Um 12.00 Uhr geht bei der ELZ eine Fallübergabe der Schaffhauser Polizei ein: Eine Lehrperson hat eine telefonische Drohung erhalten. Der Anrufer kündigte an, mit Schusswaffen ins Schulhaus Gräfler in Schaffhausen zu kommen oder bereits dort zu sein. Die Calltakerin übernimmt den Fall und passt das Einsatzstichwort gemäss Protokoll auf «A-Amok» an. Beinahe gleichzeitig mit der Fallübergabe der Schaffhauser Polizei erreicht die ELZ ein Anruf eines Vertreters der Einsatzleitergruppe Sanität des Kantons Schaffhausen. Er informiert darüber, dass die Polizei eine Amoklage ausgerufen hat, und fordert zur Absicherung einen Rettungswagen (RTW) an.
In Abstimmung mit der Schichtleitung bietet die Disposition den Diensthabenden des ELZ-Führungspiketts auf. Schnell zeigt sich, dass das Aufgebot eines einzelnen Rettungswagens nicht zielführend gewesen wäre. Die nächsten Rettungsdienste rund um Schaffhausen sind in Bülach oder Andelfingen stationiert. Aufgrund der langen Anfahrtszeiten hätte die Versorgung von Trauma-Patient*innen durch nachrückende Einsatzkräfte deutlich länger gedauert. Deshalb wird, gestützt auf die Checkliste für Amoklagen, sofort eine standardisierte Alarmierung eingeleitet. Diese umfasst vier RTW, ein Notarzteinsatzfahrzeug (NEF) sowie den Führungsdienst. Im Kanton Schaffhausen ist der kantonale Einsatzleiter prioritär für den Führungsdienst verantwortlich. Am Spital Schaffhausen und in Andelfingen richtet die ELZ ausserdem Warteräume für Rettungsfahrzeuge ein. Somit bleibt bei parallelen Notfällen die Einsatzfähigkeit im Kanton gewährleistet.
Die Polizei weist die Lehrkräfte und Schüler*innen an, sich in den Klassenzimmern einzuschliessen. Nachdem Spezialeinheiten das Schulhaus durchsucht haben, kann die Polizei Entwarnung geben und das Schulhaus räumen. Anschliessend übernimmt der Zivilschutz, der an diesem Tag in der Nähe eine Übung durchführt, die Betreuung der Schüler*innen, Lehrkräfte und Angehörigen.
Noch während der Einsatz in Schaffhausen läuft, erreicht die ELZ um 13.14 Uhr eine weitere kritische Meldung vom Kommandanten der Berufsfeuerwehr Winterthur: «Wir haben eine Bombendrohung im Feuerwehrdepot erhalten. Wir müssen wahrscheinlich die Wache verlassen und umziehen.» Vor dem Gebäude sei ein verdächtiges Fahrzeug abgestellt worden, das mutmasslich Sprengstoff enthalte. Er sei bereits nach Winterthur unterwegs. Im Verlauf des Gesprächs mit dem Feuerwehrkommandanten erfährt die ELZ, dass das Feuerwehrdepot geräumt wird und sich die Mannschaft zum Ausweichstandort begibt.
Der Feuerwehrdisponent erstellt daraufhin einen Einsatz im Leitsystem und setzt das Einsatzstichwort «Bombenalarm». Der Schichtleiter wird unverzüglich hinzugezogen, er bietet wiederum den Diensthabenden des ELZ-Führungspiketts auf. Dieser hatte sich kurz zuvor an seinen Büroarbeitsplatz zurückgezogen, da sich die Lage in Schaffhausen bereits zu entspannen begonnen hatte. Gemeinsam entscheiden der Schichtleiter, die Disposition und der ELZ-Diensthabende, dass die ELZ nach Standard vorgeht und entsprechend der Checkliste mit der Planung fortfährt. Im «Erstschlag» werden drei RTW und ein NEF in den vorgesehenen Wartetraum der Wache des Rettungsdiensts Winterthur disponiert. Diese befindet sich in sicherer Distanz zum mutmasslich mit Sprengstoff beladenen Fahrzeug. Weitere Rettungsmittel werden in einen Warteraum bei der Raststätte Kemptthal stationiert. Nach der Erstschlagalarmierung informiert die ELZ ausserdem den Leiter der Rettungsdienste Winterthur über das Ereignis.
