Joseph S. Renzulli und Sally M. Reis entwickelten das Schulische Enrichment Modell (SEM) 1985 in den USA und bauten es kontinuierlich weiter aus (z. B. Renzulli & Reis, 2014). Von dort aus hat es sich international verbreitet. Für den deutschsprachigen Raum wurde das Konzept umfassend adaptiert (vgl. Renzulli et al., 2001). Das SEM ist dabei mehr als ein Förderprogramm – es ist ein pädagogisches Gesamtkonzept für eine veränderte Lernkultur. Im Mittelpunkt steht nicht die Frage «Wer ist begabt?», sondern wie Begabungen in einer lernförderlichen, «begabenden» Schule entwickelt werden können.
Joseph S. Renzulli und Sally M. Reis sind in der Bildungsforschung tätig. Renzulli ist Psychologe mit Schwerpunkt Begabungs- und Talententwicklung, Reis Bildungsforscherin mit Fokus auf Begabungsförderung und Schulentwicklung. Beide arbeiten an der University of Connecticut und zählen international zu den wichtigsten Forschenden im Bereich der Begabtenförderung und der Entwicklung des Schoolwide Enrichment Models (SEM).
Die Forschung zum SEM stammt überwiegend aus den USA und umfasst über 40 Jahre. Zahlreiche Schulstudien zeigen, wie das Modell umgesetzt wird und welche Wirkungen es hat. Insgesamt belegen die Ergebnisse, dass das weltweit eingesetzte SEM, leistungsstarke Schüler*innen unterstützt und gleichzeitig allen Lernenden zusätzliche, an Stärken orientierte Lernangebote bietet. Es steigert Motivation, Leistung und Kreativität und fördert langfristig einen stärker interessengeleiteten Unterricht (vgl. Renzulli & Reis, 2014; Reis et al., 2021). Joseph S. Renzulli fasste diese Grundidee mit dem Satz «A rising tide lifts all ships» («Eine steigende Flut hebt alle Boote.») zusammen. Im Kontext des SEM bedeutet dies: Wenn die Lern- und Förderqualität einer Schule insgesamt steigt, profitieren alle Schülerinnen und Schüler – nicht nur die besonders leistungsstarken.
Zudem zeigt die Forschung, dass das SEM Schulen organisatorisch flexibler macht. Feste Klassenstrukturen werden durch offene Lernformen, Projekte und wechselnde Lerngruppen ergänzt. Schüler*innen arbeiten zeitweise an selbstgewählten Themen, wodurch eine individualisierte Lernorganisation entsteht, die Interessen und Stärken mehr berücksichtigt. Studien weisen darauf hin, dass dies Engagement und aktive Beteiligung der Lernenden erhöht (vgl. Reis et al., 2021; Renzulli & Reis, 2014).
Literatur
Reis, S. M. & Peters, P. M. (2021). Research on the Schoolwide Enrichment Model: Four decades of insights, innovation, and evolution. Gifted Education International, 37(2), 109–141
Renzulli, J. S., & Reis, S. M. (2014). The Schoolwide Enrichment Model: A How-to Guide for Educational Excellence (3. Aufl.). Waco, TX: Prufrock Press.
Renzulli, J. S., Reis, S. M. & Stedtnitz, U. (2001). Das Schulische Enrichment Modell (SEM): Begabungsförderung ohne Elitebildung. Aarau: Sauerländer.