Marc, du bist Poly-Disponent bei SRZ. Wie kann man sich den Ablauf einer Schicht vorstellen?
Als Poly-Disponent disponiere ich in der Einsatzleitzentrale (ELZ) die Einsatz- und Rettungsmittel der Sanität und der Feuerwehr – je nach dem, in welcher Funktion ich eingeteilt bin. Nehmen wir als Beispiel die Dispo 144: Meine Schicht startet um 6.30 Uhr morgens mit dem Rapport. Hier werden Themen besprochen, die alle betreffen, zum Beispiel die Wetterlage oder bevorstehende Grossereignisse. Anschliessend gibt es einen kleineren Rapport mit den Kolleg*innen, die ich ablöse. Ich verschaffe mir einen Überblick über die laufenden Einsätze und finde mich in die aktuelle Situation ein. Ich muss wissen, welche Mittel mir gerade zur Verfügung stehen, wo die Fahrzeuge unterwegs sind und welche Teams auf den Rettungswagen bald abgelöst werden müssen. Da wir in der Dispo 144 für die Rettungsmittel in vier Kantonen – Zürich, Schwyz, Schaffhausen und Zug – zuständig sind, kann dieser Prozess je nach Einsatzdichte sehr aufwendig sein. Sobald ich die Mittelübersicht habe, löse ich meine*n Kolleg*in definitiv ab und beginne mit dem Kern meiner Arbeit: der Disposition. Von den medizinischen Fachpersonen ELZ, die direkt vor mir sitzen und Notrufe entgegennehmen, erhalte ich Einsätze. Durch eine strukturierte Notrufabfrage ermitteln sie die Dringlichkeit des Einsatzes. Die medizinische Fachperson ELZ gibt den Einsatz zur Disposition frei und bleibt währenddessen mit der anrufenden Person am Telefon, um ihr Anweisungen zur Ersthilfe zu geben. Zeitgleich kann ich das geeignetste und schnellste Rettungsmittel losschicken. Das können je nach Situation ein oder mehrere Rettungswagen sein, ein*e Notärzt*in, manchmal auch ein Helikopter. Da im Schnitt in der Einsatzleitzentrale alle 83 Sekunden das Telefon klingelt, kann das dazu führen, dass ich in einer strengen Schicht bis zu 150 Einsätze pro Tag bearbeite.
Worauf musst du bei der Disponierung achten?
Die Dringlichkeit ist entscheidend. Lebensbedrohliche Einsätze haben Priorität, das sind sogenannte Nächst-Best-Einsätze. Das bedeutet, dass ich das nächstgelegene Rettungsmittel an den Notfallort disponiere. Das Einsatzleitsystem errechnet innert Sekunden, welches Einsatzmittel am schnellsten vor Ort ist. Ich prüfe, ob der Vorschlag plausibel ist und löse die Disposition aus. Wenn also beispielsweise ein Rettungswagen auf dem Weg zu einem Einsatz ist, dieser aber unterwegs an einem noch dringlicheren Notfall vorbeifährt, dann ziehe ich den Rettungswagen vom ursprünglichen Einsatz wieder ab und ziehe ihn auf den dringlichen Einsatz. Das bedeutet aber, dass ich einen anderen Rettungswagen sofort nachalarmieren muss, damit ich beide Einsätze abdecken kann.
Hinzu kommt, dass ich dafür verantwortlich bin, dass jederzeit genügend Rettungsmittel über das ganze Dispositionsgebiet verteilt sind. Wenn sich die Einsätze in einem Gebiet häufen, muss ich sicherstellen, dass ich weiterhin genügend Rettungswagen habe, die zu einem weiteren Notfall ausrücken könnten, sodass kein Gebiet unterversorgt ist. Das kann sehr herausfordernd sein, denn die Teams auf den Rettungswagen müssen alle einmal eine Pause einlegen, um für ihre 12-Stunden-Schicht einsatzfähig zu bleiben – darum stehen mir nicht immer alle Rettungswagen zur Verfügung. Ich muss also vorausschauend handeln und trotzdem immer auf Unvorhergesehenes reagieren können.
Wie gehst du bei der Disponierung vor?
