«Kinder scheuen sich nicht, ihre Schwächen einzugestehen», erzählt Ariane Macchi, Therapeutin für Psychomotorik. In der Psychomotoriktherapie werden Kinder unterstützt, die Schwierigkeiten haben, etwa in der Grobmotorik oder in der Grafomotorik, also beim Schreiben.
Ariane Macchi ist begeistert von dieser Arbeit, da die Kinder ihren Bedürfnissen gemäss in einer immer komplexer werdenden Welt individuell gefördert werden. «Kinder in ihrer Entwicklung zu begleiten, die vielleicht in nicht so einfachen Situationen sind, macht Freude und ist sehr sinnstiftend.» Als Leiterin der Fachstelle Psychomotorik haben sich die Aufgaben von Ariane Macchi zwar verändert, doch letztlich gehe es auch in ihrer heutigen Funktion darum, «dass sich das Know-how über Psychomotorik in der Schule so entfalten kann, dass es die inklusive Schule unterstützt, die einen Lernort für alle bietet.»
Arbeiten für die Stadt Zürich. Hier erfahrt ihr die Geschichten hinter den Berufen. Neue Folge, neuer Beruf bei der Stadt Zürich, den wir euch heute in diesem Podcast vorstellen.
Und zwar geht es um Psychomotorik. Das klingt nach Therapie, ist für viele aber ein echter Neuanfang.
Mein Name ist Sven Bratschi, und ich will herausfinden, welche verschiedenen Berufe es in der Stadt Zürich gibt. Zu Gast ist heute Ariane Macchi, sie ist Leiterin der Fachstelle Psychomotorik.
Hallo Ariane, schön, bist du bei uns. – Vielen Dank, ich freue mich, hier zu sein.
Bevor wir über deinen Beruf sprechen, möchte ich kurz in deine Kindheit zurückgehen: Was war damals dein Traumberuf?
Krankenschwester. Und zwar aus einem einfachen Grund: Wir hatten ein Bilderbuch, und darin gab es eine Krankenschwester, die ein sehr schönes Kleid anhatte. Später wollte ich Lehrerin werden.
Du hast mehrere Jahre als Lehrerin gearbeitet. Wann kam der Moment, in dem du dich für Psychomotorik entschieden hast?
Ich stand mit 21 Jahren das erste Mal vor einer Klasse, und nach fünf Jahren wollte ich etwas Neues machen. Ich suchte etwas im schulischen Umfeld und bin auf die Psychomotorik gestossen. Ich kannte den Beruf vorher nicht und fand ihn spannend. Ich treffe Entscheidungen oft intuitiv: Ich habe mich einfach zur Eignungsprüfung angemeldet und wurde aufgenommen.
Du warst also selbst nie in einer psychomotorischen Therapie? Nein, das gab es dort, wo ich aufgewachsen bin, in dieser Form nicht. Aber ich fand das Berufsfeld interessant, das der Schule und vor allem den Kindern etwas bringen könnte.
Bevor wir über Psychomotorik sprechen, müssen wir zuerst den Begriff klären: Offiziell heisst es «pädagogisch-therapeutisches Konzept mit dem Ziel einer ganzheitlichen Entwicklungsförderung». Ziemlich kompliziert. Wenn du das einem Kind erklären müsstest, wie würdest du deinen Beruf beschreiben?
Ich würde beim Raum und beim Material anfangen. Das ist etwas, das man jedem Kind erklären kann. Kinder bewegen sich in der Regel gerne und sie spielen auch gerne, wenn sie die nötigen Fähigkeiten dazu entwickelt haben. Das ist heute nicht mehr immer selbstverständlich. Diese Räume sind Orte, in denen Kinder gerne sind. Kinder sind nicht scheu, über ihre Schwächen zu sprechen oder sie zu zeigen. Und genau das ist ein sehr wichtiger Teil in der Psychomotorik: Dass man mit den Kindern darüber spricht, warum sie da sind.
Verstehen die Kinder das denn? Ja, mit Kindern kann man früh differenziert sprechen. Es kommt darauf an, wie man das macht. Wenn ein Kind in der Schule, zu Hause oder auf dem Pausenplatz Schwierigkeiten hat, dann weiss es das, auch wenn es das vielleicht nicht mit Fachbegriffen benennen kann. An diese Alltagserfahrungen kann man anknüpfen.
Was sind das für Kinder, die zu euch kommen?
