gegenüber standen Politiker und Journalisten, die für sich in Anspruch nehmen, dass sie Unterstellungen machen und lügen dürfen, wenn ihres Erachtens das Motiv stimmt – etwa um die Besitzverhältnisse bei ihren Zeitungen zu verschleiern.

Diese Situation ist offensichtlich asymmetrisch: Die eine Seite ist auf eine hohe Glaubwürdigkeit angewiesen und darum verletzlich. Die andere Seite hat ihren Ruf längst verspielt, aber hier schliesslich gesiegt. Sie konnte über ein Jahr hinweg endlos Vorwürfe erheben, so lange, bis etwas hängen blieb – dann geriet die andere Seite unter Druck. Mir macht es Sorgen, dass jemand seinen Job nicht mehr machen kann und zurücktreten muss, wenn er nach einem jahrelangen Beschuss mit teilweise abstrusen Vorwürfen irgendwann in einem Punkt seine Unschuld nicht beweisen kann – entgegen dem Grundsatz, dass vielmehr die Schuld zu beweisen wäre.

So bleiben schliesslich zwei Erkenntnisse. Erstens: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt’s sich völlig ungeniert. Zweitens: Wenn zwei das Gleiche tun, ist es nicht das Gleiche.

Martin Waser,
Vorsteher Sozialdepartement


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