Menschen lassen sich bekanntlich ungern in Schubladen stecken – und bei Dominic Decurtins grenzt ein solches Unterfangen fast ans Unmögliche: Er sucht die Ruhe in der Natur, ist aber vom pulsierenden Stadtleben ebenso fasziniert. Er geht an seine Grenzen, verspürt aber keinen Drang, diese zu überschreiten. Und er zeigt offen, was ihn ausmacht, überrascht im Gespräch aber immer wieder mit seinem facettenreichen Charakter.
Doch von vorn: Ich habe den 36-jährigen Brandschutzexperten von SRZ an einem Mittwochnachmittag an seinem Arbeitsplatz im Amtshaus besucht. Ich weiss nämlich: Hier verdient Dominic nicht nur seine Brötli. Es ist auch der Ort, an dem er mit seinen Arbeitskolleg*innen bleibende Verbindungen geknüpft hat, die nach und nach zu Freundschaften wurden. Team- und abteilungsübergreifend unternimmt Dominic mit seinen Kolleg*innen immer wieder Wander-, Hoch- und Skitouren.
Dominic hat ein Fotoalbum mitgebracht von vergangenen Team- und Abteilungsausflügen. Ich blättere interessiert darin und stelle schnell fest, dass es sich hier definitiv nicht um ein gemütliches Wandergrüppli handelt. Die Teilnehmenden klettern mit Helm und Karabiner anspruchsvolle Felsen hoch und überqueren hintereinander am Seil einen Gletscher – es scheint also, als müsse man ein gewisses Fitnesslevel mitbringen, um da mithalten zu können. Als ich Dominic meine Gedanken mitteile, wehrt er lachend ab. «Alle, die Lust auf eine solche Hochtour haben, sind herzlich eingeladen, mitzukommen.» Als Tourenplaner sei es seine Aufgabe, den Schwierigkeitsgrad der Tour auf das Können der Teilnehmenden anzupassen.
Dominic legt grossen Wert auf eine lückenlose Vorbereitung: Er erstellt Equipment-Checklisten für die Teilnehmenden, entwirft einen Zustiegsplan und beobachtet laufend das Wetter. «Dank einer guten Organisation und einem vernünftigen Zeitmanagement kann man die Tour richtig geniessen – und unterwegs natürlich auch in einer schönen Hütte einkehren.» Der gesellschaftliche Aspekt ist Dominic nebst dem sportlichen nämlich genauso wichtig. «Zeit mit Kolleg*innen zu verbringen und gemeinsam die herrliche Aussicht geniessen – das macht eine erfolgreiche Tour aus!»
Ein Teamausflug, der ihm besonders in Erinnerung geblieben ist, war die Tour auf den Tödi – den höchsten Gipfel der Glarner Alpen. Mit Stirnlampe, leichtem Gepäck und unter Dominics Kommando ist die Gruppe um vier Uhr morgens aufgebrochen und hat sich den Berg hochgekämpft. «Es waren schwierige Verhältnisse, denn der Schnee war sehr weich. So sind wir jeweils einen halben Meter eingesunken.» Es sei wichtig gewesen, stetig voranzukommen, denn der Schnee werde mit dem Aufgang der Sonne nur noch weicher. Der Aufstieg habe sich aber allemal gelohnt. «Auf dem Gipfel zu stehen, die atemberaubende Aussicht zu geniessen und diese Freude mit anderen zu teilen, ist einmalig.» Acht Stunden nach dem Aufstieg ist die Gruppe schliesslich in der Hütte angekommen. «Die Leute waren nudelfertig», erinnert sich Dominic grinsend.
Dass ein solches Erlebnis zusammenschweisst, liegt auf der Hand. Und dennoch: Der Teamspirit, der Dominic und seine Kolleg*innen verbindet, ist inspirierend. «Mitarbeitende werden zu Freunden», sagt Dominic bestätigend. Ich staune nicht schlecht, als er mir daraufhin erzählt, dass sie nicht nur schweizweit solche Touren unternehmen, sondern gar in ganz Europa. «Wir waren gemeinsam in Norwegen für ‹ski & sailing› unterwegs – das war ein unvergessliches Erlebnis.» Die Ferien kann man sich folgendermassen vorstellen: Die Gruppe segelt auf einem Boot durch die norwegischen Fjorde. Ab und an steigen sie auf ein kleineres Boot um, schippern zu einem dieser mächtigen Schneeberge und erklimmen dessen Gipfel. Oben angekommen, fellen sie die Skis ab und fahren runter – ganz wie bei einer klassischen Skitour. Nur dass es anschliessend wieder aufs Boot geht und die nächsten Berge und Fjorde angesteuert werden. «Die ganze Atmosphäre war einfach einzigartig», schwärmt Dominic.
