Täglich werden etwa alle 3 Minuten Notfälle über die Telefonnummern 144 oder 118 an die Einsatzleitzentrale von Schutz & Rettung gemeldet. Egal, ob es sich um die Rettung von Menschen, Brände oder Wasserschäden handelt – es muss rasch reagiert werden. Das professionelle Team der Einsatzleitzentrale leistet und organisiert die lebenswichtige Hilfe – Feuerwehr, Rettungsdienst und bei Bedarf weitere Partner*innen.
Max Fischer ist Poly-Disponent in der Einsatzleitzentrale. Er weiss, dass jede Minute zählt und daher eines zentral ist: «Auch wenn es etwas hektisch wird, sind wir ruhig und konzentriert», erklärt der ausgebildete Rettungssanitäter. Mehr über seine Verantwortlichkeit und weshalb er seine Arbeit bei einer Blaulichtorganisation schätzt, erfahren Sie in unserem Podcast.
Thema: Der Beruf des Disponenten in der Einsatzleitzentrale von Schutz & Rettung
Moderation: Sven Bratschi
Gast: Max Fischer (Poly-Disponent)
Sven Bratschi: Arbeiten für die Stadt Zürich. Hier erfahrt ihr Geschichten hinter den Berufen. Neue Folge, neuer Beruf der Stadt Zürich, den wir euch heute vorstellen.
Wenn man an einen Notruf denkt, denkt man oft an Polizei, Rettungssanitäter oder Feuerwehr. Aber bevor überhaupt ein Fahrzeug losfährt, sitzt jemand ganz ruhig und trotzdem unter Hochdruck am Telefon.
Ich bin Sven Bratschi und möchte herausfinden, was die gut 34 000 Mitarbeitenden der Stadt Zürich täglich leisten. Heute mit jemandem, der jeden Tag entscheidet, was als Nächstes passiert: ein Disponent aus der Einsatzleitzentrale – Max Fischer.
Hallo, schön, dass du da bist.
Max Fischer: Hallo, danke für die Einladung.
Sven Bratschi: Ich will für den Anfang ganz weit zurückgehen in deine Kindheit. Was war damals so dein Traumberuf?
Max Fischer: Feuerwehrmann.
Sven Bratschi: Also eigentlich sehr nahe an dem, was du heute machst, oder?
Max Fischer: Das ist so, ja.
Sven Bratschi: Du hast ursprünglich eine Ausbildung als Konditor angefangen. Was hat dich dazu bewegt, in die Blaulichtberufe zu wechseln?
Max Fischer: Ich habe die Ausbildung zum Konditor begonnen und dann abgebrochen, weil ich im Internet eine Anzeige für eine Ausbildung zum Rettungsassistenten gesehen habe. Dafür war ich sofort Feuer und Flamme. So bin ich in den Rettungsdienst gekommen.
Sven Bratschi: Du hast mehrere Jahre als Rettungssanitäter in Deutschland und in der Schweiz gearbeitet. Lass uns über deinen jetzigen Job sprechen. Dafür müssen wir in die Einsatzleitzentrale von Zürich gehen.
Für jemanden, der das noch nie gesehen hat: Wie sieht es dort aus?
Max Fischer: Wir sind am Flughafen Zürich und arbeiten in einem relativ grossen Raum im Operation Center 1. Dort stehen viele Tische in mehreren Reihen, die nach Funktionen aufgeteilt sind.
Ganz hinten sitzt der Schichtleiter. In den vorderen Reihen sitzen die medizinischen Fachpersonen der Einsatzleitzentrale, also die Calltaker*innen, rechts davon die Disponent*innen. Und ganz vorne im Raum sitzen die Mitarbeitenden der Sekundärdisposition.
Sven Bratschi: Kann man sich das wie ein James-Bond-Headquarter vorstellen?
