Lieber Urs, wie ist es damals – vor wie vielen Jahren – zur Idee des Jugendlohns gekommen?
Den Jugendlohn habe ich im Jahr 1970 entwickelt. Damals arbeitete ich als Familientherapeut mit vielen verschiedenen Familien zusammen. Dabei fiel mir auf, dass es bei den Problemen oft um Geld und die persönliche Freiheit in der Lebensgestaltung ging.
Du wirst bei der Einführung des Jugendlohns auch auf Widerstände gestossen sein, welches waren die grössten?
Es gab zwei Hauptgruppen: Einerseits Widerstände von Fachpersonen, andererseits von Seiten der Eltern. Letztere hatten oft eine gemeinsame Kasse, misstrauten aber einander in finanziellen Belangen und trauten wohl deshalb ihrem Kind nicht zu, selbstverantwortlich zu handeln.
Die Budgetberatung war damals der Ansicht, sie bekämen Geld, ohne etwas zu leisten, die Jugendlichen würden durch den Jugendlohn angeregt zu konsumieren und er steigere ihre Begehrlichkeiten. Diese Befürchtungen wurden widerlegt.
Welchen heissen Tipp würdest du Eltern und Kindern geben, damit die Einführung des Jugendlohns zu einem Erfolg wird?
Wichtig ist es, miteinander darüber zu reden, wie man sein Geld einteilt, welche Schwerpunkte man setzt und Vertrauen zu haben in die Fähigkeiten des Kindes. Auch ist es wichtig, dass das Kind selber an seine Fähigkeiten glaubt.
Wenn Eltern sich Gedanken machen, dass ihr Kind das Geld nicht in ihrem Sinne, also zum Beispiel für ungesundes Essen ausgeben könnte, ist das nicht eine jugendlohnspezifische, sondern eine Erziehungs- und Vertrauensfrage.
Hast du aus deinen unzähligen Einsätzen eine Lieblingsanekdote, die du uns erzählen willst?
Als mein Sohn (1987) 12 Jahre alt war, kam er mit einem Turnschuh nach Hause, der 320 Franken kostete: Er erzählte uns, dass sie ihm im Laden den Schuh nicht verkaufen wollten und ihm sagten, er solle zuerst seine Eltern informieren. Mein Sohn zückte daraufhin seine Bankkarte und sagte dem Verkäufer, das liege in seiner Kompetenz. Und als ich für mich selber einen Schuh für 140 Franken kaufte, klärte er mich darüber auf, dass derselbe Schuh an einem andern Ort 30 Franken weniger koste.
Oder auch mein Sohn, der sich einen Fernseher kaufte, weil wir keinen hatten. Dies ermöglichte mir, die Tagesschau zu schauen. Als der Fernseher eines Tages plötzlich weg war, begründete es mein Sohn damit, dass die Gebühren zu hoch gewesen seien, dass er zu viel Zeit beim Schauen verloren habe und er sein Zimmer wieder für sich allein wolle.
Was sagst du zu den Studienergebnissen – was bedeuten sie für dich?
Die Webseite bewährt sich zwar, nichtsdestotrotz bin ich der Meinung, dass der persönliche Kontakt immer noch am wirkungsvollsten ist. Als ich Referate zum Jugendlohn machte, gab ich den Eltern immer meine Telefonnummer, damit sie sich bei Problemen an mich wenden konnten.
Was würdest du dir für den Jugendlohn in Zukunft wünschen?
Ich wünsche mir für den Jugendlohn, dass dieser den Jugendlichen hilft, selbstständiger, selbstverantwortlich und in der Lebensbewältigung sicherer zu werden, kurz, dass ihnen eine würdig finanzierte Jugend ermöglicht wird, die unabhängig ist von der aktuellen Stimmungslage in der Familie.
Den Familien wünsche ich dank dem Jugendlohn mehr Zeit, über wichtige Fragen zu diskutieren.
Für viele Eltern ist es wichtig, ihre Kinder loslassen zu können – durch den Jugendlohn haben sie eine Struktur, die ihnen das ermöglicht – das hilft den Familien und den Jugendlichen.
Ich wünsche mir auch, dass der Jugendlohn mithilft, dass in einer Familie alle Mitglieder, auch die Mutter und der Vater eigenes Geld zur Verfügung haben, über das sie völlig unabhängig von den anderen Familienmitgliedern verfügen können.
Letzte Frage, die wir jeweils allen Interviewpartner*innen stellen: Was war ein gelungener Kauf, der dich heute noch freut, und weshalb freust du dich immer noch?
Ich hatte einen schwierigen Artikel zu schreiben und war am Schluss mit dem Resultat so zufrieden, dass ich mir zur Belohnung einen wunderschönen Pullover kaufte. Den Pullover gibt es schon lange nicht mehr, aber die Erinnerung an den Belohnungspulli taucht immer wieder auf, wenn ich meinen Kleiderkasten nach einem meiner Lieblingspullover durchsuche.
Dieser Beitrag ist im April 2018 in der «Geld-Presse» erschienen. Marie-Claire Meienberg, ehemalige Mitarbeiterin der Schuldenprävention, hat mit Urs Abt, dem Erfinder des Jugendlohns gesprochen.