Navigationspfad
Zum Seitenanfang
Blasenstörungen bei der Frau
Unkontrollierter Urinverlust ist ein heikles Thema. Für
betroffene Frauen ist es oft schwierig, darüber zu reden. Der
Vortrag von PD Dr. Daniel Passweg, stellvertretender Chefarzt der
Frauenklinik Maternité, zeigt mögliche Ursachen und Behandlungen.
Die wichtigsten Punkte sind hier zusammengefasst.
Illustrationen: PD Dr. Daniel Passweg
Soll Urinverlust ein Tabuthema sein?
Mit zunehmendem Alter nimmt die Häufigkeit des unkontrollierten
Urinverlustes zu. Ursachen für die Inkontinenz bei der Frau können
sein: Die Muskelfasern der Harnröhre haben sich altersbedingt
zurückgebildet, die Blasenmuskulatur ist degenerativ verändert oder
es liegt ein Hormonmangel vor. Zudem sind bei der Frau durch
Geburten oftmals die Beckenboden-Muskulatur und der Aufhängeapparat
geschädigt.
Um die Inkontinenzmechanismen besser zu verstehen, ist
es aufschlussreich, die Einbettung der Blase aus verschiedenen
Blickwinkeln zu betrachten.
Anatomie
Die Blase im weiblichen Becken: Die folgenden Bilder zeigen
unterschiedliche Ansichten, Modelle und Annäherungen an die
Problematik der Blase.
Der folgende Link öffnet ein neues Fenster:
Bild vergrössern
Abb. 1: Der Beckenboden von vorne: Der Abschluss nach unten ist muskulär und bindegewebig komplex.
Das knöcherne Becken kann von vorne als eine Art Trichter gesehen
werden: Abb. 1 zeigt das Becken trichterförmig offen nach unten.
Der Trichter ist umgeben von einem komplexen muskulären und
bindegewebigen Abschluss mit verschiedenen Muskel- und
Gewebeschichten auf. Dieser Abschluss braucht auch natürliche
Lücken für die Harnröhre, die Vagina und den Enddarm.
Der folgende Link öffnet ein neues Fenster:
Bild vergrössern
Abb. 2: Seitliche Ansicht nach Ulmsten (Behandlung Verschlussschwäche).
Das Modell der "Integraltheorie nach Ulmsten" (Abb. 2) verlangt
nach einer eher seitlichen Darstellung des kleinen Beckens.
Mit diesem Modell wird ein ausgeglichenes Kräfteverhältnis
durch die diversen Muskelzüge postuliert. Das ausgeglichene
Kräfteverhältnis hält Blase und Harnröhre in der richtigen
Stellung.
Der folgende Link öffnet ein neues Fenster:
Bild vergrössern
Abb. 3: Dynamische Hängematte (nach De Lancey).
Eine weitere, eher dreidimensionale, halbseitliche Vorstellung ist das Modell von De Lancey (Abb. 3). Es wird auch als dynamische Hängematte umschrieben. Die Harnröhre hängt wie in einer Hängematte dynamisch in der endopelvinen Faszie (Bindegewebsfaser).
Der folgende Link öffnet ein neues Fenster:
Bild vergrössern
Abb.4: Beteililgte Nervenzentren.
Das Wasserlösen findet nicht nur in der Blase statt. Es gibt
Miktionszentren (Wasserlösezentren) im Sakralmark, im Stammhirn
sowie im Grosshirn. Störungen können auf jeder Ebene entstehen und
für eine Inkontinenz verantwortlich sein.
Abb. 4 zeigt das Wasserlösen als koordinierten Ablauf.
Die Blase ist im weitesten Sinne ein Endorgan. An der Steuerung
beteiligt sind das Grosshirn, das Stammhirn und die Reflexzone im
Sakralmark.
Die drei wichtigsten Krankheitsbilder in der Urogynäkologie
sind
- die Verschlussschwäche (oft auch Belastungs- oder Stressinkontinenz genannt),
- die Reizblase (oft auch hyperaktive Blase, Detrusorinstabilität, Dranginkontinenz oder Hausschlüsselinkontinenz genannt) sowie
- der Blasenvorfall.
Verschlussschwäche der Blase
Prinzipiell ist die Blase gesund: der Verschlussmechanismus ist
defekt. Die Patientin verliert Urin beim Niesen, Husten, Lachen,
Treppensteigen, Heben von Lasten, beim Sport und bei der Arbeit.
Als Ursache für die Verschlussschwäche der Harnröhre lassen sich
gedanklich 2 Ursachen trennen:
- Veränderungen in den äusseren Strukturen,
- Verlust des Eigendruckes der Harnröhre.
