Sylvia Stadler Langhart war bis 2024 Betriebsleiterin im Gesundheitszentrum für das Alter Bachwiesen. Sie gibt Einblick in die Institutionelle Verantwortung: einen neuen Ansatz in der Pflege und Betreuung von Menschen mit Demenz, der weit über die interprofessionelle Zusammenarbeit von Medizin, Pflege und Therapie hinausgeht. Er umfasst die Befähigung und das Einbinden aller Fachbereiche. Ihr Praxisbericht zeigt den Weg und den Mehrwert für alle Beteiligten auf.
Institutionelle Verantwortung
Die Institutionelle Verantwortung ist eine systemische Denk- und Arbeitsweise. Im Gesundheitszentrum für das Alter Bachwiesen bedeutet das, dass alle Mitarbeitenden der verschiedenen Fachbereiche bei der Betreuung der Bewohnenden in die Verantwortung eingebunden werden. Ziel dieser Herangehensweise ist es, durch ein gemeinsames und vernetztes Engagement die Lebensqualität der Bewohnenden – auch mit fortschreitender Demenz – möglichst lange auf einem hohen Niveau zu halten. Der Grundsatz, dass jeder Mitarbeiter und jede Mitarbeiterin einen Beitrag dazu leisten kann, prägt diese Arbeitsweise. Sie stellt die Bedürfnisse der Bewohnenden ins Zentrum und fördert ein respektvolles sowie würdevolles Miteinander der Generationen. Es ist wichtig zu betonen, dass die Institutionelle Verantwortung nicht vorgeschrieben werden kann – sie ist ein Weg, den alle Mitarbeitenden gemeinsam gehen.
Wie alles begann – Qualitätskriterien Demenz
2013 entwickelten die Pflegezentren (inzwischen Gesundheitszentren für das Alter) der Stadt Zürich die ersten eigenen Qualitätskriterien für die Betreuung von Menschen mit Demenz. Sie bilden heute die Grundlage für die Empfehlungen für Langzeitinstitutionen, das DemCare-Konzept (s. Kästchen unten). Die Qualitätskriterien waren für alle Pflegezentren der Stadt Zürich richtungsweisend, liessen ihnen aber auch viel Raum für individuelle Gestaltung und Umsetzung. Vor diesem Hintergrund setzte das damalige Pflegezentrum Bachwiesen die Vision um, den Bewohnenden ein maximal hohes Mass an Individualität und Freiraum zu ermöglichen. Im Zentrum stand dabei die Frage, was den Bewohnenden den grössten Nutzen bringen würde. Die simple Antwort lautete: ein guter Start in den Tag. Unter Einbezug verschiedener Fachbereiche machte das Bachwiesen-Team mit dem Projekt Frühstücksbegleitung die ersten Schritte in Richtung gemeinsame Verantwortung.
Gemeinsam statt einsam – Projekt Frühstücksbegleitung
Wenn sich die Pflegenden morgens in den Zimmern um die Körperpflege und die medizinischen Verrichtungen kümmerten, waren die Bewohnenden im Esszimmer teilweise sich selbst überlassen. Dies führte zu Unruhe, Verwirrung und manchmal zu Konflikten, was sich negativ auf ihr Wohlbefinden sowie den Verlauf des gesamten Tages auswirkte. Das Führungsteam entschied sich, diese Herausforderungen in einem kleinen Projekt anzugehen und nach geeigneten Lösungen zu suchen. So entstand die Idee der interprofessionellen Frühstücksbegleitung. Unter dem Titel «Gemeinsam statt einsam in den Tag» wurde in enger Zusammenarbeit zwischen den Fachbereichen Aktivierungstherapie, medizinische Therapien, Seelsorge und Pflege auf allen Spezialabteilungen Demenz die Frühstückbegleitung aufgebaut. Im Fokus steht dabei nicht nur die Nahrungsaufnahme, sondern ebenso die Beziehung zu den einzelnen Bewohnenden. Beobachtungen und Rückmeldungen zeigen, dass mit der Frühstücksbegleitung kontinuierlich positive Arbeit an der Person geleistet wird und die Bewohnenden glücklicher und zufriedener erscheinen. Im Folgenden einige Beispiele positiver Interaktionen gemäss Kitwood (2016):
- Anerkennen (recognition): Die Bewohnenden werden von der Begleitperson namentlich und mit Händeschütteln begrüsst, nach ihrem Befinden gefragt und zu ihrem Platz begleitet. Das sorgt schon am frühen Morgen für fröhliche Gesichter.
