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Oktober 2009

Persönlich-Kolumne: Momentaufnahme

Publikation im Tagblatt der Stadt Zürich

Finanzvorstand Martin Vollenwyder

Finanzvorstand Martin Vollenwyder

Wie stark die heutigen Medien im Momentum agieren, wird mir dieses Jahr deutlich vor Augen geführt.

Im Frühjahr waren alle Medien täglich mit Meldungen zur Schweinegrippe-Pandemie und zur Wirtschaftskrise übervoll. Was die wirtschaftliche Entwicklung betraf, tönte es unisono: Es ist die schlimmste Krise seit den 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts, und die Erholung wird mehrere Jahre dauern. Als Finanzvorstand wurde ich wiederholt als Schönfärber betitelt, der für das laufende Jahr ein zu kleines Defizit - es ist weiss Gott gross genug - voraussehe!

Seit dem Spätsommer hat sich interessanterweise das Blatt gewendet. Kaum sind mehrere Firmen, insbe-
sondere eine der beiden Grossbanken, mit deutlich besseren Ergebnissen als erwartet an die Öffentlichkeit getreten, werde ich gefragt, ob ich das Defizit im Budget 2010 nach unten korrigieren könne.

Diese Korrektur ist nicht möglich, denn die öffentliche Hand profitiert von den besseren Ergebnissen der Wirtschaft immer erst mit rund zweijähriger Verzögerung. Dies hängt einerseits mit den Verlustvorträgen aus der Krise und mit der definitiven Steuereinschätzung zusammen. Anders ausgedrückt heisst dies, dass die Jahre 2010 und insbesondere 2011 noch eine grosse Herausforderung darstellen. Für 2011 ist vor allem ungewiss, wie sich die immer am Schluss einer Wirtschaftskrise hohe Arbeitslosigkeit auf die Sozialkosten auswirkt.

Positiv an den jüngsten Meldungen ist jedoch, dass die Einschätzung, die Krise werde sehr, sehr lange andauern, glücklicherweise falsch ist. Damit erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass 2012 tatsächlich wieder eine ausgeglichene Rechnung präsentiert werden kann, deutlich.

Darüber bin ich sehr froh und nehme es in Kauf, jeweils aus einer Momentaufnahme heraus als Schönfärber oder als was auch immer betitelt zu werden. Finanzpolitik ist langfristig ausgerichtet und kann mit Momentaufnahmen schlecht beurteilt werden. Der Stadtrat setzt alles daran, auch in Zukunft eine verantwortungsvolle Finanzpolitik zu betreiben.

Martin Vollenwyder,
Vorsteher Finanzdepartement


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