Max Fischer: Wahrscheinlich schon. Wir haben auch eine Grossbildleinwand am Ende des Raums, auf der das Einsatzgebiet, die aktuellen Einsätze und die verfügbaren Mittel dargestellt sind. Das ist schon ziemlich imposant, wenn man den Raum zum ersten Mal betritt.
Sven Bratschi: Es gibt zwei Hauptberufsgruppen: die Calltaker*innen, die die Notrufe annehmen, und die Disponent*innen – das ist dein Job.
Was passiert, wenn ein Notruf reinkommt?
Max Fischer: Ich warte, bis der Calltaker das Notrufgespräch abgeschlossen hat. Sie melden sich mit «Sanitätsnotruf» oder «Feuernotruf» und fragen als Erstes: «Wo genau ist der Notfallort?».
Sobald die Adresse verifiziert ist, beginnt die strukturierte Abfrage. Dafür nutzen wir ein System namens Audis, das wir dieses Jahr neu eingeführt haben.
Danach wird entschieden, welche Hilfe benötigt wird. Wenn ein Einsatzmittel erforderlich ist, kommt der Fall zu uns in die Disposition.
Wir prüfen den Einsatz, klären Zuständigkeiten und entscheiden, welches Mittel am besten passt. Dann wird das nächste verfügbare Einsatzmittel zum Patienten geschickt.
Sven Bratschi: Hörst du währenddessen die Gespräche mit?
Max Fischer: Nicht aktiv, aber man bekommt vieles mit – besonders bei kritischen Situationen wie Reanimationen. Dafür entwickelt man mit der Zeit ein Gespür.
Sven Bratschi: Also dann spürt man auch, dass es ein bisschen hektischer wird?
Max Fischer: Es kann hektischer werden, aber wir versuchen immer, Ruhe zu bewahren.
Sven Bratschi: Wie lernt man das?
Max Fischer: Indem es bei uns gelebt wird. Wir haben relativ wenig Hektik, sondern alle sind sehr konzentriert bei der Sache. Das ist auch wichtig, damit uns keine Fehler unterlaufen.
Sven Bratschi: Jetzt hast du das so einfach gesagt: «Ja, wir disponieren dann die Fahrzeuge.» Wie machst du das konkret? Schreibst du denen eine WhatsApp? Wahrscheinlich nicht.
Max Fischer: Wir arbeiten mit unserem Einsatzleitsystem. Dort öffnen wir den sogenannten Alarmplan – so heisst das Tool. Dann sehen wir, welche Rettungsmittel in der Nähe verfügbar sind. Zusätzlich können wir eine Karte hinzuziehen, auch überregional, zum Beispiel bis in die Region Schaffhausen. So sehen wir auch, was die deutschen Rettungsmittel in Waldshut oder Konstanz machen und können sie bei Bedarf einbeziehen.
Wenn wir sehen: «Der aus Konstanz ist nah dran», dann nehme ich Kontakt mit der deutschen Leitstelle auf und lasse den Rettungswagen oder den Notarzt alarmieren – oder beides. In ländlichen Gebieten oder bei schwierigem Gelände können wir auch einen Helikopter einsetzen. Es kommt immer auf das Einsatzstichwort an. Ein Einsatz ohne Sondersignal bleibt in der Regel im Zuständigkeitsbereich.
Sven Bratschi: Sondersignal heisst Blaulicht?
Max Fischer: Genau, mit Blaulicht und Martinshorn.
Wenn wir zum Beispiel in Rüschlikon sind, wäre normalerweise der Rettungsdienst vom
Seespital Horgen zuständig. Wenn aber gerade ein Rettungswagen aus Lachen zufällig in der Nähe ist und es sich um eine Reanimation handelt, dann wird dieser eingesetzt.
Das alles muss man im Hinterkopf behalten. Das System unterstützt uns stark, aber man muss es auch verstehen und richtig anwenden.
Sven Bratschi: Du hast mir vorhin gesagt, ihr habt im Schnitt fast 500 Notrufe pro Tag. Also etwa alle drei Minuten einen.
