Wenn ein Kind besonders schnell Zusammenhänge erkennt, ungewöhnlich kreative Lösungen findet oder eine ausgeprägte Neugier zeigt, stellt sich für Lehrpersonen und Eltern oft dieselbe Frage: Wie lässt sich dieses Potenzial sinnvoll und nachhaltig fördern? In der Begabungs- und Begabtenförderung der Stadt Zürich geht es darum, solche Stärken frühzeitig wahrzunehmen und gezielt weiterzuentwickeln – nicht nur bei offensichtlichen, sondern auch bei weniger sichtbaren Begabungen.
Ein zentrales Instrument hierfür ist der vom Schulamt entwickelte Einschätzungsbogen. Er unterstützt Lehrpersonen in der «pädagogischen Diagnostik». Diese beruht auf ganzheitlichen Beobachtungen über einen längeren Entwicklungsverlauf des Kindes. So entsteht ein umfassendes Bild der Lernenden. Der Bogen dient als Grundlage für Gespräche zwischen Schule, Eltern, Lehrpersonen und Fachpersonen BBF. Gemeinsam lassen sich so Förderangebote entwickeln, die auf die Persönlichkeit, Interessen und Lernweise eines Kindes abgestimmt sind.
Nicht alle Begabungen zeigen sich auf den ersten Blick. Manche Kinder zeigen ihre Fähigkeiten sehr deutlich, andere bleiben eher unauffällig oder unterschätzen ihre eigenen Stärken.
Lehrpersonen beobachten Kinder deshalb in vielfältigen Kontexten – im Unterricht, bei Projekten oder im Spiel. Begabungen entfalten sich nicht nur in klassischen Schulfächern, sondern können sich auch in kreativen oder sozialen Bereichen zeigen.
Wichtig ist dabei der Grundsatz: Förderung startet dort, wo eine Begabung vermutet wird. Förderung braucht nicht immer eine formelle Diagnose. Ziel ist es, Lernmöglichkeiten zu gestalten, die Kinder motivieren, anregen und ihre individuelle Entwicklung nachhaltig unterstützen.
Das Schulische Standortgespräch bildet die Grundlage für die Planung und Koordination von Förderzielen und -massnahmen. Dabei kommen Lehrpersonen, Eltern und Fachpersonen zusammen, um gemeinsam über die Entwicklung eines Kindes zu sprechen.
Das Gespräch basiert auf den Ergebnissen des Einschätzungsbogens und fokussiert bewusst die Stärken des Kindes. Gemeinsam werden Ziele vereinbart sowie mögliche Förderangebote besprochen, um die individuelle Entwicklung des Kindes optimal zu unterstützen.
Teilnehmende sind:
- Schüler*in
- Eltern bzw. Sorgeberechtigte
- Klassenlehrperson
- Fachperson BBF oder Lehrperson Forschungszentrum
- ggf. weitere Fachpersonen
Der Einschätzungsbogen und das Zusatzmaterial beinhalten verschiedene Methoden, mit denen Lehrpersonen die Stärken und Interessen eines Kindes sichtbar machen können.
Er umfasst insbesondere:
- Begabungssonne (Begabungsprofil)
- Notizblatt zur Begabungssonne
- SSG-Kurzprotokoll
- Zusatzmaterialien (z. B. Klassenscreening, Merkmalteppich, Beobachtungsbogen Eltern, Portfolio)
Das Herzstück bildet die Begabungssonne. Sie ist ein visuelles Instrument, das die vielfältigen Fähigkeiten eines Kindes darstellt. Dazu gehören fachliche Kompetenzen, aber auch persönliche Eigenschaften wie Kreativität, Ausdauer oder soziale Fähigkeiten.
Die Begabungssonne beleuchtet umfassend die Begabungen von Schüler*innen, wobei im 1. Zyklus entwicklungsorientierte Zugänge und im 2. und 3. Zyklus fachliche, personale und soziale Begabungsdomänen berücksichtigt werden. Sie besteht aus Ringen, die von Defizit bis Exzellenz reichen, basierend auf Sternberg und Zhangs Definition von Hochleistungen. Hohe Leistungen zeichnen sich gemäss Sternberg und Zhang durch Exzellenz, Seltenheit, Produktivität, Nachweisbarkeit und besonderen Wert aus. Das Instrument berücksichtigt auch Defizite, da Begabungsprofile oft nicht homogen sind, und adressiert «Zweifach aussergewöhnliche Schüler*innen», die trotz hoher Fähigkeiten Lernschwierigkeiten haben. Die Begabungssonne verzichtet auf statistische Normen und fokussiert auf individuelle Potenziale, um Schüler*innen nicht zu kategorisieren. Dies ist angelehnt an die Aussage von Victor Müller-Oppliger, der sagt, dass «jede Begabung ein Unikat ist».
Ein Portfolio ist eine Sammlung von Originalarbeiten der Schüler*innen und portraitiert Wesentliches über ihr Wissen und ihre Kompetenzen sowie ihre Lernentwicklungen. Es dient der Erkennung und Förderung von Begabungen und wird in der BBF häufig genutzt.
Schüler*innen reflektieren mit der Lehrperson ihr Lernen und Spielen im 1. Zyklus. Sie denken über ihre Erfahrungen nach und stellen sich mit einem Selbstbildnis oder Foto dar. Sie können Portfolio-Ausschnitte oder andere Arbeiten einbeziehen.
Dieses Instrument bietet Merkmale, Beispiele und Beschreibungen, die auf besondere Begabungen hinweisen und als Kompetenzen sichtbar werden können. Es ist nach entwicklungsorientierten Zugängen des Lehrplans 21 (1. Zyklus) sowie Bereichen und Intelligenzen nach Gardner (2. und 3. Zyklus) strukturiert. Die Beschreibungen dienen Lehrpersonen und Fachpersonen BBF als Unterstützung beim Ausfüllen der Begabungssonne und als Formulierungshilfe im Schulischen Standortgespräch.