Von der Strasse aus nicht sichtbar, direkt neben einer Tiefgarage, führt eine Tür zu Slobis Werkstatt. Drinnen riecht es nach Öl, Benzin und Metall. Draussen klatscht kalter Regen auf den Asphalt. Kein Töffwetter, jedenfalls nicht für die alten Vespas, die Slobi sammelt und hier repariert. Ich zähle sechs Vespas: eine knallgelbe, eine schneeweisse und mehrere, denen man ihr Alter ansieht. Eine davon ist in der Mitte des Raums aufgebockt: «Das ist eine alte, handgeschaltete Vespa», erklärt er mir. «Sie gehört einem Kollegen, wir haben ihr gerade eine komplette Revision verpasst.»
Bei einem Kaffee erzählt mir Slobi, wie seine Leidenschaft für motorisierte Zweiräder begann. Als er zwölf Jahre alt war, schenkte ihm sein Vater sein erstes Mofa: «Eigentlich viel zu jung», findet er lachend. Doch im Dorf fiel das nicht gross auf. TikTok und Game Boy? All das gab es damals noch nicht. «Wir Jungs haben uns mit Mofas beschäftigt», schmunzelt er. Und wenn etwas kaputtging, reparierte es Slobi einfach wieder. Vier Jahre später kaufte er sich den ersten grösseren Töff. Doch als er mit 18 Jahren die Autoprüfung machte, flaute seine Leidenschaft für motorisierte Zweiräder ab. Erst später entflammte sie erneut.
Einmal, in den Ferien in Griechenland, mietete sich Slobi spontan einen Roller. Er war sofort begeistert. Kaum zurück in der Schweiz, kaufte er sich seinen eigenen. «Ein ganz gewöhnlicher Roller, noch keine Vespa», meint er schulterzuckend. Aber es war genau das, was er damals brauchte. Durch die Stadt kurven, schnell in die Badi oder an den See fahren. Dieses Gefühl der Freiheit packte ihn. Natürlich dauerte es nicht lange, bis Slobi an diesem Gefährt zu schrauben begann. Auf den Roller folgte bald eine Vespa.
Bei diesem einen Exemplar blieb es allerdings nicht. Bald entdeckte Slobi ältere, seltenere Modelle. Über die Szene lernte er neue Leute kennen und wurde Mitglied im Vespa Club Zürich. Damit kam eine soziale Dimension dazu. «Beim Schrauben, Fahren und an den Treffen entstehen schnell neue Freundschaften», sagt er. Wenn es der Dienstplan zulässt, trifft er die Gruppe jeden ersten Montag des Monats zum Club-Höck, im Sommer oft verbunden mit einer kurzen Ausfahrt. Nicht selten ziehen dann 20 Vespas durch die Strassen. Mit der Zeit begann Slobi auch, alte Modelle zu restaurieren und Motoren zu revidieren. «Ein cooles Hobby», sagt er lachend, «im Winter schraubt man, im Sommer fährt man – und treffen kann man sich immer.»
Parallel zu seinen Vespas gibt es eine weitere Leidenschaft, die ihn seit Jahrzehnten begleitet: Seine Arbeit im Rettungsdienst. Slobi gehört zu den ersten drei Rettungssanitäter*innen, welche die Kompetenzprüfung als Präklinische Fachspezialist*innen abgelegt haben. Seit Anfang 2025 rückt er in dieser Funktion aus: Allein unterwegs, übernimmt er nicht dringliche medizinische Einsätze. Slobis Interesse für medizinischen Themen begann schon früh. Er erinnert sich an einen Besuch im Spital, er war damals etwa zehn Jahre alt: «Das Umfeld hat mich beeindruckt – die kompetente Pflegefachperson, die grossen und hellen Räumlichkeiten, der Arzt, der später dazukam», sagt er. Damals dachte er: «In so einem Umfeld möchte ich einmal arbeiten.» Nach seiner Lehre als Spengler absolvierte er mehrere Praktika – im Rettungsdienst, in der Pflege und in einem Kinderheim, denn auch ein Sozialpädagogikstudium war Thema. Doch nach dem Schnuppertag beim Rettungsdienst war für ihn die Sache klar: «Das ist es!» Heute arbeitet Slobi schon 25 Jahre im Rettungsdienst: «Am Puls des Lebens», wie er sagt.