Max Fischer: Genau das macht den Beruf spannend. Es kann sein, dass es zehn Minuten ruhig ist oder nur fünf Sekunden. Das sorgt für einen gewissen Nervenkitzel.
Sven Bratschi: Gibt es Momente, in denen du überfordert bist?
Max Fischer: Man findet immer einen Weg. Zum Beispiel beim Zürich-Marathon: Dort gibt es zusätzliche Sanitätsposten und Ambulanzen. Solche Grossanlässe werden so organisiert, dass die Hilfe jederzeit in adäquater Zeit vor Ort ist.
Sven Bratschi: Du hast sicher viele Geschichten erlebt. Ist dir eine besonders geblieben?
Max Fischer:
Ja. Die Einsatzzentrale der Stadtpolizei Zürich hat mich einmal angerufen und gesagt: «Hey Max, ich habe eine Dame mit Bauchschmerzen dran. Sie spricht nicht so gut Deutsch, ich stelle sie dir durch.»
Ich habe das Gespräch übernommen. Die Kommunikation war schwierig, aber machbar. Während der strukturierten Notrufabfrage sagte die Frau plötzlich, sie spüre etwas – das Köpfchen sei bereits da. Ich fragte: «Sind Sie schwanger?» – «Ja.»
Das Fruchtwasser war bereits abgegangen. Ich musste mich kurz sammeln und habe dann die Anleitung für eine Geburt aufgerufen.
Ich habe die Frau telefonisch durch die Geburt begleitet. Währenddessen haben meine Kollegen die passenden Einsatzmittel alarmiert. Am Ende habe ich mit ihr zusammen am Telefon ihr erstes Kind zur Welt gebracht. Als der erste Schrei zu hören war, war das ein unglaublich schönes Gefühl. Man hat sofort gemerkt, wie der Stress bei der Mutter nachgelassen hat. Das Kind wurde anschliessend gesund ins Spital gebracht.
Sven Bratschi: Eine sehr schöne Geschichte. Ich nehme aber an, das ist leider nicht der Alltag, es gibt sicher auch schwierige Geschichten?
Max Fischer: Ja, es gibt auch schwierige Einsätze.
Einmal erhielt ich als Calltaker die Meldung, dass eine Person in ein Lagerfeuer gefallen ist. Vor Ort herrschte grosse Hektik. Ich habe versucht, die Anwesenden anzuleiten, die Person aus dem Feuer zu ziehen – das war nicht einfach. Parallel wurden alle verfügbaren Mittel alarmiert: Helikopter, Feuerwehr, Rettungswagen und Notarzt.
Die Feuerwehr war zuerst vor Ort, konnte die Person bergen und erste medizinische Massnahmen einleiten. Danach übernahmen die Notärzte, und der Patient wurde in ein Verbrennungszentrum geflogen. Das war ein sehr eindrücklicher Einsatz.
Sven Bratschi: Das kann ich mir gut vorstellen. Man ist dabei ja ans Telefon gebunden, du kannst nur reden, aber sonst nichts tun. Wie ist das für dich in so einem Moment?
Max Fischer: Es war eine aufgebrachte oder verzweifelte, emotionale Stimmung vor Ort. Unsere Aufgabe ist es, strukturiert zu bleiben, nichts zu vergessen und die Menschen bestmöglich anzuleiten und zu unterstützen.
Sven Bratschi: Kannst du das nachher gut wegstecken?
Max Fischer: Solche Einsätze bespricht man im Nachgang mit den Kolleg*innen. Wir haben bei Schutz & Rettung ein sehr gutes Peer-System, an das man sich jederzeit wenden kann. Der Schichtleiter achtet auch darauf, dass man sich kurz erholen kann und steht als Gesprächspartner zur Verfügung. Das funktioniert bei uns sehr gut.
