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Dezember 2009

Persönlich-Kolumne: Wir Zauberlehrlinge

Publikation im Tagblatt der Stadt Zürich

Gerold Lauber, Vorsteher Schul- und Sportdepartement

Gerold Lauber, Vorsteher Schul- und Sportdepartement

In der Regel ist die Geschichte am Tag nach der Abstimmung erledigt. Die Sieger jubeln, die Verlierer erklären und sehen das Positive. Bei der Minarett-Initiative ist alles anders. Noch 10 Tage später ist das Thema in den Leitspalten der Chefredaktoren. Muslimische Herrscher und Präsidenten sind erzürnt, sprechen von Faschismus und Intoleranz. Nicht alle sind hierzu legitimiert; einige kennen die Grundrechte nicht mal vom Hörensagen. Europas Nationalisten ihrerseits applaudieren. Das wiederum müsste uns stutzig machen und zu denken geben.

Eine starke Mehrheit der Abstimmenden hat Ja gesagt. Ich kenne wenige, die dieses Ja offen bestätigen. Wollten viele ein Zeichen setzten, im Glauben, dieses würde schon nicht zu deutlich ausfallen? Die Frage war eine einfache; die Hintergründe der Antworten wohl sehr vielschichtig: jahrhunderte alte Angst vor der fremden Kultur und Religion, Verunsicherung durch Globalisierung, bedrohte Arbeitsplätze, verlorenes Selbstverständnis durch Diskussionen um Bankgeheimnis, Finanzkrise, Polanskiverhaftung und Lybien-Debakel. 2009 war kein Schweizer Jahr, trotz U-17-WM-Titel. Wir waren weltweit im Gespräch, meist negativ; das Minarettverbot die Krönung vor Jahresende.

Das ist nicht das Ende der Geschichte. Wir werden Gelegenheit erhalten zur Korrektur, für positivere Signale: das Parlament in Bern bei der Ausschaffungsinitiative, die Richter in Lausanne bei der Anwendung des vom Volk gesetzten Rechts, die Richter in Strassburg als Erfüllungsgehilfe in gleicher Sache.  Wir alle aber können täglich am Image einer toleranten, offenen und liberalen Gesellschaft arbeiten:  im Kontakt mit allen unseren Mitmenschen im Tram, auf dem Pausen- und am Arbeitsplatz, in der Bar, im Auto, Zug und Treppenhaus. Halten wir es mit Goethe im Zauberlehrling:  «In die Ecke, Besen, Besen! Seid's gewesen.»

Gerold Lauber,
Vorsteher Schul- und Sportdepartement


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