Die integrative Begabungs- und Begabtenförderung findet in der Regelklasse statt. Kinder entdecken ihre Begabungen durch Schnupperaktivitäten und Begegnungen. Die Schüler*innen arbeiten interessengeleitet an Projekten.
Das SEM-Modell geht davon aus, dass die Begabungs- und Begabtenförderung auf drei Ebenen geschehen soll. Die erste Ebene ist die Klasse – also die integrative Begabungs- und Begabtenförderung. Dort werden Begabungen wahrgenommen sowie gefördert und Hochbegabungen entdeckt.
Eveline Baumgartner ist Klassenlehrerin einer zweiten Sek A und unterrichtet dazu noch ein Wahlfach in der dritten Sek. Im Rahmen der integrativen BBF führte sie in ihrer Klasse Projekte wie «Helden-Geschichten schreiben» oder die «Origami-Challenge» durch.
Wie funktioniert BBF im Alltag?
BBF beginnt ganz am Anfang der ersten Klasse der Sekundarschule. Bereits in der zweiten Schulwoche stellt Frau Stahlberg BBF und sich selbst in der Klasse vor. Danach wird ein Formular und ein Brief an die Eltern verteilt. Darin werden das Kind und die Eltern gefragt, ob das Kind an einer Potenzial-Analyse mitmachen möchte.
Das heisst alle Kinder in Ihrer Klasse profitieren von BBF?
Alle Kinder in der Klasse konnten an einer Potenzial-Analyse teilnehmen. Danach haben wir die Ergebnisse angeschaut. Wir haben Begabungen und begabte Kinder erkannt. Für jedes Kind aus der Klasse wurde ein passendes Förderangebot entwickelt. Jedes Kind hat ein zusätzliches Angebot bekommen.
Kinder können dabei ihren Begabungen nachgehen. Für begabte Kinder gibt es zum Beispiel das schulinterne Pullout-Programm.
Wie kann ich mir die integrative Begabungs- und Begabtenförderung vorstellen?
Die integrative Begabungs- und Begabtenförderung findet in der Regelklasse statt. Dabei arbeiten alle Kinder der Klasse gemeinsam an Projekten. Ein Beispiel ist das Schreib-Projekt im RKE-Unterricht (Religion, Kulturen, Ethik). Das Thema dieses Projekts waren Familienwerte. Das Thema haben wir aus dem Lehrmittel genommen. Diese Familienwerte stammen oft aus früheren Generationen. Das Projekt dauerte zwei Monate. Alle Jugendlichen mussten schreiben. Am Ende wurde der Aufsatz im Fach Deutsch bewertet.
Die Jugendlichen haben gelernt, wie man eine Geschichte aufbaut. Dafür haben sie das Modell «The Heroes Journey» von Campbell genutzt. Das Modell hilft, eine Helden-Geschichte aufzubauen und zu schreiben. Die Jugendlichen haben zuerst ein Interview mit einem Familienmitglied aus der Grosselterngeneration gemacht. Sie haben die Fragen für das Interview in der Klasse vorbereitet. Danach haben sie das Interview geführt. Mit den Informationen aus dem Interview haben sie die Helden-Geschichte geschrieben.
In der Geschichte ging es um Familienwerte und um eine Person aus der Familie. Diese Person sollte eine Heldenreise erlebt haben. Das konnte auch etwas Kleines sein, wie Mut zum Auswandern oder Mut für einen ungewöhnlichen Beruf. Es ging um Courage, die zum Heldsein führen kann.
Sind die Geschichten publiziert?
Die Arbeiten sind teilweise veröffentlicht. Einige Schüler*innen haben ihre Texte in einem Buch veröffentlicht. Frau Stahlberg macht jedes Jahr ein Buch mit der ganzen Schule. In dem Buch sind verschiedene Geschichten enthalten. Letztes Jahr hat die erste Sek A mitgemacht. Sieben Jugendliche aus der Klasse haben ihre Familiengeschichte veröffentlicht. Manche haben ihre Texte in eine weitere Sprache übersetzen lassen. Die Hälfte des Buches stammt von den Jugendlichen aus meiner Klasse. Darum habe ich das Vorwort geschrieben.
