Das SEM der Stadt Zürich ist in drei klar abgegrenzte, aber eng miteinander verbundene Ebenen gegliedert. Jeder Ebene sind eigene Aufgaben zugeordnet – und doch funktionieren sie wie ein grosses, zusammenhängendes System.
Auf dieser Ebene findet die Begabungsförderung hauptsächlich statt – davon profitieren alle Schüler*innen. Jedes Kind bringt unterschiedliche Begabungen mit – ob in Mathematik, Kunst, Sozialkompetenz, Organisation oder im Umgang mit Technik. Die Lehrpersonen gestalten den Klassenunterricht so, dass diese vielfältigen Talente sichtbar und gezielt gefördert werden können.
Zudem dient die Regelklasse als Beobachtungsraum zur Identifizierung besonderer Begabungen, die sich im individualisierten Unterricht oft deutlicher zeigen. Da das System durchlässig ist, können Kinder flexibel zwischen den verschiedenen Förderebenen wechseln.
Wenn ein Kind besonderes Begabungspotenzial zeigt – etwa durch hohe Kreativität, starke Leistungsmotivation oder vertiefte Interessen – wird es in das schulinterne Pull-Out-Programm eingeladen.
Hier treffen sich Kinder aus verschiedenen Klassen. Sie verbringen in der Regel zwei Lektionen bis einen halben Tag pro Woche als Lerngemeinschaft.
In diesem Programm geht es nicht um mehr Lernstoff, sondern um vertieftes, eigenständiges Lernen. Die Kinder arbeiten an individuellen Projekten – zum Beispiel an einem Comic, einer wissenschaftlichen Untersuchung, einem Theaterstück oder einer App. Ergänzend gibt es thematische Pull-Out-Angebote, die inhaltlich stark individualisiert sind.
Diese Projekte werden nicht isoliert, sondern mit Unterstützung einer Fachperson Begabungs- und Begabtenförderung (BBF) umgesetzt – einer Lehrperson, die durch einen CAS IBBF speziell für diese Aufgabe qualifiziert ist.
Das Pull-Out-Programm richtet sich an Schülerinnen und Schüler mit hohem Potenzial und der Bereitschaft, sich vertieft mit einem Thema auseinanderzusetzen.
Die dritte Förderebene vom SEM ist das Forschungszentrum. Hier werden Kinder gefördert, die exzellente, seltene und produktive Leistungen erbringen – die aussergewöhnlich gut in einer bestimmten Begabungsdomäne sind (z. B. Mathematik, Literatur, Technik, Kunst).
Entscheidend sind nicht nur hohe kognitive Fähigkeiten, sondern ebenso Kreativität, Ausdauer und Begeisterung für ein Thema.
Das Forschungszentrum ist schulkreisweit organisiert – also nicht pro Einzelschule, sondern für mehrere Schulen gemeinsam. Pro Schulkreis gibt es mindestens ein Zentrum, häufig zwei oder drei.
Die Kinder besuchen das Forschungszentrum mindestens einen halben Tag pro Woche. Dort arbeiten sie mit den Lehrpersonen Forschungszentrum – das sind Expert*innen mit einem Masterabschluss (MAS IBBF) – und oft mit externen Expert*innen der BBF, wie Wissenschaftler*innen, Künstler*innen oder Ingenieur*innen zusammen.
Die Projekte im Forschungszentrum sind besonders anspruchsvoll: Sie können zu einem Wettbewerb wie «Schweizer Jugend forscht» führen, zu einer Ausstellung, einem Buch oder einer Präsentation vor einer Fachgruppe.
Ein Mentorat setzt den Fokus auf die individuelle Förderung. In der 1:1 Lernsituation, ausserhalb des Schulsettings arbeiten Mentees in ihrem Interessens- oder Fachgebiet, um sich spezifische Fachkenntnisse anzueignen. Der individuelle, auf gegenseitigem Vertrauen beruhende Austausch mit der ausgewiesenen Fachperson ermöglicht Kindern und Jugendlichen, ihr bestehendes Wissen zu erweitern und spezielle Projekte umzusetzen, um sich fachlich wie persönlich weiterzuentwickeln. Mentor*innen begleiten Schüler*innen mit Potential zu hohen bis exzellenten Fähigkeiten in ihrer Arbeit, fördern die Methodenkompetenz und stärken sie in der Persönlichkeitsentwicklung. Für die Auswahl der Mentor*innen und die Organisation der Mentorate ist die Fachstelle BBF und die Projektleitung Mentorate zuständig.
Ein zentrales Prinzip vom SEM in der Stadt Zürich ist das Drehtürmodell. Das Drehtürmodell sorgt dafür, dass Begabungsförderung flexibel bleibt. Kinder wechseln – je nach Entwicklung und Interesse – zwischen Regelklasse, Pull-Out-Programm und Forschungszentrum.
Stell dir vor, eine Tür öffnet sich – und du kannst jederzeit eintreten, wenn du bereit bist. Und wenn du spürst, dass du nicht mehr dort hingehörst, dreht sich die Tür – und du kannst wieder herausgehen.
Genau das ist das Drehtürmodell:
- Ein Kind, das im Regelunterricht ein besonderes Talent zeigt, kann in das schulinterne POP wechseln.
- Ein Kind, das im POP besonders starke Leistungen erbringt, kann in das Forschungszentrum wechseln.
- Und umgekehrt: Wenn ein Kind im POP oder im Forschungszentrum nicht mehr weiterkommt – etwa, weil es momentan eine Phase geringerer Lern- und Leistungsfähigkeit durchlebt oder neue Interessen entwickelt –, kann es jederzeit zurück in die Regelklasse oder in ein anderes Angebot.
Das bedeutet: BBF ist keine «Einbahnstrasse». Kein Kind wird «festgelegt». Kein Platz wird «für immer vergeben» – sondern das Förderpotenzial wird immer wieder neu eingeschätzt.
Das Drehtürmodell ist ein Zeichen von Vertrauen: Vertrauen in die Entwicklung jedes Kindes. Es steht für die Haltung: «Wir glauben an dich – und wir glauben, dass du dich entwickelst.»
Quellen:
BBF Konzept
Stadt Zürich, Schulamt, Bereich Pädagogik, Fachstelle Begabungs- und Begabtenförderung. «Konzept Begabungs- und Begabtenförderung in der Stadt Zürich». April 2018. Aktualisierte grafische Überarbeitung: Januar 2024.