Der folgende Link öffnet ein neues Fenster:
Bild vergrössern
Abb. 5: Was passiert beim Husten? Übertragung des Drucks (nach Enhörnig).
Der folgende Link öffnet ein neues Fenster:
Bild vergrössern
Abb. 6: Harnröhre: Gründe für schlechten Eigeninnendruck.
Auf der anderen Seite steht der Verlust des Eigendrucks der
Harnröhre (Abb.6). Der Eigeninnendruck der Harnröhre nimmt mit dem
Alter kontinuierlich ab, einerseits weil die Harnröhrenschleimhaut
an Qualität verliert, die Harnröhrenmuskulatur kontinuierlich
abnimmt, und auch die Beckenbodenmuskulatur, welche in die
Harnröhre einfliesst, sich mit dem Alter verschlechtert. Dieses
Auseinanderdividieren der einzelnen Komponenten lässt
Therapieoptionen ableiten:
Die Harnröhrenschleimhaut kann durch eine Östrogengabe
verbessert werden, die Harnmuskulatur kann durch Medikamente
(Yentreve) tonisiert und der Zustand der Beckenbodenmuskulatur
durch Physiotherapie verbessert werden.
Auch die Vorstellung des Verlustes des Halteapparates lässt
therapeutische Konzepte entstehen. Durch Überdehnung der
suburethralen Bänder (Bänder unterhalb der Harnröhre) kommt es
unter der mittleren Harnröhre (Urethra) zum Verlust des urethralen
Widerlagers und so zum Urinverlust. Das Widerlager kann wieder
hergestellt werden mit Urethralpessaren, welche in verschiedenen
Formen auf dem Markt vorhanden sind. Auch durch Physiotherapie
lässt sich das muskuläre Haltesystem verbessern und eine kontinente
Situation erreichen.
Die effektivste - aber nicht nebenwirkungsärmste -
Möglichkeit in der Behandlung der Verschlussschwäche ist die
Chirurgie. Die chirurgische Korrektur will der Urethra im mittleren
Anteil ein neues Widerlager geben, so dass es innerhalb der
Bauchhöhle bei der intraabdominalen Druckerhöhung nicht mehr zum
Absinken nach unten und damit zur Inkontinenz kommt.
Die älteren Operationstechniken nennt man 'Abdominale
Kolposuspensionstechniken' (es gibt verschiedene Variationen: MMK,
Cowan, Burch...). Prinzipiell brauchen diese Operationen eine
Vollnarkose, einen Bauchschnitt und eine Hospitalisation von 5 – 7
Tagen. Die Erfolgsrate ist mit 80 Prozent hoch, Probleme sind
Miktionsstörungen bei Überkorrektur, Drangbeschwerden und
Ausbildung eines partiellen Vorfalls (Enterozele).
Der folgende Link öffnet ein neues Fenster:
Bild vergrössern
Abb. 7: Die natürliche Aufhängung wird durch ein Polypropylene-Band ersetzt (TVT, TOT).
Für die neuen Operationstechniken steht das
TVT (Tension-free Vaginal Tape, s. Abb.7). Hier
wird ein Polypropylene-Band unter die mittlere Harnröhre eingelegt.
Der Eingriff geschieht in Lokalanästhesie und Analgosedation, ein
Bauchschnitt ist nicht möglich, das Vorgehen ist quasi ambulant.
Das Polypropylene-Band ersetzt das überdehnte pubourethrale
Ligament (die natürliche Befestigung am Schambein). Die Einlage
ohne Vollnarkose erlaubt auch, die Lage des Bandes während der
Operation auszutesten. In verschiedenen TV-Sendungen wurden diese
Operationstechniken in letzter Zeit gezeigt.
Diese TVT-Technik hat die Inkontinenzoperation
revolutioniert. Wie jedes erfolgreiche Produkt zog auch die
TVT-Bandoperation Nachahmerprodukte nach sich, heute sind ca. 12
Bänder auf dem Markt.
Dabei soll das TOT (Trans Obturator Tape) speziell erwähnt
sein, hier wird die Kunststoffschlinge nicht oberhalb der
Schambeinfuge, sondern zwischen dem oberen und unteren Schambeinast
hervorgezogen. Es gibt keine Studie, die einen Vorteil der einen
Methode gegenüber der anderen belegen würde.
Die chirurgische Therapie hat immer die höhere Erfolgsquote
als die konservative Therapie, andererseits sind mit dem Eingriff
Komplikationen wie Blasen- oder Gefässverletzungen, eine
Überkorrektur oder Drangbeschwerden möglich. Auch ist mit einer
Operation nie eine 100-prozentiger Operationserfolg garantiert.
Deshalb sollte jeweils vor einer Operation die konservative
Therapie ausgeschöpft werden.