Wie wurde das Projekt entwickelt?
Das Projekt wurde gemeinsam entwickelt. Frau Stahlberg und ich haben die Arbeit aufgeteilt. Frau Stahlberg hat sich mehr um die Jugendlichen gekümmert, die bei der Publikation mitgemacht haben. Sie war dort die Begleitperson. Die Jugendlichen mussten ihre Texte so verbessern, dass sie für die Publikation geeignet waren. Wir haben die Texte nicht stark korrigiert. Sprachliche Fehler in den Geschichten haben wir gelassen. Die Texte mussten aber gut lesbar sein.
Wie haben Sie die Entwicklung der einzelnen Schüler*innen im Verlauf des Schreibprojekts erlebt?
Am Anfang hatten einige Kinder Schwierigkeiten mit dem Thema. Sie dachten, sie hätten keine Held*innen in ihrer Familie. Wir haben ihnen gezeigt, dass es in jeder Familie Held*innen gibt. Genauso wie jedes Kind Talente hat. Das wollten wir ihnen bewusst machen.
Zuerst haben die Kinder vielleicht bei der Grossmutter eine Heldin erkannt. Später haben sie verstanden, dass sie selbst auch Held*innen sein können. Sie haben gelernt, die eigene Fähigkeit zum Held-Sein zu erkennen und anzunehmen.
Das Modell von Campbell erklärt, dass Held-Sein eine Entwicklung ist. Es braucht viel Mut für diese Entwicklung von sich selbst. Viele Kinder haben durch das Modell verstanden, dass sie eine Helden-Geschichte schreiben können. Sie haben Material aus ihrer Familie genutzt und die Geschichten weiterentwickelt.
Welche Herausforderungen gab es in diesem Projekt?
Zuerst war das Thema eine Herausforderung. Danach war das Schreiben selbst schwierig. Wir haben viel Struktur angeboten. Zum Beispiel, wie man eine Geschichte aufbaut. Wir haben auch viel Material zur Verfügung gestellt. Das Material hat Themen wie Struktur, Wortschatz und Synonyme enthalten. Wir haben gezeigt, wie man Figuren spannend macht. Dafür nutzt man Emotionen und bildliche Sprache.
Wie funktioniert die integrative Begabungs- und Begabtenförderung neben der Projektarbeit?
Letztes Jahr gab es ein Projekt mit der ETH. Dort ging es um Origami. Das Projekt war in Mathematik und wurde mit der Mathe-Lehrperson durchgeführt.
In Englisch haben einige Schüler*innen aus der Klasse bei der New York Times ihre Geschichten veröffentlicht. Dort haben wir kollaborativ gearbeitet. Wir haben die «offene Drehtür» und den Englisch-Unterricht kombiniert. Das ist ein Beispiel aus der Regel-Klasse.
Was wünschen Sie sich von BBF für die Schule und die Kinder?
Die Kinder sollen Mut haben und an sich glauben, damit sie sich entfalten können. Es ist wichtig, dass sie freundlich zu sich selbst sind. Dann können sie sich weiterentwickeln. Das ist der Anfang. Danach können sie auch andere Menschen freundlicher sehen. Zuerst sollen sie an sich selbst arbeiten. Das ist eine Lebenshaltung.
Das Interview führte Maya Frischherz.
Evie schreibt über ihren Urgrossvater Hyen-Taik Kimm. Er war ein berühmter Onkologe, Pathologe und Strahlentherapeut – auch «Vater der chinesischen Onkologie» genannt. Evie beleuchtet in ihrer «Heldengeschichte» in fünf Kapiteln verschiedene Bereiche aus dem Leben von Kimm wie die Flucht aus Korea, den beruflichen Werdegang, die Familie oder Geschehnisse während der Kulturrevolution unter Mao Tse-tung.
Die Publikation mit dem Titel «Was lebt? Was strebt? Was prägt? : Geschichten aus dem Schulhaus Lavater 2024/25» kann auf Externer Link:Amazon gekauft werden:
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