Wer bist du als Spielerin des Schweizer Nationalteams und wer bist du als Mensch, als Schwarze Frau?
Ich bin Coumba Sow, langjährige Nationalspielerin. Mit dem Schweizer Frauen-Nationalteam durfte ich viele Erfahrungen sammeln und bin ein fester Bestandteil der Mannschaft – sowohl auf als auch neben dem Platz. Ich mache gerne Witze und freue mich über den Austausch mit Menschen, schätze Gemeinschaft und liebe das Leben. Ich bin abenteuerlustig und gerne unterwegs und verbringe viel Zeit mit meinen Liebsten. Besonders wichtig ist mir, dass ich als PoC-Frau für die Rechte von People of Color1 einstehe – und für alle, die stigmatisiert werden. Ich engagiere mich, setze mich ein und mache den Mund auf. Das ist mir wichtig.
Welche Eigenschaften machen dich auf und neben dem Platz einzigartig?
Ich bin jemand, der sich gut mit vielen Menschen, Interessengruppen und Milieus versteht. Als Mensch, der in verschiedenen Kulturen zuhause ist, bringe ich eine andere Perspektive ein und kann dadurch Menschen zusammenbringen und verbinden. Auf dem Platz ist es vor allem meine Qualität als Leaderin, die mich auszeichnet – ich ergreife gerne die Initiative und bin sehr ehrgeizig. Gleichzeitig achte ich darauf, dass wir als Team auch abseits des Spielfelds Dinge unternehmen, die uns verbinden. Ich glaube, das ist voll wichtig. Ich möchte das Beste für das Team. Meine Mitspielerinnen würden sagen, dass ich sehr lustig bin, aber eben auch ehrgeizig und einfach «passionate».
Was geht dir durch den Kopf, wenn du den Rasen betrittst?
Ich glaube, man sollte nie vergessen, warum man das macht und dass es ein Privileg ist, diesen Beruf ausüben zu können, mit all den Kämpfen, die dafür nötig waren. Wichtig ist, den Spass und die Freude dabei nicht zu vergessen, denn dann läuft alles fast automatisch. Ich gebe immer hundert Prozent und lasse danach alles auf dem Platz. Dabei versuche ich, mich nicht von Frustration mitreissen zu lassen, wenn etwas mal nicht klappt.
Welche Botschaft möchtest du jungen Spieler*innen mitgeben? Oder was hättest du gerne selbst gehört zu Beginn deiner Karriere?
Es gibt keinen allgemeingültigen Weg. Jede Fussballerin geht ihren eigenen, und das ist völlig in Ordnung. Bei manchen geht es schneller, bei anderen langsamer. Ich selbst bin nicht die typische Fussballerin, die alles genau nach Lehrbuch macht. Es tat mir gut, auch einmal auszubrechen und mich neu zu erfinden. Gerade als Fussballerin steht man oft unter grossem Leistungsdruck. Immer nur leisten, leisten, leisten. Das ist nicht gesund. Die Balance ist wichtig, und es ist völlig in Ordnung, wenn einmal etwas nicht läuft. Am Anfang meiner Karriere hatte ich kaum Vorbilder, die so aussahen wie ich. Am ehesten noch Ronaldinho …
Weibliche PoC-Fussballerinnen gab es damals kaum – ich musste mir meinen Weg selbst schaffen. Deshalb ist es mir heute umso wichtiger, diese Vorbildfunktion für junge Spieler*innen auszustrahlen.
Die Fussball-Europameisterschaft der Frauen ist vorbei. Was bleibt? Was sollte unbedingt bleiben? Und was dürfen wir hinter uns lassen?
Die EURO 2025 ist eine mega schöne Erinnerung. Persönlich war es für mich auch eine sehr turbulente Zeit: Ich bin seit acht Jahren Stammspielerin in der Nati, habe an der EURO 2025 aber keine Minute gespielt. Trotzdem konnte ich das Turnier sehr geniessen. Ich bin stolz auf uns, unsere Gruppendynamik im Team war voll schön. Es war beeindruckend, wie das ganze Land mitgefiebert und mitgefeiert hat. Wir können etwas bewegen, wenn wir daran glauben. Dass die EURO 2025 so erfolgreich war, liegt daran, dass wir an dieses Projekt geglaubt haben und damit die Freude am Fussball an so viele Mädchen und Jungen weitergeben konnten. Wir haben gezeigt: Frauenfussball kann das!