Sven Bratschi: Ich könnte mir vorstellen, dass du die Stadt Zürich fast auswendig kennst.
Max Fischer: Es gibt Hotspots, an denen wir oft Einsätze haben. Aber es kommen jeden Tag neue Orte dazu – ein Notfall kann überall passieren.
Sven Bratschi: Was gefällt dir besonders an deinem Beruf?
Max Fischer: Die Kommunikation, Menschen in Not zu helfen, und das analytische Denken. In der Disposition muss man immer einen Schritt vorausdenken: Welche Einsätze laufen, welche könnten dazukommen, welches Mittel wird als Nächstes gebraucht?
Und das Teamgefühl ist sehr stark. Während der Arbeit haben wir 100 Prozent Fokus, aber in ruhigen Momenten bleibt auch Zeit für Austausch und Humor.
Sven Bratschi: Du hast mir gesagt, für diesen Beruf braucht es vor allem die medizinische Grundausbildung, damit man eben weiss, was die Person am anderen Ende vom Telefon hat.
Welche Fähigkeiten sollte man als Disponent sonst noch mitbringen?
Max Fischer: Es ist wichtig, das Einsatzgebiet zu kennen. Man kann nicht jede Ecke kennen, aber dass man weiss: Wo sind die Kantone, wo sind die Hotspots? Man lernt auch in der Einarbeitung sehr viel dazu. Wichtig ist sicher auch ein strukturiertes, schnelles, analytisches Denken, weil es manchmal schnell von einer ruhigen Situation dazu kommt, dass man innerhalb von 10 Minuten ohne Ende Notrufe an den verschiedensten Ecken bekommt. Da muss man sehr spontan und agil reagieren können. Und ein eher ruhiges Wesen ist bei uns wichtig.
Sven Bratschi: Gibt es etwas, das du persönlich gelernt hast in der Zeit?
Max Fischer: Was ich in der Zeit gelernt habe, ist eine ganz andere Kommunikation. Dadurch, dass wir nicht vor Ort sind und keine Augen haben, sondern eigentlich alles über das Hören geht, muss man in gewissen Situationen eine sehr gute Vorstellungskraft haben. Ich merke das bei Teamfortbildungen oder «Crew Resource Management»-Fortbildungen, die wir öfters im Jahr haben. Da kann ich ein Beispiel erzählen: Da wird ein Bild an die Wand projiziert, zum Beispiel ein Haus mit zwei Wolken und der Sonne. Eine Person bleibt am Telefon im Raum und eine andere geht mit Zettel und Stift hinaus. Die Aufgabe ist, dass die Person am Telefon das Bild beschreibt und die andere Person es so gut wie möglich nachmalt.
Es kommen manchmal die kuriosesten Zeichnungen zurück. Im Endeffekt stimmt es immer – es ist ein Haus mit zwei Wolken –, aber aus einem ganz anderen Blickwinkel, weil jeder eine andere Vorstellungskraft hat. Das ist sicher etwas, was man mit der Zeit trainiert.
Sven Bratschi: Also eigentlich ist eure grosse Herausforderung, dass ihr das Gehörte richtig aufnehmen könnt.
Max Fischer: Genau.
In Zukunft wird es wahrscheinlich auch Tools geben, mit denen wir auf Handy-Kameras zugreifen können. Da wird sich noch einiges entwickeln.
Sven Bratschi: Danke dir, Max.
Wenn ihr denkt, das könnte euer Traumberuf sein, findet ihr mehr Infos unter
stadtzuerich.ch.
Max Fischer, herzlichen Dank, dass du da warst.
Max Fischer: Danke für die Einladung.
Sven Bratschi: Und wenn ihr mehr über die vielfältigen Berufe der Stadt Zürich erfahren wollt, dann müsst ihr einfach das nächste Mal wieder reinhören.
Danke fürs Zuhören und bis bald. Arbeiten für die Stadt Zürich – hier erfahrt ihr Geschichten hinter den Berufen.