Der Führungsstab von SRZ traf sich für die Übung «EVENTO» wie gewohnt im Führungsraum am Flughafen Zürich. Die Postenchefs dreier Sanitätsposten sowie der Einsatzleiter Berufsfeuerwehr (EL BF) starteten die Übung jedoch direkt im Silo 1 der XVR-Trainingszone HFRB in Opfikon, wo ihr Einsatz an der Front virtuell per VR abgebildet wurde. Wir haben bei Simone Koch, Fachbearbeiterin Digital Learning in der Abteilung Bildungsentwicklung an der Höheren Fachschule für Rettungsberufe (HFRB), nachgefragt, was VR genau ist und wie es im Trainingsalltag eingesetzt wird.
Wie lautet die Definition von VR und wie kommt diese bei Übungen von Feuerwehr und Sanität zum Einsatz?
Bei VR handelt es sich um eine vollständig vom Computer generierte Umgebung. Alle sichtbaren Objekte liegen als dreidimensionale Modelle vor und werden perspektivisch auf den Sichtbereich der Teilnehmenden berechnet. Man kann die Umgebung komplett dreidimensional begehen, sich also nach rechts, links, oben oder unten bewegen, sodass man alle Ansichten einer Umgebung betrachten kann.
Welche Vorteile bietet VR gegenüber herkömmlichen Übungen?
Man kann digitale, wiederverwendbare Szenarien entwickeln, um realitätsnah zu trainieren. Um die Komplexität zu erhöhen, lassen sich Wettereinflüsse wie Schnee, Regen oder Unwetter einbinden. Ausserdem können komplette Grossveranstaltungen nachgebaut werden, was in der Realität nicht möglich wäre. In meiner Rolle als Operator kann ich flexibel und schnell auf die Wünsche der Übungsteilnehmenden eingehen und zum Beispiel ein Tanklöschfahrzeug (TLF) an eine andere Stelle umplatzieren. Ein weiterer Vorteil ist, dass materielle und personelle Ressourcen eingespart werden: In der virtuellen Umgebung benötigt man weder Material wie Verbände oder Treibstoff noch Figurant*innen.
Wie realistisch sind die Szenarien und wie flexibel reagiert die virtuelle Umgebung auf die Entscheidungen der Teilnehmenden?
Die Szenarien sind sehr realistisch. Ein Teil der Zürcher Stadtumgebung ist im XVR-Programm bereits eingebaut, darunter der Stadtkreis 4 mit dem Letzigrund sowie das komplette Seebecken. Somit trainieren wir taktische Entscheidungen in vertrauten Umgebungen, die wir den Gegebenheiten am Einsatzort anpassen können. Im Idealfall hilft uns das dann im realen Einsatz.
Wir können sehr flexibel auf Entscheidungen reagieren. Als Operator steuere ich das Szenario im Hintergrund. Dafür benötige ich eine gute Kommunikationsleitung zum*zur Instruktor*in, damit ich die Anforderungen sofort im System umsetzen kann. Die Teilnehmenden finden sich digital schnell zurecht, da wir im Vorfeld mit allen ein Tutorial durchführen. Bereits nach kurzer Zeit bekommt man etwas Routine und beherrscht die Steuerung recht gut.
Inwiefern hat die XVR-Simulation die Stabsübung bereichert?
Mithilfe der XVR-Simulation gelang es uns, eine realistische Frontumgebung zu schaffen. Um das Szenario zu programmieren, erhielt ich im Vorfeld vom Lagebüro ein sehr umfassendes und detailliertes Drehbuch mit allen geplanten Ereignissen sowie die Anzahl verletzter Patient*innen und ihre Verletzungsarten. Das erste Ereignis war eine Gasgrill-Explosion einer Imbissbude, der eine Massenpanik folgte. Die Patient*innen wiesen deshalb Brandverletzungen, aber vor allem auch Quetschungen, Riss-Quetsch-Wunden und Brüche auf. Beim Start der Übung versetzten wir die Postenchefs und den EL BF schnell in die richtige Stimmung: Es lief laute Technomusik, um sie unter Stress zu setzen. So konnten sie ihre Fähigkeiten unter sehr realistischen Bedingungen anwenden, insbesondere die Kommunikation per Funk, das Telefonieren ins TOC oder die Erkundung der Lage per XVR-Simulation, um Entscheidungen zu treffen.
Welche Erkenntnis habt ihr aus dieser Übung gewonnen?
Bei einem derart grossen Ereignis braucht man mindestens zwei Operators, die im Hintergrund agieren. Glücklicherweise unterstützte mich ein Kollege von der Stapo. Das System selbst hat super funktioniert.
Welche Weiterentwicklungen sind geplant?
Momentan klären wir ab, ob es möglich wäre, Trainings mit XVR-Simulation als weiteres Kursformat in der Fortbildung an der HFRB anzubieten. Inhalt des Formats wäre ein Brand im Mehrfamilienhaus mit drei verschiedenen Szenarien. Ansonsten sind bereits weitere Trainings mit der XVR-Simulationssoftware in der Wache Flughafen geplant. Wir haben mittlerweile zwölf Flughafenszenarien wie beispielsweise heisse Bremsen, einen Flächenbrand und einen Triebwerkbrand programmiert, die wir zweimal im Jahr an verschiedenen Terminen trainieren. Dazu gehe ich vor Ort in die Wache Flughafen, denn unser System ist mobil. So bleiben die Einsatzkräfte, die in der Schicht sind, einsatzbereit. Seitens Sanität arbeiten wir mit dem Ausbildungsverbund Basel, Bern, Zürich, Zug (kurz: BBZZ) zusammen, wo wir das Szenario «erstes Team vor Ort bei einem Tiefgaragenbrand» trainieren.
Was war das Ziel der Stabsrahmenübung?
Das Ziel der Übung war es, zu überprüfen, wie wir ein ungeplantes Grossereignis während eines laufenden Grossanlasses führen und bewältigen können. Wie reagiert der Führungsstab, welche Konzepte nutzt er und welche Entscheidungen trifft er in dieser Situation? Dazu haben wir örtlich getrennt mit der XVR-Simulation die Sanitätsposten und die Feuerwehr abgebildet, damit der Führungsstab real mit jemandem funken und sprechen kann, der «live» vor Ort (in der Simulation) ist.
Wie hat die XVR-Simulation deiner Meinung nach die Übung bereichert?
Die Simulation erwies sich als enormer Vorteil gegenüber klassischen Nachrichtenspielen. Dank der Simulation konnten die Postenchefs und der EL BF die Auswirkungen ihres Handelns in realistischen Zeitverhältnissen sehen. So dauert es im Simulator genauso lange wie in der Realität, bis beispielsweise ein RTW nach Bestellung am Posten eintrifft. Auch die Entwicklung des Brands sieht der EL BF in der XVR-Simulation, und kann so echte Rückmeldungen an den Führungsstab geben.
Was sind deine Erkenntnisse?
Diese erste Übung hat uns gezeigt, dass die Übungen deutlich realistischer werden, wenn die Front effektiv abgebildet wird, statt nur angenommen und durch Übungsleiterassistenzen geschildert zu werden. Wir werden öfter kürzere Sequenzen dieser Art durchführen und so mehr Führungspersonen im gleichen Szenario üben lassen.