Die Zentralbibliothek (ZB) am Zähringerplatz in Zürich ist Schauplatz der Zivilschutzübung. Sie beherbergt rund acht Millionen Medien wie Bücher, Handschriften und geografische Karten. Darunter solche von grossem Wert und historischer Bedeutung. Nicht auszudenken, welchen massiven Schaden ein Brand oder eine Naturkatastrophe anrichten könnten. Um auf den Ereignisfall vorbereitet zu sein, haben sich die grossen Zürcher Kulturorganisationen zum Notfallverbund Zürich zusammengeschlossen. Sie pflegen ein Netzwerk, tauschen und helfen sich gegenseitig aus und lassen sich durch den Kulturgüterschutz (KGS) des Zivilschutzes (ZS) unterstützen bei der Gefahrenanalyse, dem Erstellen von Notfallplänen und bei Schadenereignissen. Um dieses Zusammenspiel zu festigen, üben die beteiligten Akteur*innen regelmässig verschiedene Szenarien.
Es ist 9.00 Uhr – Übungsbeginn. Pünktlich rollen die Fahrzeuge des ZS durch den Torbogen in den Innenhof der ZB. Es regnet in Strömen. Zuallererst braucht es einen Witterungsschutz, damit die aus den Flammen und der Feuchtigkeit geretteten Medien nicht noch weiter beschädigt werden. Die Faltzelte werden aufgestellt. Pascal Croket, Regionenchef West des ZS von SRZ und Verantwortlicher für die Spezialabteilung KGS, erklärt, dass die Zelte bei Sonnenschein genauso wichtig seien, um die solare Einstrahlung abzufangen. Zudem dienen die Zelte dem Schutz vor Diebstahl, denn je nach Fall wird hier mit Gütern im Wert von mehreren Millionen hantiert.
Pünktlich eine Stunde nach Übungsbeginn ist die sogenannte Prozessstrasse einsatzbereit: Als Erstes werden die Kulturgüter geborgen, in diesem Übungsszenario angeschwärzte und angefeuchtete Bücher aus dem Brockenhaus. Die Zivilschützer gehen dabei systematisch vor und räumen sorgfältig Regal um Regal – bei angekohlten Exemplaren mit spezieller Schutzkleidung. Jetzt beginnt die eigentliche Prozessstrasse mit der Katalogisierung. Jedes gerettete Objekt wird erfasst, beschrieben und fotografiert. Danach folgt das Verpacken: Sind die Bücher verkohlt, werden sie einzeln abgepackt, damit sie keine weiteren Objekte in Mitleidenschaft ziehen. Objekte mit Wasserschaden werden durch Plastik getrennt, und zwar so, dass möglichst gleichmässig Luft dazukommt. Im Ernstfall würden sie danach durch private Spezialfirmen eingefroren und unter Vakuum wieder aufgetaut, sodass die Feuchtigkeit möglichst ohne Schaden aus den Büchern gelangt. Der Zivilschutz könnte in diesem Fall den Transport und eine Zwischenlagerung übernehmen.
Die Übung wird durch die Fachpersonen der ZB eng begleitet. Läuft etwas nicht nach ihren Vorstellungen, sprechen sie es direkt an. Sie lernen, was sie vom ZS erwarten dürfen und wo es ihre Fachexpertise braucht. Aus diesem Grund besuchen auch weitere Institutionen des Notfallverbunds Zürich die Übung. Denn die Prozessstrasse und die Fähigkeiten, aber auch die Limitationen des ZS in Zusammenhang mit dem KGS erfasst man am besten direkt bei der Arbeit.
Im Ernstfall würde das Szenario vielleicht anders aussehen, trotzdem lohnen sich die Übungen gemäss Pascal Croket: «Die grundlegenden Abläufe und Prozesse müssen sitzen und die jeweiligen Fähigkeiten bekannt sein.» Dafür ist eine solche Übungsanlage ideal. Als Schiedsrichter hält er sich im Hintergrund, beobachtet und lobt insbesondere die Zusammenarbeit und den direkten Austausch mit den Verantwortlichen der ZB.
Der KGS ist eine zentrale Aufgabe des Zivilschutzes und dient dem Schutz von Kulturgütern im Schadenfall. Zu den Kernaufgaben gehören die Beratung von Einsatzkräften, die Evakuierung und Bergung von Kulturgütern sowie deren Sicherung und Stabilisierung. Grundlage bilden Notfallpläne, Einsatzdokumentationen und die Anbindung an bestehende Sicherheitskonzepte wie Feuerwehreinsatzplanungen. Im Ereignisfall wird der KGS nach Alarmierung durch die Einsatzleitung in die Schadenplatzorganisation integriert, um Kulturgüter rasch und fachgerecht zu schützen. Die Verantwortung für die Vorbereitung liegt primär bei den Kulturinstitutionen selbst.