Anlässlich ihres 35-jährigen Bestehens lud die Fachstelle für Gleichstellung am 5. März 2026 zu einer Tagung zum Thema «Gewalt und Männlichkeiten» ein. Im Zentrum standen zentrale Fragen: Wie hängen Gewalt und Männlichkeiten zusammen? Wie lassen sich junge Männer erreichen, die von Influencern wie Andrew Tate geprägt sind? Welche Veränderungen eröffnet eine intersektionale Perspektive? Und kann engagierte Vaterschaft ein Schutzfaktor gegen Gewalt sein? Diese Fragen prägen nicht nur die Arbeit der Fachstelle, sondern auch die der anwesenden Fachpersonen – und sind darüber hinaus von zentraler gesellschaftlicher Bedeutung.
Bereits in ihrer Begrüssung machte die Leiterin der Fachstelle für Gleichstellung der Stadt Zürich, Mirjam Gasser, deutlich: Fortschritte in der Bekämpfung und Prävention geschlechtsspezifischer Gewalt sind zwar sichtbar, verlaufen jedoch nicht geradlinig und werden immer wieder infrage gestellt.
Daran knüpfte auch die Autorin Susanne Kaiser in ihrem Einstiegsreferat an. Sie beschreibt dieses Spannungsfeld als «feministisches Paradox»: Erfolge feministischer Bewegungen und Fortschritte in Richtung Gleichstellung rufen zugleich Gegenreaktionen hervor. Neu ist dieses Zusammenspiel nicht – heute wird es jedoch durch soziale Medien zusätzlich verstärkt. Kaiser zeigte auf, wie Männlichkeit zunehmend identitätspolitisch aufgeladen wird und Frauenhass als politisches Mobilisierungsmittel dient.
Welche konkreten Folgen dies haben kann, schilderte Jolanda Spiess im Gespräch mit Moderatorin Christina Caprez. Die Gründerin von #NetzCourage berichtete von eigenen Erfahrungen mit digitalem Hass – und wie sie ihren Hatern persönlich gegenübertrat und damit Täterarbeit leistete. Mit Blick auf die heutige Zeit beurteilt sie diesen Ansatz jedoch kritisch: «Hass ist heute viel anonymer und stärker vernetzt – und dadurch auch gefährlicher».
Im Podium mit Miriam Suter, Timo Jost und Kambez Nuri wurde deutlich: Gewalt entsteht häufig aus bestimmten Erwartungen und Anspruchshaltungen gegenüber Frauen – etwa in Bezug auf Sexualität, emotionale Unterstützung oder soziale Anerkennung. Werden diese Erwartungen als bedroht erlebt, etwa durch eine Trennung oder einen Jobverlust, kann dies in Gewalt münden. Eng damit verknüpft sind verbreitete Vorstellungen von Männlichkeit: stark sein, die Familie versorgen, Kontrolle behalten und keine Schwäche zeigen.
Wie kann man diesen Dynamiken entgegenwirken? Und wie reagiert man als Fachperson, wenn ein Jugendlicher etwa einen Vortrag über Andrew Tate halten möchte?
Sowohl in der Täterarbeit als auch in der schulischen Prävention zeigen sich Beziehung und Empathie als zentrale Zugänge. Moralische Vorwürfe oder Verbote greifen zu kurz. Gefragt sind vielmehr Dialog, Beziehungsarbeit und die gemeinsame Reflexion darüber, wie Gewalt entsteht. Jost betonte, dass es in der Schweiz noch an einem gemeinsamen Verständnis von Gewalt fehle. Die Arbeit mit Jugendlichen zeige, dass Gewalt oft erst mit extremen Formen wie Vergewaltigung oder Tötung verbunden werde – und nicht bereits mit Machtverhältnissen und alltäglichen Grenzüberschreitungen. Gleichzeitig sei es entscheidend, Betroffenen geschlechtsspezifischer Gewalt mehr Raum zu geben und ihnen zuzuhören, betonte Suter. In der Täterberatung spreche man in diesem Zusammenhang auch von «opferempathischer Beratung», ergänzte Jost.
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der Bedeutung einer intersektionalen Perspektive: Gewalt ist auch Ausdruck gesellschaftlicher Ungleichheiten. Prävention darf sich deshalb nicht auf einzelne Gruppen beschränken, sondern muss Faktoren wie Rassismus, soziale Ungleichheit und patriarchale Prägungen mitdenken. Hier sehen die Fachpersonen grosses Potenzial: Organisationen müssen unterschiedliche Lebensrealitäten stärker berücksichtigen und sich beispielsweise aktiv mit Antirassismus auseinandersetzen – eine blosse Übersetzung von Angeboten reiche nicht aus, so Nuri. Suter verwies zudem auf internationale Entwicklungen: Länder, die Femizid als eigenen Straftatbestand anerkennen, könnten zur Veränderung des gesellschaftlichen Bewusstseins beitragen – ein Ansatz, von dem auch die Schweiz lernen könne.
