«Was meinen Sie, soll ich diese Nacht besser bleiben?» Fachpersonen in der Palliative Care hören diese Frage oft. Gestellt wird sie von Angehörigen, die sich sorgen, dass der geliebte Mensch ohne ihr Beisein sterben könnte. Wie soll die Fachperson antworten? Rät sie zum Bleiben oder zum Gehen? Bleibt sie vage? Vielfach ist keine der Optionen eindeutig die richtige.
Zu ungewiss und zu unberechenbar sind die Situationen in der Palliative Care. Wer zum Bleiben rät und eine ruhige Nacht erlebt, bringt Angehörige möglicherweise um eine dringend benötigte Erholungspause. Wer zum Gehen ermutigt und mit einem unerwarteten Todesfall konfrontiert wird, riskiert Schuldgefühle bei den Hinterbliebenen. Und wer sich nicht festlegt, sieht sich unter Umständen dem Vorwurf mangelnder Fachkenntnis oder Verantwortung ausgesetzt.
«Fachpersonen in der Palliative Care tragen eine enorme Verantwortung und stehen unter grossem Druck, was sowohl Inhalt als auch Art und Weise ihrer Kommunikation angeht. Ein unbedachter Satz kann viel Unerwünschtes auslösen», sagt Angelika Rachor. Sie weiss aus eigener Erfahrung, wie anspruchsvoll Kommunikation im Gesundheitswesen und insbesondere in der Palliative Care ist. Deshalb empfiehlt sie, sich frühzeitig damit zu befassen, wie man kommunizieren möchte – nicht nur mit Patientinnen, Bewohnern oder Angehörigen, sondern auch innerhalb des Teams und als Organisation.
«Wie wir als Team miteinander reden und umgehen, prägt auch die Gespräche und Kontakte mit den Menschen, die wir begleiten. Eine achtsame Team- und Organisationskultur wirkt sich unmittelbar auf die Qualität der Betreuung aus», ist Rachor überzeugt. Sich darüber auszutauschen, wie man in schwierigen Situationen reagiert, was sich bewährt und was weniger, könne unheimlich entlasten und zur Weiterentwicklung beitragen. «Offene Kommunikation hat eine riesige Hebelwirkung.»
Damit dieses Potenzial genutzt werden kann, bietet Angelika Rachor Kommunikationskurse für Fachpersonen aus Pflege, Medizin und Therapie an. Besonders wertvoll sei dabei die Vielfalt der Perspektiven: «Zu verstehen, weshalb jemand etwas auf eine bestimmte Weise gesagt hat, womit eine Person ringt oder was ihr in der Gesprächsführung hilft, kann inspirieren, Verständnis schaffen und Zweifel abbauen – über Berufsgrenzen hinweg.»
Eine gute Kommunikation klappt nicht auf Knopfdruck und die perfekte spontane Lösung gibt es selten. Rachor plädiert deshalb für die Entwicklung einer gemeinsamen Kommunikationshaltung. Dazu gehört etwa, existentiellen Fragen mit Respekt zu begegnen. «Grossen Fragen nähert man sich am besten in kleinen Schritten», sagt sie. Entscheidend sei, tragfähige Beziehungen aufzubauen und mit Betroffenen im Gespräch zu bleiben, bis der passende Zeitpunkt da ist. «Nicht alles kann und muss immer sofort beantwortet werden.» Menschen bereits beim Eintritt in eine Pflegeeinrichtung routinemässig zu fragen, was nach ihrem Tod mit ihren persönlichen Gegenständen geschehen soll, widerspreche diesem Grundsatz fundamental.
Ebenso kritisch sieht Rachor beruhigende Floskeln wie «Machen Sie sich keine Sorgen» oder «Das wird schon». Stattdessen empfiehlt sie, Gefühle explizit anzuerkennen, offene Fragen zu stellen und Stille auszuhalten. «Widerstehen Sie dem Impuls, immer sofort etwas sagen zu wollen», rät sie. «Sprechen Sie im Team darüber, wie Ungewissheit oder ambivalente Gefühle einfühlsam thematisiert werden können.»
Menschen sind einzigartig. Die eine richtige Antwort auf die Frage «Soll ich diese Nacht besser bleiben?» wird es deshalb nicht geben. Wohl aber ein Repertoire an guten Reaktionen, die sowohl den Bedürfnissen der Betroffenen als auch den Möglichkeiten der Fachpersonen gerecht werden.
Wie gelingt es, Menschen am Lebensende professionell zu begleiten – zwischen dem Wunsch nach Hoffnung, dem Bedürfnis zu handeln und der Fähigkeit, loszulassen?
In der Palliative Care bewegen sich Fachpersonen täglich in diesem Spannungsfeld. Es braucht fachliches Wissen, aber auch die Bereitschaft, Unsicherheit auszuhalten, unterschiedliche Perspektiven einzubeziehen und im richtigen Moment die richtigen Worte zu finden. Das 11. Zürcher Fachsymposium Palliative Care nimmt dieses Spannungsfeld auf und richtet den Blick auf die professionelle Begleitung am Lebensende.