Aber das war nur möglich, weil wir drangeblieben sind. Es geht nicht, jetzt zu sagen: Wir hatten eine gute EURO 2025, schauen wir in zwei Jahren, wie es weiter geht. Wir müssen diesen Schwung mitnehmen, dranbleiben und in die Talente der Zukunft investieren.
Was lassen wir hinter uns? Einfach, dass man nicht an den Frauenfussball glaubt und den ständigen Vergleich mit dem Männerfussball. Dabei war es doch gerade diese friedliche Stimmung – das Publikum voller Kinder und Familien und gegnerische Fans, die nebeneinandersitzen: Diese Atmosphäre in den und rund um die Stadien zeigte doch, wie viel Potential im Frauenfussball steckt. Und dass dieser ewige Vergleich mit dem Männerfussball unnötig ist.
Wie hat sich dein Blick auf Gleichstellung und Diskriminierung verändert, seit du im Profifussball unterwegs bist?
Ich hatte immer den direkten Vergleich zu meinem Cousin (Djibril Sow, Anmerkung der Redaktion), der auch in der Nati spielt. Fragen wie «Wie orientierst du dich berufsmässig, was willst du studieren?», die haben mich von klein auf begleitet. Es war klar, dass ich eine Ausbildung mache und daneben Fussball spiele. Bei ihm war das anders. Das war für mich persönlich wertvoll, aber es ist halt eine krasse Doppelbelastung. Du kommst spät am Abend nach Hause, isst nicht richtig. Du bist gestresst, das erhöht die Verletzungsgefahr. Das schreckt viele junge Frauen davon ab, überhaupt daran zu denken, diesen Weg zu gehen, obwohl sie Talent haben. Man sieht halt einfach, wie hart man kämpfen muss. Es geht nicht nur um den Lohn, sondern auch darum, dass zu wenig in den Frauenfussball investiert wird. Doch genau das ist nötig: Wer ernten will, muss investieren – und das bedeutet, Frauen zu unterstützen, diesen Weg zu gehen. Diese Mentalität, dass sich das nicht lohne, nervt halt! Aber manche Dinge bewegen sich, auch weil wir so lange kämpfen und immer dranbleiben. Zu sehen, was andere schon erreicht haben, und zu wissen, dass man gemeinsam kämpft, gibt unglaublich viel Kraft.
Welche Veränderungen wünschst du dir für den Fussball – aber auch strukturell und gesellschaftlich abseits des Spielfelds?
Strukturell wünsche ich mir eine bessere Infrastruktur: richtige Plätze, umfassende Betreuung durch Physio- oder Regenerationsangebote. Das ist einmal die Basis, die wir in der Schweiz schaffen müssen. Dann muss es natürlich weitergehen mit den Fragen zum Lohn und weiteren Rahmenbedingungen.
Gesellschaftlich wünsche ich mir vor allem ein Umdenken. Dieser Glaube, dass wir nicht gleichwertig sind wie die Männer, muss endlich verschwinden. Ich denke sogar, dass wir oft mehr leisten – wir sind aktiver, zugänglicher, und das nicht nur auf dem Platz. Die EURO 2025 ist das beste Beispiel dafür, dass wir Europa wirklich verändern können, ohne dafür Männer zu brauchen. Wir sollten Wertschätzung erhalten, nicht nur als einzelne Spielerinnen, sondern der Frauenfussball insgesamt.
Was möchtest du den Leser*innen von «einblicke» mitgeben?
Es ist wichtig, dass wir weiterhin für Gleichberechtigung kämpfen. Jede Person kann einen Beitrag leisten, sei es in ihrem Umfeld oder in ihrem Beruf. Und es ist wichtig, dass wir unsere eigenen Taten und Impulse nicht unterschätzen. Jeder Beitrag ist wertvoll.
1 Der Begriff People of Color oder Person of Color (PoC) entstammt dem Selbstbezeichnungsprozess rassistisch unterdrückter Menschen und wurde in den 1960er Jahren im Kontext der Black-Power-Bewegung als politischer Begriff etabliert. Er betont gemeinsame Erfahrungen von Diskriminierung verschiedener Communities mit unterschiedlichen historischen Hintergründen. Die Bezeichnung kann in Zusammensetzungen wie zum Beispiel Lehrperson of Color oder Schülerin of Color verwendet werden. Häufig findet auch die Abkürzung PoC Anwendung. Siehe: Sprachmächtig. Glossar gegen Rassismus des Netzwerks Bla*Sh.