In der Stadt Zürich ist es in den vergangenen Jahren dichter geworden. Es wurden so viele Wohnungen gebaut, dass Ende vergangenen Jahres 452 421 Personen in der Stadt leben konnten – zehn Jahre früher waren es noch 410 404 Personen. Noch stärker ist in dieser Zeit die Zahl der Beschäftigten gestiegen, von 453 600 auf 532 700.
Dennoch sind die Zürcher*innen nach wie vor zufrieden mit ihrer unmittelbaren Wohnumgebung: Rund ein Drittel der Bevölkerung ist sehr zufrieden damit (Note 6), weitere rund 40 Prozent vergeben die Note 5. Diese Bewertungen sind in den letzten Jahren praktisch gleichgeblieben. Lediglich drei Prozent der Einwohner*innen sind nicht oder überhaupt nicht zufrieden mit ihrer Wohnumgebung (Noten 1–2).
Die Zürcher*innen sind mit ihrer Wohnumgebung also grundsätzlich zufrieden. Aber gilt das für alle Bevölkerungsgruppen gleich? Welche quartierspezifischen Gegebenheiten haben einen Einfluss auf die Zufriedenheit mit der Wohngegend?
Der vorliegende Artikel geht diesen Fragen mithilfe der Daten der Bevölkerungsbefragung auf den Grund. Dazu wurde ein statistisches Modell erstellt, mit welchem der Einfluss verschiedener Lebensumstände auf die Zufriedenheit mit der Wohnumgebung berechnet wird (Details zur Methode unter «Mehr zum Thema»). So kann der Einfluss einzelner Faktoren gezeigt werden, während alle anderen Parameter konstant gehalten sind.
Untersucht wurde der Einfluss von verschiedenen soziodemografischen Merkmalen (konkret: Alter, Geschlecht, Aufenthaltsstatus, Bildungsgrad, Arbeitspensum, Haushalt mit/ohne Kinder, wirtschaftliche Situation, Wohnquartier) auf die Zufriedenheit mit der Wohnumgebung. Dabei zeigt sich, dass die meisten dieser Merkmale zwar einen signifikanten, aber nur äusserst geringen Einfluss auf die Zufriedenheit der Einwohner*innen mit ihrer Wohngegend haben (weniger als 0.1 Schulnoten Unterschiede zwischen den Bevölkerungsgruppen). Einzig bei der persönlichen wirtschaftlichen Situation und beim Wohnquartier zeigen sich deutliche Effekte: Je besser eine Person die eigene wirtschaftliche Situation bewertet, desto zufriedener ist sie auch mit ihrer unmittelbaren Wohnumgebung. So ist eine Person, die ihre eigene wirtschaftliche Lage als «gut» einschätzt, ca. 0.4 Schulnoten zufriedener mit ihrer Wohngegend als eine Person, welche ihre wirtschaftliche Situation als «schlecht» einschätzt – und dies unabhängig von anderen Merkmalen, d. h. zum Beispiel ungeachtet dessen, wie alt oder gebildet sie ist. Auch zwischen den Quartieren werden Unterschiede sichtbar: So bewertet eine Person die Wohnumgebung zum Beispiel im Quartier Langstrasse im Durchschnitt mit der Note 4.5, während sie dieser im Quartier Mühlebach die Note 5.3 erteilt. Diese unterschiedlichen Einschätzungen je nach Wohnquartier gelten ebenfalls unabhängig von anderen soziodemografischen Merkmalen wie dem Alter, dem Geschlecht oder der eigenen wirtschaftlichen Situation.
Neben dem Einfluss von verschiedenen soziodemografischen Merkmalen wurde der Einfluss von quartierspezifischen Aspekten auf die Zufriedenheit der Zürcher*innen mit ihrer Wohnumgebung analysiert (Details zur Methode unter «Mehr zum Thema»). Es zeigt sich: Am zufriedensten sind Zürcher*innen dann mit ihrer Wohngegend, wenn sie grün, ruhig, sicher und sauber ist. Diese Aspekte werden unter dem Begriff «Aufenthaltsqualität» zusammengefasst. Personen, welche die Aufenthaltsqualität im Quartier sehr hoch bewerten (Schulnote 6), sind auch mit der Wohnumgebung sehr zufrieden (Schulnote 5.4). Analog gilt: Personen, welche die Aufenthaltsqualität im Quartier sehr schlecht bewerten (Schulnote 2), sind im Durchschnitt mit der Wohnumgebung weniger zufrieden (Schulnote 4). Die beiden zusätzlich untersuchten Aspekte Freizeit- und Einkaufsangebot sowie Nachbarschaft tragen ebenfalls, aber deutlich weniger stark, zu einer guten Bewertung der Wohngegend bei.
Es ergeben sich also folgende Zusammenhänge: Die Aufenthaltsqualität ist für die Beurteilung der Wohnumgebung am wichtigsten, gefolgt von der Nachbarschaft und dem Freizeit-/Einkaufsangebot.
Bei älteren Menschen gibt es aber interessante Abweichungen: Für sie hat das Einkaufs- und Freizeitangebot im Quartier eine deutlich geringere Wichtigkeit als für Jüngere. Bei Menschen ab 75 Jahren hat die Zufriedenheit mit dem Einkaufs- und Freizeitangebot sogar überhaupt keinen signifikanten Einfluss mehr auf die Beurteilung der Wohnumgebung. Die Aufenthaltsqualität und die Nachbarschaft hingegen bleiben auch für Personen im höheren Alter ausschlaggebend für die Zufriedenheit mit der unmittelbaren Wohngegend.