Zunächst besteht Unklarheit darüber, ob die Berufsfeuerwehr Winterthur ihren Grundauftrag sowie die damit verbundenen Stützpunktaufgaben erfüllen kann. Auch die Milizfeuerwehr hätte aufgrund der Bombendrohung nicht mehr einrücken können. Deshalb erstellen die Verantwortlichen der ELZ eine Eventualplanung mit einer Übersicht der einzelnen Einsatzmittel und ihrer Standorte. Mithilfe dieser Eventualplanung sichern sie Einsätze auf Autobahnen, an Gleisanlagen sowie bei Gefahrgut. Um 13.21 Uhr entscheiden sie, dass die Feuerwehr Wiesendangen die Berufsfeuerwehr Winterthur im Ereignisfall unterstützt. Zudem benennen sie bei der Berufsfeuerwehr Winterthur eine Kontaktperson. Diese ist die zentrale Anlaufstelle (Single Point of Contact) für die ELZ.
Fortan führen Disposition, Schichtleitung, Führungspikett und interne Fachpersonen im 30-Minuten-Takt den strukturierten «10-für-10»-Prozess nach dem Prinzip des Crew Ressource Management durch. Dabei handelt es sich um eine zehnsekündige Absprache, bei der die nächsten zehn Minuten besprochen werden. Gemeinsam beurteilen sie die Lage nach dem bewährten Führungsrhythmus, halten Rücksprache mit den Einsatzkräften vor Ort und führen ein Journal.
Um 13.27 Uhr meldet die Schaffhauser Polizei den Abschluss des Einsatzes: Es konnten keine Hinweise auf eine tatsächliche Bedrohung festgestellt werden. In Winterthur hingegen zieht sich die Lagebeurteilung deutlich länger hin. Gegen 20.00 Uhr gelingt es Spezialisten des Forensischen Instituts Zürich, den verdächtigen Gegenstand unter dem Fahrzeug zu bergen. Nach eingehender Untersuchung bestätigt sich auch hier: keine Gefahr – ebenfalls ein Fehlalarm.
Innerhalb weniger Stunden mussten die Mitarbeitenden der ELZ zwei parallele Bedrohungslagen bewältigen, was hohe Aufmerksamkeit und Disziplin abverlangte. Auch wenn sich beide Ereignisse als harmlos herausstellten, blieb die Herausforderung hoch: Im Ernstfall muss jede Sekunde genutzt und jede Ressource korrekt eingesetzt werden. Dank klar definierter Abläufe, strukturierter Kommunikation und partnerschaftlicher Zusammenarbeit zwischen ELZ, Feuerwehr, Rettungsdiensten, Polizei und Zivilschutz konnte die Sicherheit der Bevölkerung jederzeit gewährleistet werden.
Wie hast du den Amok-Einsatz erlebt?
Ich wurde aufgeboten und begab mich sofort in die ELZ. Dort brachte mich der Schichtleiter auf den aktuellen Stand: Was war passiert, welche Einsatzmittel waren bereits disponiert worden? Danach arbeiteten wir im bewährten Führungsrhythmus: Problemerfassung, Lagebeurteilung, Entschluss, Einsatzplan, Auftragserteilung. Wir teilten die Verantwortung auf: Ich übernahm die Führung sowie die Einsatzplanung im Rettungsdienst, während ein Kollege sich um die Einsatzbereitschaft der Feuerwehr Winterthur kümmerte.
Was war die grösste Herausforderung beim Bombenalarm?
Nicht das Ereignis selbst, sondern die fehlende Verfügbarkeit der Feuerwehr war das Problem. Der Rettungsdienst war durch die Amoklage in Schaffhausen bereits beansprucht. Zwar standen einige Einsatzmittel wieder zur Verfügung, aber wir mussten für die regionale Abdeckung sorgen, da viele Einsatzmittel gebunden waren.
Bei der Feuerwehr mussten wir sicherstellen, dass wir für alle anderen Eventualitäten die richtigen Mittel bereithaben. Entscheidend ist, immer eine Geländekammer weiter zu denken: Was wäre, wenn sich parallel noch ein grosser Brand ereignen würde?
Was nimmst du aus diesem Tag mit?
Wir müssen jede Drohung ernst nehmen. Das zeigen Ereignisse im nahen und fernen Ausland. Jeder Einsatz muss so behandelt werden, als wäre die Bedrohung real. Proaktives Handeln, klare Rollenzuteilungen und Absprachen innerhalb der ELZ und mit den Partnerorganisationen sind zentral. Ohne kontinuierliche Lagebeurteilung und adäquate Führung leidet der Einsatz. Und: Wir entscheiden aus der Distanz, ohne selbst vor Ort zu sein – basierend auf den verfügbaren Informationen. Dies ist oft eine Gratwanderung.