Vespa zu fahren und in seiner Werkstatt zu tüfteln, ist für Slobi ein guter Ausgleich zum Arbeitsalltag. «Im Rettungsdienst rede ich viel, bin stets aktiv und präsent für Patient*innen und Angehörige», erklärt er. «Hier muss ich das nicht.» In der Werkstatt könne er einfach schrauben, seine Gedanken sortieren, Einsätze verarbeiten und Kraft tanken. Gleichzeitig könne er hier – ähnlich wie im Rettungsdienst – in die Tiefe gehen und sich mit Ursachen, Symptomen und Zusammenhängen auseinandersetzen. Nur in einem ganz anderen Rahmen. Hier bestimme er das Tempo selbst, fernab von der Dringlichkeit, die seinen Berufsalltag prägt.
«Vespa World Days» und «Vespa Wochen» lese ich auf den Bannern, die an den Wänden seiner Werkstatt hängen. «Das sind Erinnerungen an Touren und Treffen», erklärt er. Im Sommer könnte er jedes Wochenende an einen Event fahren, kleine, grosse, in der Schweiz oder europaweit. Doch seit er eine Familie hat, hat er bewusst reduziert. Besonders am Herzen liegt ihm die European Vespisti Week, das alljährliche Grosstreffen irgendwo in Europa. Wenn es die Ferientage zulassen, fährt er die gesamte Strecke mit der Vespa. «Da bin ich rund zehn Tage unterwegs: drei Tage hin, vier Tage vor Ort und wieder drei zurück», sagt er. Unterwegs ist er meist in einer Gruppe von zehn bis fünfzehn Personen. Sie suchen sich schöne Routen, übernachten unterwegs und sitzen abends zusammen. Am Event selbst wartet ein ganzes Vespa Village mit Bühne, Musik und Ersatzteilmarkt. Und natürlich stehen gemeinsame Ausfahrten in die Region auf dem Programm.
Letztes Jahr führte die Tour nach Novi Sad in Serbien. Einen Teil der Strecke legte er mit dem VW-Bus zurück, da die Ferientage sonst nicht ausgereicht hätten. «Aber Kroatien, Bosnien und Serbien haben wir dann mit der Vespa gemacht», erzählt er. Die alten Vespas haben ihren eigenen Rhythmus. «Mehr als 60 oder vielleicht 70 Kilometer pro Stunde sind da nicht drin», erklärt Slobi.
Ob unterwegs nie etwas passiert sei, frage ich. Er schüttelt den Kopf. «Zum Glück noch nie etwas Ernsthaftes», sagt er. Dann erinnert er sich doch an heikle Momente auf der Rückreise. In Serbien erlitt ein Kollege einen Motorschaden. «Wir standen mitten auf der Strasse und haben angefangen, den Motor zu zerlegen», erzählt Slobi. Zu viert hätten sie geschraubt, bis klar war: Ein winziges Bauteil tief im Innern war gebrochen. Mit einer notdürftigen Reparatur schafften sie es gerade noch nach Kroatien und von dort mit dem VW-Bus nach Hause.
Während er erzählt, schweift mein Blick durch seine Werkstatt – über die grosse Werkbank, die Vespas und die Regale voller Ersatzteile und Werkzeug. Slobi merkt sofort, dass mein Blick an den Teilen hängen bleibt. «In der Vespa-Szene weiss man schnell, welche Teile selten und begehrt sind», sagt er. «Ich behalte solche Teile nicht aus Sammelwut, sondern weil sie früher oder später jemand aus dem Freundeskreis braucht.»
Manchmal fragt Slobi sich, ob er nicht zu viele Vespas habe. Dann verkauft er zwei, drei – und bereut es sofort. Jede steht für eine Geschichte, für ein persönliches Erlebnis. Entsprechend klar ist die Reihenfolge, in der er sich – wenn überhaupt – von ihnen trennen würde. «Die Entscheidung ist jedes Mal schwierig», sagt er. Wie sehr Slobi an seinen Maschinen hängt, ist ihm in diesem Moment besonders gut anzusehen. Vielleicht ist es genau diese Hingabe – zur Technik, zu Menschen und zu besonderen Augenblicken –, die ihn durch all seine Rollen trägt. Eines ist jedenfalls sicher: Slobi lebt seine Leidenschaften mit ganzem Herzen.