Als es während einer Skihochtour im Berner Oberland zum Finsteraarhorn sehr viel Neuschnee gab, entschied Dominic zusammen mit einem anderen Tourenleiter und der Gruppe, wieder umzukehren. «Die Lawinengefahr wäre zu gross gewesen», erklärt er mir. Entgegen meiner Erwartung kostet Dominic eine solche Entscheidung, kurz vor dem Ziel wieder umzukehren, keine grosse Willenskraft. «Klar spürst du als Tourenleiter ganz grundsätzlich einen gewissen Druck – aber es ist wichtig, diese Entscheidung zu fällen, denn die Sicherheit hat oberste Priorität.»
Um solche Situationen richtig einschätzen zu können, braucht es das entsprechende Rüstzeug – in Dominics Fall ist es die Ausbildung zum Tourenleiter, die es ihm auch erlaubt, SAC-Touren durchzuführen. «Im Rahmen dieser Ausbildung lernst du alles, was sicherheitsrelevant ist. Das geht von der Geografie über das Wetter und die Tourenplanung bis zum menschlichen Verhalten.» Auch Szenarien wie Lawinenverschüttungen und Spaltenrettungen im Gletscher hat Dominic geübt, sodass die Handgriffe sitzen und er die Abläufe im Ernstfall blind beherrscht. «Man kann nicht alles verhindern, aber mit einer soliden Vorbereitung ist das Risiko, dass etwas passiert, sehr gering.»
Dominic verfolgt keinen festen Traum von einer zukünftigen Tour. Ich merke, dass es ihm nicht ums Trophäensammeln geht, wenn er Berggipfel besteigt, oder darum, sich selbst etwas zu beweisen. Es ist eine intrinsische Motivation, die ihn antreibt. «Die Natur bedeutet Freiheit für mich», erklärt er schlicht.
Dieses Jahr mussten die Bergtouren allerdings etwas zurückstehen, denn Dominic investiert gerade einen Grossteil seiner Zeit in den Hausumbau. Nie hätte sich der gebürtige Bündner träumen lassen, dass er einmal in den Kanton St. Gallen ziehen würde – bis er in der Nähe von Sargans ein neues Zuhause fand. «Wir haben ein älteres Haus gekauft, mit Baujahr 1920. Jetzt machen wir es zu unserem eigenen.» Dabei scheut Dominic keinen Aufwand: Das Cheminée hat er selbst gebaut, den Boden neu geplättelt, und gerade steht eine komplette Dachsanierung an. Dass er ursprünglich eine Lehre als Plattenleger und eine weitere als Ofenbauer absolviert hat, spielt ihm dabei in die Karten. Und dennoch: Ein Projekt dieser Grössenordnung neben einem funktionierenden Alltag zu verfolgen, scheint mir eine Herkulesaufgabe. «Es ist nicht immer einfach», gibt Dominic zu, «aber wenn ich so etwas mache, dann nur einmal und dafür richtig!»
An seinem neuen Wohnort schätzt Dominic besonders die Nähe zur Natur. «Zuvor habe ich 13 Jahre lang in der Stadt Zürich gewohnt – auch diese Erfahrung hat mir sehr gefallen. Doch übers Wochenende bin ich meistens in die Berge gefahren.» Die Berge hat er nun – wie er es seit seiner Kindheit gewohnt ist – wieder vor der Haustür. Doch auch hier gelingt es Dominic, die Gegensätze verschmelzen zu lassen, denn die Lebendigkeit der Stadt begleitet ihn weiterhin durch seinen Alltag als Brandschutzexperte bei SRZ. Die perfekte Mischung also.