Nennen wir das Kind Luisa. Im Mathematikunterricht ist sie nicht die Schnellste, was an ihrem Perfektionismus liegt. Im Deutschunterricht meldet sie sich selten als Erste, weil sie ihre Gedanken lieber zuerst tiefgründig für sich durchdenkt. Und doch fällt sie auf. Sie hat aussergewöhnliche Ideen, denkt um Ecken und findet Lösungen, auf die niemand sonst kommt.
In einem normalen IQ-Test würde man Luisas besonderes Potenzial kaum erkennen. Solche Tests messen vor allem das logische Denken, bei dem es nur eine einzige richtige Antwort gibt. Sie zeigen aber nicht, wie kreativ ein Kind ist, wenn es nach vielen verschiedenen Lösungen für ein offenes Problem sucht. Auch Eigenschaften wie Ausdauer, Mut oder soziale Fähigkeiten – zum Beispiel andere zu motivieren und Konflikte zu lösen – kann ein IQ-Test nicht messen.
Vor einigen Jahrzehnten wären Luisas vielseitige Talente und ihr Potenzial vielleicht weder erkannt noch ganzheitlich gefördert worden.
Damals war das Verständnis von Begabung ein anderes. Hochbegabung galt als selten, messbar und vor allem kognitiv. Wer besonders intelligent war, schnell rechnen konnte oder früh lesen lernte, galt als begabt. Der IQ stand im Mittelpunkt.
Dieses Verständnis hat sich in den vergangenen Jahrzehnten grundlegend verändert.
Forschende wie Howard Gardner oder Victor Müller-Oppliger zeigten, dass Begabung weit mehr ist als ein einzelner Messwert. Sie ist vielfältig, entwickelt sich im Laufe des Lebens und zeigt sich in unterschiedlichen Situationen.
Kinder können mathematisch, sprachlich, kreativ, sozial oder praktisch besonders begabt sein. Manche lernen schneller, andere besonders nachhaltig oder mit grosser Ausdauer. Wieder andere überraschen durch ihre Kreativität oder ihre Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen.
Begabung ist deshalb kein fester Zustand. Sie entwickelt und zeigt sich dort, wo Kinder passende Herausforderungen, Unterstützung und Möglichkeiten erhalten. Genau auf diesem Verständnis basiert die Begabungs- und Begabtenförderung (BBF) der Stadt Zürich.
Im Zentrum steht nicht die Frage, wie hoch der gemessene IQ eines Kindes ist. Viel wichtiger ist die Frage: Welche Potenziale bringt dieses Kind mit – und wie können wir Gelegenheiten schaffen, damit sich diese in sichtbaren Talenten zeigen?
Deshalb setzt die Stadt Zürich auf die sogenannte Pädagogische Diagnostik.
Lehrpersonen begleiten Kinder über längere Zeit und beobachten sie im Schulalltag. Mit geeigneten Instrumenten erfassen sie nicht nur Leistungen, sondern auch Interessen, das Lernverhalten, die Motivation und individuelle Stärken.
Begabung wird damit nicht auf ein starres Testresultat beschränkt, sondern als Entwicklung verstanden.
Damit Begabungen möglichst umfassend erkannt werden, basiert die Pädagogische Diagnostik auf fünf Grundprinzipien.
Ein Kind ist mehr als seine Rolle im Schulzimmer.
Es bringt Erfahrungen aus Familie, Freizeit, Freundeskreis und Kultur mit. Wer Begabungen erkennen möchte, muss deshalb den ganzen Menschen betrachten – nicht nur seine Leistungen im Unterricht.
Auch Luisa ist nicht nur Schülerin. Vielleicht tüftelt sie zu Hause stundenlang an eigenen Ideen, engagiert sich im Verein oder verliert sich in Büchern aus der Bibliothek. All das macht ihr Potenzial sichtbar.
Kein Mensch sieht ein Kind vollständig.
Deshalb entsteht das Bild nicht durch eine einzelne Lehrperson, sondern gemeinsam: Eltern, Lehrpersonen, Fachpersonen und die Kinder selbst bringen ihre Beobachtungen ein. Ergänzt wird dies durch Instrumente wie die Begabungssonne, die unterschiedliche Stärken sichtbar macht.
Erst aus diesen verschiedenen Blickwinkeln entsteht ein möglichst vollständiges Bild.
Förderung beginnt nicht bei Defiziten.
Sie beginnt bei der Frage: Was kann dieses Kind besonders gut?
Stärken geben Selbstvertrauen. Wer erlebt, dass die eigenen Fähigkeiten wahrgenommen werden, entwickelt Motivation und traut sich neue Herausforderungen zu.
Begabungen entstehen nicht von allein.
Sie entwickeln sich, wenn Kinder passende Herausforderungen erhalten.
Aus den Beobachtungen entstehen deshalb konkrete Förderziele und Fördermassnahmen. Vielleicht erhält Luisa im Textilen und Technischen Gestalten ein anspruchsvolles Projekt. Vielleicht besucht sie ein Angebot zur kreativen Problemlösung. Wichtig ist, dass Förderung nicht zufällig geschieht, sondern bewusst geplant und begleitet wird.
Begabungsförderung ist Teamarbeit.
Kinder, Eltern, Lehrpersonen und Fachpersonen tauschen sich regelmässig aus und entscheiden gemeinsam, welche Unterstützung sinnvoll ist. Denn niemand allein kennt ein Kind vollständig.
IQ-Tests haben auch heute ihren Platz. Sie ergänzen die Pädagogische Diagnostik, ersetzen sie aber nicht. Eine schulpsychologische Abklärung kann beispielsweise sinnvoll sein,
- wenn die schulischen Leistungen deutlich unter dem vermuteten Potenzial liegen,
- wenn ein Kind auffälliges Verhalten zeigt,
- wenn es sich stark zurückzieht,
- oder wenn wiederkehrende körperliche Beschwerden wie Kopf- oder Bauchschmerzen auftreten.
Die Grundlage der Begabungs- und Begabtenförderung bleibt jedoch die sorgfältige pädagogische Beobachtung im Schulalltag.
Für Luisa bedeutet das, dass ihre Ideen heute bessere Chancen haben, gesehen zu werden. Sie wird nicht nur danach beurteilt, was sie bereits kann, sondern erhält die Möglichkeit, ihre Begabungen weiterzuentwickeln – und darauf kommt es an.