Zusätzlich wird erkennbar: Für Frauen ist die Aufenthaltsqualität wichtiger als für Männer hinsichtlich der Bewertung ihrer Wohnumgebung. Männer beurteilen ihre unmittelbare Wohngegend weniger stark in Abhängigkeit davon, wie sie die Aufenthaltsqualität bewerten.
Wenn Sie an die unmittelbare Umgebung Ihrer Wohnung oder Ihres Hauses denken: Wie zufrieden sind Sie, alles in allem, mit Ihrer unmittelbaren Wohnumgebung?
Bewertung auf einer Skala von 1 (überhaupt nicht zufrieden) bis 6 (sehr zufrieden)
Wie zufrieden sind Sie mit den folgenden Gegebenheiten in Ihrem Quartier?
- Nachbarschaft
- Einkaufsmöglichkeiten in der Nähe
- Zusammensetzung der Quartierbevölkerung
- Möglichkeiten der Freizeitgestaltung in Ihrem Quartier
- Öffentlicher Grünraum in Ihrem Quartier, d. h. Parks, Wald und Wiesen
- Sauberkeit in Ihrem Quartier
- Verkehrssicherheit in Ihrem Quartier
- Öffentliche Sicherheit in Ihrem Quartier
- Ruhe in Ihrem Quartier
Bewertung auf einer Skala von 1 (überhaupt nicht zufrieden) bis 6 (sehr zufrieden).
Es wurde ein lineares Mehrebenen-Regressionsmodell gerechnet. Dabei ist die Zielvariable die Zufriedenheit mit der unmittelbaren Wohnumgebung (erhoben mit Schulnoten von 1 bis 6). Als Kontroll-Variablen wurden folgende Variablen gewählt: Alter, Geschlecht, Arbeitspensum, eigene wirtschaftliche Lage, Ausbildung, Wohnquartier, Aufenthaltsstatus in der Schweiz, sowie die Frage, ob Kinder im Haushalt leben.
Die neun einzeln abgefragten Gegebenheiten im Quartier (Zufriedenheit ebenfalls erhoben mit Schulnoten von 1 bis 6) konnten mittels einer Faktoranalyse auf drei Faktoren reduziert werden:
- Faktor «Aufenthaltsqualität»: öffentlicher Grünraum, Sauberkeit, Verkehrssicherheit, öffentliche Sicherheit, Ruhe im Quartier
- Faktor «Nachbarschaft»: Nachbarschaft, Zusammensetzung der Quartierbevölkerung
- Faktor «Freizeit-/Einkaufsangebot»: Freizeitgestaltung im Quartier, Einkaufsmöglichkeiten in der Nähe
Um diese Faktoren zu berechnen, wurde jeweils der Mittelwert der Zufriedenheit mit den Gegebenheiten gebildet, die zu diesem Faktor gehören.
Mehrebenen-Modelle ermöglichen die Analyse von Daten, die hierarchisch gruppiert sind. Dies ist dann der Fall, wenn die Individuen einer Stichprobe natürlichen Gruppen angehören und davon ausgegangen werden kann, dass neben den individuellen Merkmalen (Ebene 1) eines Individuums auch dessen Gruppenzugehörigkeit (Ebene 2) einen Einfluss auf die abhängige Variable hat. Im Unterschied zu Regressionsmodellen mit nur einer Ebene werden die Daten auf mehreren hierarchischen Ebenen analysiert, womit sich auch Kontext- oder Makroeffekte untersuchen lassen. Im vorliegenden Fall können die Umfrageteilnehmer*innen (Ebene 1) der Bevölkerungsbefragung hierarchisch in die statistischen Quartiere der Stadt Zürich (Ebene 2) gruppiert werden.
Insgesamt wurden fünf Modelle gerechnet:
- Einmal nur mit allen Kontrollvariablen
- Einmal mit Kontrollvariablen und den drei Faktoren zu Quartiergegebenheiten
- Je einmal für die Interaktion der Variablen «Alter», «Geschlecht» und «Kinder im Haushalt» mit den drei Faktoren zu Quartiergegebenheiten
Die Regressionstabellen finden sich im PDF unter «Download».
In den Grafiken 2 und 3 werden sogenannte marginale Effekte dargestellt. Das sind modellbasierte Vorhersagen der Zielvariable, in diesem Falle der Zufriedenheit. Für den Vergleich der Quartiere wird berechnet, wie zufrieden eine Person gemäss Modell wäre, wenn sie im betrachteten Quartier wohnen würde. Diese Vorhersage wird für alle Personen im Datensatz gemacht und anschliessend gemittelt. Dieser Durchschnitt ist der dargestellte Wert. Dadurch können die Quartiere verglichen werden, ohne dass Unterschiede in der Zusammensetzung der Bevölkerung das Ergebnis verzerren. In Grafik 3 werden auf dieselbe Art marginale Effekte ermittelt, in diesem Fall, um die Unterschiede zwischen den drei Faktoren zu Quartiergegebenheiten zu ermitteln.