Wie haben Sie gemerkt, dass Ihr Kaufverhalten nicht der Norm entspricht?
Das kann ich nicht so genau sagen, denn ich bin seit der Pubertät, seit 30 Jahren, kaufsüchtig. Ich habe permanent das Gefühl, ich müsse was Bestimmtes haben.
Was kaufen Sie vor allem ein?
Ich kaufe vor allem Schmuck. Ich hatte schon immer Freude an schönem Schmuck und an allem, was mit dem Äusseren zu tun hat; also auch an Taschen, Kleidern, Schuhen. Zuerst war's nur Modeschmuck, dann musste der Modeschmuck vergoldet sein und jetzt müssen es mindestens Diamanten sein. In nur fünf Minuten kann ich so 1000 Franken und mehr ausgeben. Auch wenn ich das Geld nicht habe. Die Dosis muss immer gesteigert werden
Was für einen Einfluss hat die Sucht auf Ihre finanzielle Situation?
Die finanzielle Situation spielt keine Rolle. Der Bezug zum Geld fehlt. Ich weiss nicht, wie viel ich auf dem Konto habe. Die Limite für meine Kreditkarte lag bei 5000 Franken. Der schlimmste Moment war jeweils, wenn die Kreditkartenabrechnung kam – ich fühlte mich, wie wenn man mich aufs Schafott führte. Denn dann musste ich den Tatsachen ins Auge blicken. Irgendwann konnte ich die Rechnungen nicht mehr bezahlen, es kam aber selten zu Mahnungen. Zum Glück hatte ich neben guten Jobs auch ein wohlhabendes Elternhaus, das mich finanziell unterstützt hat. Manchmal wäre es jedoch besser gewesen, wenn ich betrieben worden wäre. Das Ganze ist wie das Gehen auf einem Hochseil: Man kann jederzeit fallen. Ich habe null Reserve. Im Moment sind die Steuern mein Problem. Ich gehe jetzt zu einer Schuldenberatung – diese nimmt mir den Kontakt mit den Steuerbehörden ab und übernimmt mir gegenüber Verantwortung. Ich denke, dass die meisten Kaufsüchtigen lernen müssen, mit Geld umzugehen und ein Budget zu machen. Für mich war das gleich zu Beginn ein wichtiger Teil der Therapie. Leider ist unsere Gesellschaft auf Schulden ausgerichtet. Ich habe zum Beispiel eine Kundenkarte eines grösseren Geschäfts mit offenen Rechnungen von 1500 Franken. Ich wollte die Karte kündigen, es hat aber nicht geklappt, im Gegenteil, jetzt haben sie mir sogar eine Goldmemberkarte geschickt.
Was löst das Kaufen bei Ihnen aus?
Bei mir ist es eine permanente Jagd nach bestimmten Gegenständen. Das bedeutet in erster Linie Stress, und nach dem Kauf klingt das Glücksgefühl schnell wieder ab und ich muss den nächsten Gegenstand jagen. Oft läuft es so ab, dass ich irgendwo einen Gegenstand sehe, den ich dann unbedingt will, der mir keine Ruhe lässt. Der Gegenstand kann ich bei einer anderen Person sehen, aber auch die Werbung funktioniert leider sehr gut.
