Als wir im dritten Stock des Einsatzorts ankamen, öffnete uns die Patientin die Wohnungstür. Sie war schweissgebadet und fasste sich krampfhaft an den Bauch. Ihre Augen waren vor Schmerz weit aufgerissen. Sie erzählte uns, dass sie seit Stunden unter heftigen Bauchschmerzen litt. Ihr Bauch war hart wie ein Brett und nur minimal nach vorn gewölbt. Beim Messen ihrer Vitalparameter stellten wir einen eher niedrigen Blutdruck und einen schnellen Puls fest. Die Art der Schmerzen war nicht typisch für eine Gallen- oder Nierenkolik.
Während ich die Anamnese durchführte, fragte ich die Frau, ob sie schwanger sei. Sie verneinte sofort. «Nicht möglich», sagte sie, und ich konnte die Verwirrung in ihren Augen sehen. Die Schmerzen kamen in Wellen, sie berichtete von unregelmässigen Menstruationsblutungen, zudem habe sie vor einigen Monaten aufgehört zu rauchen und wohl dadurch 15 Kilo an Gewicht zugenommen.
Mit der Zeit konnten wir eine Verringerung der Schmerzabstände beobachten. Ich besprach mich mit meinem Teamkollegen. Wir gingen von einem fortgeschrittenen Stadium einer Geburt aus. Ihre Schmerzen schienen unerträglich, und es war notwendig, sofort zu handeln. Ich legte ihr meinen Verdacht in einer kurzen und einfühlsamen Erklärung dar. Ihre Verwirrung war deutlich zu erkennen, und es schien, als wäre sie nicht mehr in der Lage, die Situation zu verstehen. Eine gynäkologische Untersuchung zur Absicherung unsererseits lehnte die Patientin entschieden ab.
Ich legte ihr eine Infusion, um sie während der Fahrt ins Spital zu stabilisieren. Aufgrund meiner Vermutung verabreichte ich ihr keine Schmerzmittel. In der Frauenklinik wurden wir von der diensthabenden Gynäkologin und zwei Hebammen empfangen. Und tatsächlich! Die Patientin befand sich mitten im Geburtsprozess. Ich begleitete das Team und die Patientin bis in den Kreisssaal und blieb bis zur Geburt an ihrer Seite. Es ist kaum vorstellbar, ein Kind zur Welt zu bringen, ohne sich darauf vorbereitet zu haben.
Als das Neugeborene schliesslich das Licht der Welt erblickte, drehte sich die Patientin zur Seite und sagte mit schwacher Stimme: «Tut es weg.» Diese Worte versetzten mir einen Stich ins Herz. Auf der einen Seite war da die erschöpfte, überforderte Frau und auf der anderen Seite ein gesundes kleines Wunder – ein Kontrast, der mich tief betroffen machte.
Das Phänomen, dass eine Frau schwanger ist und es nicht weiss oder merkt, ist tatsächlich real. Psychologie ist ein weites und komplexes Spektrum, und manchmal verdrängen Frauen die Symptome ihrer Schwangerschaft aus verschiedenen Gründen – sei es aus Angst, Ablehnung aufgrund eines Missbrauchs oder anderen emotionalen Belastungen. Der Körper hat eine bemerkenswerte Fähigkeit, sich anzupassen und sogar zu schützen, und manchmal kann die Realität so überwältigend sein, dass sie im Unterbewusstsein verborgen bleibt. Die Frau gab das Baby zur Adoption frei.