Frau Meyer-Heim, wir alle suchen mal nach einem Wort oder vergessen einen Termin. Ab wann wird Vergesslichkeit zum Warnsignal?
Ob ein verpasster Termin oder leichte Wortfindungsschwierigkeiten bereits Anzeichen einer Krankheit oder einfach Alterserscheinungen sind, können Laien schwer einschätzen. Deshalb ist es sinnvoll, sich bei Verunsicherung mit Angehörigen auszutauschen und das Gespräch mit der*dem Hausärzt*in zu suchen.
Was bringt eine frühe Abklärung?
Unsicherheit löst Stress aus – und Stress wirkt sich ungünstig auf unsere Hirnleistung aus. Mit einer frühen Abklärung können behandelbare Ursachen ausgeschlossen werden. Eine frühe Diagnose ermöglicht zudem eine gezielte Behandlung und hilft Betroffenen wie Angehörigen, die Zukunft selbstbestimmt zu planen und rechtzeitig Unterstützung anzunehmen.
Eine Diagnose verändert Partnerschaften, Familien und Freundschaften. Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen?
Die Betreuung eines Menschen mit Demenz ist für Angehörige oft sehr anspruchsvoll. Viele übernehmen gleichzeitig die Rolle als Partner* in, Organisator*in und Pflegende*r. Wichtig ist deshalb, dass Angehörige früh und regelmässig Entlastung erhalten – aus dem persönlichen Umfeld oder durch professionelle Angebote. Externe Hilfe anzunehmen ist kein Versagen, sondern entlastet alle Beteiligten.
Es heisst, Demenzfreundlichkeit beginne im Alltag. Was bedeutet das konkret?
Menschen mit Demenz sollen möglichst am normalen Leben teilhaben können. Zum Beispiel in einem Chor mitsingen, einen Sportanlass besuchen oder an einem Ausflug teilnehmen. Anders gesagt: den Aktivitäten nachgehen können, die für sie Lebensqualität bedeuten. Damit das möglich ist, braucht es Verständnis und Offenheit in der Bevölkerung.
Wir brauchen eine «demenzfreundliche Gesellschaft»?
Ja. Immer mehr Menschen erreichen ein hohes Alter – gleichzeitig ist Alter der grösste Risikofaktor für Alzheimer-Demenz. Deshalb müssen wir künftig mit mehr Betroffenen rechnen. Demenz geht unsere ganze Gesellschaft an. Neben bestehenden Angeboten braucht es neue Netzwerke und solidarische Formen des Zusammenlebens – sogenannte «Caring Communities». Städte und Gemeinden können viel dazu beitragen, indem sie generationenübergreifende Lebensräume schaffen.
Die Kampagne der Stadt Zürich sagt: «Demenz heisst nicht vergessen, sondern sich zu erinnern …». Wie ist das gemeint?
Ein an Demenz erkrankter Verwandter von mir sagte manchmal scherzhaft: «Das ist nicht weltbewegend», wenn ihm etwa ein Buchtitel nicht einfiel. Das bringt es für mich auf den Punkt. Ohne die Krankheit verharmlosen zu wollen, berührt es mich immer wieder, wie Betroffene und ihr Umfeld lernen, im Hier und Jetzt zu leben. Prioritäten verschieben sich, neue Dinge gewinnen an Bedeutung – und gerade Erinnerungen an Menschen, Orte und wichtige Momente bleiben oft erhalten.