Die Reizblase
Der folgende Link öffnet ein neues Fenster:
Bild vergrössern
Abb. 8: Reizblase: mögliche Ursachen.
Bei der Reizblase ist der Verschlussmechanismus gesund und die
Blase krank. Die Empfindlichkeit der Blase ist erhöht, das
Fassvermögen der Blase reduziert, der Blasenmuskel zieht sich
unkontrolliert zusammen. Typisch sind Drangbeschwerden mit
unkontrolliertem Urinverlust, häufiges Wasserlösen tagsüber und in
der Nacht, allenfalls Brennen beim Wasserlösen.
Die Reizblasensymptome (Abb.8) können eine klare Ursache
haben wie Hormonmangel, Infekte, Blasensteine oder Tumoren, die
Symptome können aber auch ohne erkennbare Ursache vorhanden sein,
dann muss das Krankheitsbild als degenerative Krankheit der
Blasenmuskulatur verstanden werden. Seltener ist die Reizblase
verursacht durch Störungen im Nervensystem. Entsprechend kann man -
wenn die ältere und sinnvollere Fachterminologie verwendet wird -
eine 'symptomatische Reizblase', eine 'idiopathische Reizblase'
(Detrusorinstabilität) und eine 'zerebral enthemmte Blase'
(Detrusorhyperreflexie) unterscheiden. Dabei ist mit 'Detrusor'
stets die Blasenwandmuskulatur gemeint, die den Befehl zur
Blasenentlereerung gibt.
Neben der Verbesserung der Trophik (des Muskulaturzustands)
mit lokalen Östrogenen und neben der antibiotischen Behandlungen
von Infekten stehen bei der Behandlung der Reizblase vor allem die
Medikamentengruppe der Anticholinergika im Vordergrund: Vertreter
sind Detrusitol, Emselex, Spasmourgenin-Neo, Ditropan und Urispas.
Als Verhaltensmassnahmen werden empfohlen: genügend hohe
Trinkmenge, Blasentees und Preiselbeersaft, unter dem
Blasentraining versteht man die strukturierte, sukzessive
Ausdehnung der Miktionsintervalle. Blasennoxen (für die Blase
schädigende Substanzen) wie z.B. hoher Kaffeekonsum, sind zu
vermeiden.
Der folgende Link öffnet ein neues Fenster:
Bild vergrössern
Abb. 9: Behandlung mit Botulinustoxin-Injektionen.
Physiotherapeutische Massnahmen beinhalten die Elektrostimulation
und die Verhaltenstherapie. Unter den neueren Therapie hat sich vor
allem die 'Botulinustoxin-Injektion' (Abb.9) als effektiv erwiesen,
die in Zürich von Frau Prof. B Schurch mitentwickelt wurde.
Das Botulinustoxin ist ein Nervengift, welches in einer sehr
tiefen Dosierung in die Blasenwand über eine Blasenspiegelung
eingespritzt wird. Die Wirkung hält über 9 Monate an. In
Regionalanästhesie werden über die Blasenspiegelung 100 – 200 IE
Botoxtoxin eingespritzt. Dies führt zu einer Desensibilisierung und
partiellen Lähmung der überaktiven Blase.
Abgesehen von diesem operativen Vorgehen ist die Chirurgie
bei der Reizblase verboten.
Der Blasenvorfall
Der folgende Link öffnet ein neues Fenster:
Bild vergrössern
Abb. 10: Der Blasenvorfall kann eine Folgeerscheinung von Geburten sein.
Während einer Geburt kommt es bei Frauen zu einer deutlichen
Überdehnung der Beckenbodenmuskulatur. Im späteren Leben kann durch
diese Überdehnung des bindegewebigen und muskulären Abschlusses des
kleinen Beckens eine Hernienlücke (Eingeweidebruch) entstehen, die
dann zu einem sogenannten Vorfall (Ausstülpung der Genitalorgane)
prädisponiert (Abb.10). Blase, Gebärmutter oder auch Enddarm können
einzeln oder zusammen vor die Scheide hernieren (auswölben). Es
kann zu Restharnbildung und zu Überlaufsinkontinenz kommen, auch
die Stuhlentleerung kann gestört sein.
Die konservative Behandlung dieser Situation kann gerade bei
betagten Patientinnen sehr befriedigend mit verschiedenen
Pessarformen durchgeführt werden.
Die chirurgische Sanierung beinhaltet die
Gebärmutterentfernung, die Raffungsoperationen und die neue
Fixation der Scheide im kleinen Becken. In diesem Zusammenhang
werden Mèche-Einlagen (gewobenes Band) kontrovers diskutiert.