In den anschliessenden Workshops vertieften die Teilnehmenden verschiedene Aspekte (siehe nachfolgende Übersicht). Trotz unterschiedlicher Zugänge zeigten sich gemeinsame Linien: Männlichkeit ist kein festes Konzept, sondern gesellschaftlich geprägt – und damit veränderbar. Geschlechtsspezifische Gewalt steht häufig im Zusammenhang mit Erwartungen, Unsicherheiten und Machtansprüchen, die an Männlichkeit geknüpft sind. Gleichzeitig wurde in den Workshops und im abschliessenden Panel deutlich, dass es keine einfachen Lösungen gibt. Vielmehr braucht es ein Zusammenspiel verschiedener Ansätze – von Bildungsarbeit über intersektionale Beratung bis hin zu einem gesellschaftlichen Umdenken. Zudem braucht es dringend ausreichende Ressourcen, etwa für Frauenhäuser, Beratungsangebote, Opferhilfe und Täterarbeit.
Die Tagung machte deutlich, wie komplex die Zusammenhänge von Gewalt und Männlichkeiten sind und wie wichtig es bleibt, sie weiter zu diskutieren und gemeinsam Lösungen zu suchen. Denn: Eine gewaltfreie Gesellschaft entsteht nicht von selbst – sie muss aktiv gestaltet werden.
In fünf Workshops gingen Expert*innen der Frage nach, wie Gewalt und Männlichkeiten zusammenhängen. Die wichtigsten Erkenntnisse sind nachfolgend kompakt zusammengefasst:
Kambez Nuri, Co-Leiter der Fachstelle Oh BOY*, betonte in seinem Workshop, dass Gewalt im Kontext unterschiedlicher Lebensrealitäten verstanden werden muss – etwa im Zusammenspiel von Migration, sozialer Lage, Erfahrung von Trauma und gesellschaftlichen Machtverhältnissen. Kritisch diskutiert wurde die Tendenz, Gewalt kulturell zu erklären und damit strukturelle Ursachen auszublenden und rassistische Stereotype zu verstärken. Transkulturelle Ansätze hingegen machen Gewaltprävention wirksamer, weil sie Menschen in ihren Lebensrealitäten ernst nimmt und gleichzeitig Verantwortung klar benennt.
Geschlechter- und Männlichkeitsforscher Matthias Luterbach zeigte, dass sich Vaterschaft im Wandel befindet: Viele Väter wünschen sich mehr Nähe zu ihren Kindern und eine gleichberechtigte Aufteilung der Verantwortung. Diese Entwicklung eröffnet neue, fürsorgliche Formen von Männlichkeiten.
Das Journalisten- und Autorinnenduo Miriam Suter und Natalia Widla machte deutlich, wie stark Medien die Wahrnehmung sexualisierter Gewalt prägen. Sprache und Erzählweisen entscheiden mit darüber, ob Gewalt als strukturelles Problem sichtbar wird oder verharmlost bleibt. Eine präzise und sachliche Sprache sowie die Benennung struktureller Zusammenhänge sind zentral – sowohl in den Medien als auch im Alltag.
Hannes Rudolph ist Psychologe und ehemaliger Leiter der Fachstelle für trans Menschen Zürich. Er zeigte auf, wie queere Perspektiven starre Geschlechternormen aufbrechen können. Sie machen sichtbar, dass Männlichkeit nicht festgelegt ist, sondern vielfältig gelebt und verändert werden kann.
Die Hosts des Podcasts «Wurst-Käse-Salat» Timo Jost und Christoph Gosteli teilten Einsichten aus ihrer langjährigen Erfahrung in der Männer-Gewaltberatung. Sie betonten, dass die Auseinandersetzung mit eigener Männlichkeit und die Reflexion der männlichen Sozialisation Beziehung, Emotion und Reflexion braucht. Um mit den jungen Männern in Kontakt zu treten, helfen etwa körperliche und spielerische Methoden. Gleichzeitig sei es wichtig, Grenzen zu setzen und Verantwortung zurückzuspielen, etwa durch die Nachfrage, weshalb sie einen sexistischen Witz lustig fänden.