Das Vorgehen kann man mit einem Strategiespiel vergleichen: Ich muss wissen, wo meine Figuren sind, um sie gezielt verschieben zu können. Die oben genannten Nächst-Best-Einsätze haben Priorität: Während meine Kolleg*innen als medizinische Fachpersonen ELZ zum Beispiel am Telefon eine Reanimation anleiten und die Informationen dank der strukturierten Notrufabfrage zeitgleich zu mir in die Dispo weiterleiten können, schicke ich bereits während des Telefonats die nächstgelegenen Rettungsmittel zum Notfallort los. Bei nicht-dringlichen Einsätzen habe ich mehr Spielraum bei der Entscheidung, welche Rettungsmittel ich disponiere. Allerdings gilt es da immer darauf zu achten, dass ich diejenigen Rettungsdienste aufbiete, die für eine bestimmte Region zuständig sind. Das System liefert mir für viele Situationen Vorschläge, die ich prüfe – letztendlich bin ich es aber, der entscheidet und die Disposition auslöst.
Wo liegen die Herausforderungen in deinem Beruf?
Für diesen Job ist es wichtig, körperlich und geistig fit zu sein, denn die Arbeit erfordert hohe und lückenlose Konzentration. Die gesetzlichen und betrieblichen Vorgaben regeln, wie gehandelt und nach welchen Kriterien Entscheidungen getroffen werden müssen – aber durch das Spannungsfeld, in dem wir uns bewegen, kann es sehr herausfordernd sein, allem gerecht zu werden. Ein Beispiel: Wenn ich bereits viele laufende Einsätze habe und dann gleichzeitig nochmals zwei Nächst-Best-Einsätze hereinkommen, für die ich beide das schnellstmögliche Rettungsmittel schicken muss, wird es schwierig. In dieser Situation kann es passieren, dass ich nun ein Team auf einem Rettungswagen disponieren muss, das eigentlich gleich Feierabend hätte. Ich muss immer abwägen und priorisieren – in diesem Sinne fliessen auch Recht und Ethik in unsere Arbeit mit ein. Ich kann jedoch jederzeit auch die Schichtleitung miteinbeziehen, um meinen Entscheid breiter abzustützen.
Was schätzt du besonders an deinem Job?
Genau dieses Spannungsfeld und die zuvor erwähnten Herausforderungen machen meinen Job interessant und abwechslungsreich. Ich arbeite an mir selbst, um mit Druck und Verantwortung umzugehen und mein Fachwissen zu erweitern. Ich mag es, meine Entscheidungen zu reflektieren und mir dabei auch meiner eigenen Prägung als immer noch ausrückender Rettungssanitäter bewusst zu sein. Dabei kann ich mich selbst einbringen und – wie man so schön sagt – Brücken schlagen zwischen den ausrückenden Teams und der Einsatzleitzentrale.
Welchen beruflichen Hintergrund bringst du mit?
Seit zwölf Jahren arbeite ich als dipl. Rettungssanitäter HF – diese Arbeit habe ich auch mit meinem Job als Polydisponent nicht aufgegeben. Die Erfahrung als Rettungssanitäter hilft mir sehr für das Verständnis der Prozesse in der ELZ. Im letzten Jahr habe ich mit der Ausbildung zur medizinischen Fachperson ELZ und anschliessend zum Poly-Disponenten begonnen. Die Ausbildung ist fordernd, aber sehr spannend und beinhaltet eine Vielzahl an verschiedenen Themen wie z.B. Notrufkommunikation, Ethik und Recht, Technik, Funk, betriebliche und kantonale Vorgaben und Fallanalysen.
Was braucht es, um Poly-Disponent bei SRZ zu werden?
Die Voraussetzung ist, bereits als medizinische Fachperson ELZ tätig zu sein oder präklinische Erfahrung (z.B. als Rettungssanitäter*in) mitzubringen – vorzugsweise aus unserem Dispositionsgebiet –, um das Rettungswesen zu verstehen. Es braucht ausserdem eine hohe Belastbarkeit und die Fähigkeit, Situationen faktenbasiert und korrekt einzuschätzen, entsprechende Schlüsse zu ziehen und Handlungen daraus abzuleiten.