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Publikationen & Broschüren
Persönlich-Kolumne: Weisse Gewohnheiten
Publikation im Tagblatt der Stadt Zürich
Sozialvorsteher Martin Waser
Etwa zehn Jahre ist es her, als meine gesamte Familie, sowohl meine
Frau als auch meine Söhne, die sich damals im Teenager-Alter
befanden, meinten: «Wenn du weiter Skifahren willst, musst du das
in Zukunft ohne uns machen.» Und so verschwand das Skifahren, die
einzige Sportart, in der ich wirklich jemals gut war. Innerlich
hatte ich mir ihr abgeschlossen.
Das Blatt wendete sich in diesem Januar. Mein Sohn, nun Mitte
Zwanzig, fragte mich an Weihnachten zu meiner Überraschung, ob ich
nicht wieder einmal mit ihm zum Skifahren käme. Auch ein bisschen
geschmeichelt, sagte ich natürlich spontan zu.
Das Wochenende rückte näher. Ich freute mich zwar darauf, aus
der Januar-Nebelsuppe herauszukommen. Trotzdem war es mir ein wenig
mulmig: Kann ich das überhaupt noch? Oder ist es in meinem Alter
nicht ein bisschen keck zu meinen, das ginge dann einfach so? Ist
das heute, da alle so schnell fahren, nicht zu riskant?
Aufgrund meiner Zusage blieb mir allerdings nichts anderes übrig,
als meine Befürchtungen zu überwinden und einen Realitätstest
vorzunehmen. An einem Tag mit pulvrigen Pisten mieteten wir das
neuste Material, begaben uns in die Höhe und fuhren los.
Welche Überraschung: Skifahren ist wie Velo fahren, nach zwei
Minuten war alles wie früher. Ich wurde zwar rascher müde und
fasste einen Muskelkater, aber keinesfalls möchte ich – wie so oft
im Leben – auf einen solchen Tag verzichten. Es war formidabel: die
Natur, das Fahrgefühl, die Sonne, das Zusammensein mit meinem Sohn.
Nach diesem Bilderbuchtag bleiben zwei Erkenntnisse: 1. Es
ist nie zu spät im Leben, liebgewonnene, aber aufgegebene
Gewohnheiten wieder zu pflegen. 2. Gelerntes kann einem niemand
wegnehmen.
Martin Waser,
Vorsteher Sozialdepartement

