Stellen Sie sich vor, Sie fühlen sich allein und sehnen sich nach einem Gesprächspartner, erinnern sich aber weder, mit welcher Zahlenfolge das Handy entsperrt wird, noch wie der Freund heisst, mit dem Sie regelmässig Kaffee trinken. Sie fühlen sich seit Wochen traurig, appetitlos und unruhig, erkennen aber nicht, dass fehlende soziale Interaktionen der Grund dafür sind. Oder Sie können Ihre Gedanken nicht mehr mit Ihrem Ehepartner teilen, weil ein sinnvolles Gespräch mit ihm kaum mehr möglich ist.
«Ein einsamer Mensch mit Demenz hat oft keine Ressourcen, den Grund für sein Unwohlsein zu erkennen oder der Einsamkeit Abhilfe zu leisten, indem er sein soziales Umfeld aktiviert», sagt Susanne Temperli, Fallführerin im Memory Care Team der Spitex Zürich. Die Gründe dafür sind zahlreich. Vielleicht kann wie beschrieben das Telefon nicht mehr bedient werden oder der Standort der Busstation ging vergessen. Vielleicht hat sich die Freundin zurückgezogen, weil sie distanzlose Bemerkungen verletzt haben oder Verabredungen zu oft nicht eingehalten wurden. «Auch die engsten – nicht selten 24/7 kümmernden – Angehörigen von Menschen mit Demenz fühlen sich oft einsam», ergänzt Temperli, «weil ihnen der vertraute Gesprächspartner fehlt und die Kraft, Freundschaften zu pflegen oder ein Beisammensein in irgendeiner Form zu organisieren.»
Die Einsamkeit und Isolation von Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen geht uns alle an. Nicht weil wir alle direkt betroffen sind – es aber sein könnten, und es vielleicht der Mann ist, der hilflos neben uns am Billettautomaten steht, oder die Frau, die wir unwirsch bitten, an der Kasse vorwärtszumachen. Deshalb fordert das diesjährige Symposium auf, Demenz neu zu denken: weg von einer klinisch-organisatorischen Sichtweise, hin zu einer gesellschaftlichen Herausforderung und Verantwortung.
An der Veranstaltung vom 1. Juli 2026 werden mittels Workshops, Referaten und Podiumsgesprächen Fragen beantwortet wie: Was sind die Erfahrungen und Bedürfnisse von demenzbetroffenen Menschen? Was bedeutet gesellschaftliche Teilhabe? Welche Strukturen braucht es dafür? Wie gelingt Aufklärung und wie helfen lokale Netzwerke, Nachbar*innen und ambulante Dienste?
«Die Spitex-Mitarbeiter*innen spielen eine zentrale Rolle, wenn es darum geht, demenzbetroffene Menschen am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu lassen und Einsamkeit zu lindern. Wir sind nahe dran und eruieren nicht nur den Pflegebedarf der Klient*innen, sondern und insbesondere auch deren soziales System,» antwortet Temperli auf die Frage nach möglichen Massnahmen. Sie fragt nicht ausschliesslich nach Familienangehörigen, vielmehr auch nach (alten) Freund*innen, Nachbar*innen oder Bekannten, um sie aufzuklären und zum Bleiben zu bewegen. Sie ist informiert über Freiwillige, die sich organisieren, um Gesellschaft anzubieten: beim Spaziergang mit dem Hund, beim Gärtnern, beim Einkaufen oder beim Konzert. Um pflegende Angehörige zu entlasten, vermittelt sie Institutionen, die Menschen mit Demenz stunden- oder tagesweise betreuen.
Auch Personen, die weniger nahe dran sind als Temperli, können einen Beitrag für eine demenzfreundlichere Gesellschaft leisten: Versuchen Sie es das nächste Mal an der Kasse und am Billettautomaten mit einem Lächeln, der Frage, ob Hilfe erwünscht ist, oder mit Verständnis und Geduld – damit sich Betroffene zumindest für einen kleinen Augenblick etwas weniger allein fühlen.