Navigationspfad
Zum Seitenanfang
Publikationen & Broschüren
Persönlich-Kolumne: Momentaufnahme
Publikation im Tagblatt der Stadt Zürich
Finanzvorstand Martin Vollenwyder
Wie stark die heutigen Medien im Momentum agieren, wird mir
dieses Jahr deutlich vor Augen geführt.
Im Frühjahr waren alle Medien täglich mit Meldungen zur
Schweinegrippe-Pandemie und zur Wirtschaftskrise übervoll. Was die
wirtschaftliche Entwicklung betraf, tönte es unisono: Es ist die
schlimmste Krise seit den 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts, und
die Erholung wird mehrere Jahre dauern. Als Finanzvorstand wurde
ich wiederholt als Schönfärber betitelt, der für das laufende Jahr
ein zu kleines Defizit - es ist weiss Gott gross genug -
voraussehe!
Seit dem Spätsommer hat sich interessanterweise das Blatt
gewendet. Kaum sind mehrere Firmen, insbe-
sondere eine der beiden Grossbanken, mit deutlich besseren
Ergebnissen als erwartet an die Öffentlichkeit getreten, werde ich
gefragt, ob ich das Defizit im Budget 2010 nach unten korrigieren
könne.
Diese Korrektur ist nicht möglich, denn die öffentliche Hand
profitiert von den besseren Ergebnissen der Wirtschaft immer erst
mit rund zweijähriger Verzögerung. Dies hängt einerseits mit den
Verlustvorträgen aus der Krise und mit der definitiven
Steuereinschätzung zusammen. Anders ausgedrückt heisst dies, dass
die Jahre 2010 und insbesondere 2011 noch eine grosse
Herausforderung darstellen. Für 2011 ist vor allem ungewiss, wie
sich die immer am Schluss einer Wirtschaftskrise hohe
Arbeitslosigkeit auf die Sozialkosten auswirkt.
Positiv an den jüngsten Meldungen ist jedoch, dass die
Einschätzung, die Krise werde sehr, sehr lange andauern,
glücklicherweise falsch ist. Damit erhöht sich die
Wahrscheinlichkeit, dass 2012 tatsächlich wieder eine ausgeglichene
Rechnung präsentiert werden kann, deutlich.
Darüber bin ich sehr froh und nehme es in Kauf, jeweils aus
einer Momentaufnahme heraus als Schönfärber oder als was auch immer
betitelt zu werden. Finanzpolitik ist langfristig ausgerichtet und
kann mit Momentaufnahmen schlecht beurteilt werden. Der Stadtrat
setzt alles daran, auch in Zukunft eine verantwortungsvolle
Finanzpolitik zu betreiben.
Martin Vollenwyder,
Vorsteher Finanzdepartement