Die Anmeldungsgründe sind sehr vielfältig. In den mehr als 20 Jahren, seit ich in diesem Beruf arbeite, sind sie vielfältiger geworden. Unsere Welt ist bunter und vielfältiger geworden, was mit mehr Komplexität verbunden ist. Zu uns kommen beispielsweise Kinder, die Bewegungsschwierigkeiten haben und einen Leidensdruck verspüren. Weitere Themen sind die Grobmotorik sowie die Fein- oder Graphomotorik, also wenn es Schwierigkeiten beim Schreiben gibt. Dann gibt es auch Themen im Bereich Verhalten, bei der sozio-emotionalen Entwicklung, aber auch bei der Wahrnehmung. Es ist ein sehr breites Feld.
Was hat sich deiner Meinung nach in deinem Beruf im Lauf der Zeit verändert?
Es ist alles komplexer geworden. Sind die Kinder heute anders?
Wenn ich an meine eigene Kindheit zurückdenke, dann war die Welt kleiner, der Horizont enger. Die Einflüsse sind heute vielfältiger, was die Menschen verändert. Und Kinder spüren, dass viel Verunsicherung in der Welt ist. Gleichzeitig gibt es auch einen enormen Leistungsdruck.
Es gibt das Vorurteil, dass man in der Psychomotorik eigentlich nur spielt. Stimmt das?
Nein, definitiv nicht. Wir machen eine Eingangsdiagnostik, besprechen gemeinsam mit den Eltern und Lehrpersonen, worum es geht, welche Ziele gesetzt werden. Diese Ziele leiten dann die gesamte Therapie. Manchmal muss man etwas üben, und das ist vielleicht nicht so aufregend. Aber in der Psychomotorik hat man den Vorteil, dass man nicht einer ganzen Klasse gerecht werden muss. Daher kann man die Übungen oft so verpacken, dass sie für die Kinder motivierend sind. Das macht grosse Freude und auch grossen Spass in diesem Beruf.
Heute arbeitest du nicht mehr direkt in der Therapie, sondern bist Leiterin der Fachstelle Psychomotorik. Wie hat sich dein Arbeitsalltag verändert?
Ich habe die Gesamtleitung, bin für die Personalführung zuständig. Ich bin in vielen Sitzungen, vernetze mich mit verschiedenen Menschen in der Stadt, auch im Schulbereich. Aber es geht auch um Themen wie Raumplanung, Raumausstattung oder finanzielle Fragen. Aber am Ende geht es immer noch um das Gleiche. Daraus ziehe ich meine Motivation. Auch nach elf Jahren in dieser Funktion kann ich sagen: Ich mache das immer noch mit grosser Begeisterung. Weil es sich einfach lohnt. Weil es schön ist, mit den Leuten, die an der Basis arbeiten, etwas zu entwickeln und weiterzugehen. Es geht darum, dass das psychomotorische Know-how in der Schule so eingesetzt wird, dass es wirksam ist. Dass es die inklusive Schule unterstützt und sie zu einem Lernort macht, an dem wirklich alle Platz haben.
Du bist jetzt seit über 20 Jahren bei der Stadt Zürich und in der Psychomotorik tätig. Gibt es ein, zwei Erlebnisse mit Kindern, die dir besonders geblieben sind?
In der Zusammenarbeit mit Kindern gibt es viele Momente, an die ich mich erinnere. Da war zum Beispiel ein Mädchen, es war wahrscheinlich in der fünften Klasse, etwas übergewichtig, sehr unglücklich, hatte viele negative Erlebnisse in der Schule und erlebte sich selbst als unfähig. Bewegung fiel ihr sehr schwer. Aber wenn sie Musik hörte, bewegte sie sich plötzlich wie eine Zirkusprinzessin und war glücklich. In einem therapeutischen Setting ist vieles möglich, was in einer Klasse mit 25 Kindern nicht geleistet werden kann.
Was macht die Stadt Zürich für dich aus?
Die Stadt Zürich ist mein Zuhause. Hier sind meine Familie und meine Freunde, meine Kinder gingen hier zur Schule. Ich möchte etwas zurückgeben, ein Stück zum Leben in dieser Stadt beitragen. Das ist sehr sinnstiftend.
Du engagierst dich mit viel Herzblut für die Psychomotorik. Was ist dein Rat, wenn jemand in diesen Beruf einsteigen möchte?
Ja, es ist ein wunderbarer Beruf. Es sind drei Jahre Vollzeitstudium – oder Teilzeit, dann dauert es etwas länger. Aber es ist eine Investition, die sich lohnt, weil es ein sinnstiftender Beruf ist. Ein Beruf, in dem man jeden Tag Kinder in ihrer Entwicklung begleiten kann. Besonders jene, die nicht in einer einfachen Situation sind.
Danke vielmals, Ariane. Und danke fürs Zuhören. Arbeiten für die Stadt Zürich: Hier erfahrt ihr die Geschichten hinter den Berufen.