Mögliche Behandlungen bei Inkontinenz
Der folgende Link öffnet ein neues Fenster:
Bild vergrössern
Abb.11 Operation ja oder nein?
Um eine vernünftige Therapiestrategie zu planen, muss zuerst die
genaue Ursache der Blasenschwäche verstanden werden. Die
Inkontinenz kann verschiedene Ursachen haben, verschiedene
Krankheiten führen zum Symptom der Inkontinenz.
Die Therapie muss individualisiert werden und dem Alter, dem
Leidensdruck und dem Therapiewunsch der Patientin angepasst sein.
Die Therapie soll auch stufenweise erfolgen, konservative, nicht
invasive, wenig belastende Therapieformen soll man zuerst
versuchen, bevor man sich zu chirurgischen Therapien entschliesst.
Eine sorgfältige Beurteilung und Beobachtung sind notwendig
(Abb.11).
Die Behandlung mit Hormonpräparaten ist wichtig. Das Östrogen
kann lokal mit Zäpfchen oder Vaginalcrème appliziert werden, die
systemische Behandlung mit Hormonen (Hormonersatztherapie) ist
natürlich auch möglich, jedoch genau abzuwägen. Die Applikation von
Hormonen führt zu einer verbesserten Schleimhaut im unteren
Urogenitaltrakt, es treten weniger Infekte auf.
Die Physiotherapie - die als Massnahme völlig ungefährlich
und nicht invasiv ist - hat ihren Platz sowohl in der Behandlung
der Verschlussschwäche der Blase wie bei der überaktiven Blase. Der
Effekt des Beckenbodentrainings als alleinige Massnahme gegen die
Stressinkontinenz ist dokumentiert. Eine gezielte individuelle
Physiotherapie mit Beckenbodengymnastik, Biofeedback-Therapie und
Elektrostimulation ist heute Standard. Auch bei der Behandlung der
Drang- oder Urgeinkontinenz (von engl. "urge", Drang) hat die
Physiotherapie ihren Platz. Das Ziel ist, die
Blasenspeicherfunktion zu verbessern. Dies erreicht man mit
Beckenbodengymnastik, mit Biofeedback, mit Verhaltenstraining und
mit Üben von Strategien, den Urinverlust bei der Detrusoraktivität
("Detruso", Muskel, der die Blase entleert) zu hemmen.
Die Pessartherapie galt lange Zeit als veraltet. Durch neue
gewebefreundliche und weiche Kunststoffmaterialien hat sich die
Pessartherapie revolutioniert und ein Revival erfahren.
Verschiedene Pessarmodelle eignen sich für die Behandlung von
Vorfallbeschwerden, bei der Inkontinenzbehandlung und zur
Vorbereitung für eine Operation.
Die Blase lässt sich vielfältig medikamentös beeinflussen. Am
Wichtigsten für uns sind die Anticholinergika, welche man bei der
hyperaktiven Blase einsetzt. Neben der gewünschten
blasenrelaxierenden Wirkung können auch Nebenwirkungen wie
Mundtrockenheit oder Verstopfung auftreten.
Die chirurgischen Therapien müssen klar indiziert sein und
sollen eingesetzt werden, wenn konservative Therapien nicht
greifen.
Abklärung
Eine Basisabklärung kann beim Hausarzt durchgeführt werden. Je nach
Situation ist eine Überweisung in ein spezialisiertes
gynäkologisches Kompetenzzentrum wie der Frauenklinik Maternité.
Das Uro-Team für Frauen im Stadtspital Triemli umfasst 5 Ärzte,
Ärztinnen. Es werden sämtliche notwendigen Abklärungen gemacht und
die Therapiemassnahmen zur Verfügung gestellt.
Beim ersten Abklärungsgang wird der Arzt eine ausführliche
Krankheitsgeschichte erfragen, zudem ist eine gynäkologische
Untersuchung notwendig - allenfalls wird man eine
Blasendruckmessung (
Urodynamik)
und eine Blasenspiegelung (Zystoskopie) als ergänzende
Untersuchungen durchführen. Die Untersuchungen dauern in der Regel
nicht mehr als 1 Stunde und sind völlig schmerzfrei.
Quintessenz:
Soll Urinverlust ein Tabuthema sein? Sicher nicht ! !
Urininkontinenz ist ein Symptom, dem verschiedene Krankheiten zu
Grunde liegen können. Es ist nicht sinnvoll, sich damit zu
verstecken. Eine genaue ärztliche Abklärung kann die Ursache
aufzeigen. Heute steht eine breite Palette an therapeutischen
Möglichkeiten zur Verfügung.
(Zusammenfassung des Vortrags von Dr. Daniel Passweg, stv.
Chefarzt Frauenklinik Maternité)