Nicht nur das permanente Jagen nach dem Gegenstand, den ich im Kopf habe, und das Sprinten durch die Läden ist extrem stressig, auch das Kaufen ist ein Stress – es ist wie ein innerer Rausch, wie wenn jemand mein Gehirn ausschaltet, ein irrationaler Prozess. Nach dem Kauf ist die Sucht befriedigt und ich habe für etwa ein oder zwei Tage Ruhe, danach ist der Gegenstand für mich wert- und wirkungslos, und die Jagd beginnt erneut. Von dem her ist mein Verhalten klar ein Suchtverhalten: Ich handle irrational, bin ferngesteuert, ich habe nur das Kaufen im Kopf, es ist ein permanenter Stress. Ich habe tonnenweise Schmuck zu Hause. Vor ein paar Jahren wurde ich bestohlen, der Dieb hat alles mitgenommen. Jetzt ist der Schrank wieder voll. Quittungen warf ich damals weg, sie hätten mir ja Zahlen gezeigt, die ich nicht sehen wollte. Ich hatte keine Zeit, soziale Kontakte zu pflegen, ich kaufte lieber ein, statt eine Kollegin zu treffen. Zeitweise war mein ganzes Leben auf die Sucht ausgerichtet, ich musste deshalb immer arbeiten, ich konnte nie eine Auszeit machen. Jetzt, wo ich das Kaufen massiv einschränken musste, habe ich Aggressivitätsschübe, wie bei einem Entzug. Diese loszuwerden, ohne was zu kaufen, ist schwierig. Heute frage ich mich manchmal, wie mein Leben herausgekommen wäre ohne diese Sucht. Eine Sucht übrigens, die von der Gesellschaft noch zu wenig ernst genommen wird.
Was haben Sie für Strategien?
Der gängige Rat ist, die Kreditkarte wegzulegen. Ich konnte nie etwas damit anfangen. In der Therapie habe ich aber gemerkt, dass das enorm hilft, denn dann geht der Sucht schlichtweg die Munition aus. Ich habe in der Vergangenheit mehrmals professionelle Unterstützung gesucht, aber wenn ich meine Kaufsucht erwähnte, waren Psychologen und Psychiater überfordert. Rückblickend ärgert mich das, denn ich hätte schon früher von meiner Kaufsucht loskommen können.
Was raten Sie einer Person, die merkt, dass sie abhängig ist?
Man muss sich unbedingt professionelle Hilfe suchen, die zumindest auf Verhaltenssüchte spezialisiert ist, am besten aber auf Kaufsucht. Man muss an der Kaufsucht selbst arbeiten, ihre Mechanismen durchschauen, sonst hat man meiner Meinung nach keine Chance. Leider gibt es derzeit nicht viele Stellen, die sowas anbieten. Ich bin jetzt seit vier Monaten an der UPK in Basel in ambulanter Therapie und habe das Glück, mit einer Spezialistin für Kaufsucht arbeiten zu dürfen. Dank ihr glaube ich heute daran, dass ich die Sucht in den Griff bekomme. Diese Stelle kann ich 100%ig empfehlen. Spätestens vor Therapiebeginn muss auch das Umfeld einbezogen werden. Denn der Weg ist hart und aufwändig und erfordert Verständnis.
Letzte Frage, die wir jeweils allen Interviewpartner*innen stellen: Was war ein gelungener Kauf, der Sie heute noch freut, und weshalb freuen Sie sich immer noch?
Diese Frage kann ich schlecht beantworten, denn jedes Produkt, das ich kaufe, ist mit Stress verbunden, und jeder Gegenstand erinnert mich an meine Kaufsucht. Eine Nachwirkung der Kaufsucht ist, dass die Gegenstände für mich wertlos sind und ich keinen Bezug zu ihnen habe. Mein Ziel in der Therapie ist es, lustvoll einkaufen zu können, ohne Stress. Dazu muss ich ein neues Wertesystem aufbauen. Vor der Therapie war es so, dass ich Dinge nur einmal trug und dann weglegte. Ich versuche heute, Dinge wieder hervorzunehmen oder länger zu tragen.
Ich habe zum Beispiel mehr als 80 Uhren… Aber ich wollte schon immer eine Rolex. Ich wünsche mir, dass ich mir diese Uhr irgendwann als Investition ins Leben leisten kann.
Dieser Beitrag ist im Juli 2018 in der «Geld-Presse» erschienen. Marie-Claire Meienberg, ehemalige Mitarbeiterin der Schuldenprävention, hat mit Arielle (42) gesprochen, die zum Zeitpunkt des Interviews seit 30 Jahren kaufsüchtig war und sich seit vier Monaten in Therapie befand.