- Entspannen (relaxation): Mit ihrer Aufmerksamkeit und Zuwendung vermittelt die Begleitperson Ruhe und Sicherheit. Bei Ängsten kann sie schnell intervenieren und bei Bedarf Unterstützung holen.
- Feiern (celebration): Die Atmosphäre ähnelt der in einem Hotel. Die Frühstücksbegleitung hat einen Verwöhncharakter und lässt bei den Bewohnenden Ferienstimmung aufkommen.
Die Auswirkungen sind sehr positiv: Die einfühlsame Begleitung wird den individuellen Bedürfnissen der Bewohnenden gerecht und beruhigt das tägliche Zusammenleben in den Abteilungen. Aus Sicht des interprofessionellen Teams, das die Frühstücksbegleitung leistet, ist die Zeit sehr sinnvoll eingesetzt und stärkt zudem die Zusammenarbeit zwischen den Professionen.
Das offene Haus
In einem nächsten Schritt wurde das Projekt «Offenes Haus nach innen und nach aussen» gestartet, das den Lebensraum der Menschen mit Demenz möglichst nahe am Normalitätsprinzip gestaltete. Damit wurden zwei zentrale Ziele verfolgt:
- Erweiterung des Lebensraums für Menschen mit Demenz ausserhalb der weglaufgeschützten Abteilungen für mehr Bewegungsfreiheit und Zugang zu anderen Bereichen des Hauses
- Schaffung eines natürlichen, generationenübergreifenden Begegnungsortes für das Quartier, der den Austausch mit der Gemeinschaft ermöglicht und fördert
Zu Beginn wurden die nötigen Rahmenbedingungen für die Öffnung der drei Spezialabteilungen Demenz erarbeitet. Dabei wurde schnell klar, dass eine schrittweise Umsetzung und begleitende Massnahmen erforderlich waren, um die Sicherheit und das Wohlbefinden der Bewohnenden zu gewährleisten. So wurde ein Betreuungsdienst im Aussenbereich (Restaurant und Garten) eingerichtet, ebenso wie ein soziokulturelles Angebot, damit die Bewohnenden, die ihre vertraute Abteilung verlassen, weiterhin begleitet sind. Die Pflegemitarbeitenden aller Abteilungen (nicht nur Demenz) wurden geschult, um für die Betreuung im öffentlichen Bereich gerüstet zu sein. Dennoch war die Sorge da, dass Bewohnende weglaufen könnten oder es zu Überforderung kommen könnte. Den Mut zur Öffnung der Abteilungen holten wir aus der festen Überzeugung, dass wir damit das Wohlbefinden der Bewohnenden deutlich verbessern können.
Start des offenen Hauses
Mit Sorgfalt und entsprechender Vorbereitung wagte das Pflegezentrum Bachwiesen im Frühling 2017 den ersten Schritt zur Öffnung. Die Abteilungen wurden stundenweise zum grossen Garten hin aufgemacht, wobei das Gartentor unverschlossen blieb. Diese Entscheidung wurde bewusst getroffen, um die Quartierbevölkerung nicht auszuschliessen und spontane, bereichernde Begegnungen zu ermöglichen. Die Sicherheit der Bewohnenden war jederzeit gewährleistet: Der Betreuungsdienst, auch «Aussendienst» genannt, war von Anfang an aktiv und begleitete die Bewohnenden, die den Garten nutzten. Ein zusätzliches offenes Betreuungsangebot für Begegnungen und Aktivitäten war der sogenannte «Treff». Da Mitarbeitende aus allen Abteilungen im Aussendienst mitwirkten und durch unsere Demenzfachpersonen befähigt wurden, entwickelte sich das Demenzfachwissen im ganzen Haus weiter. Ein Jahr später konnten alle Abteilungstüren tagsüber von 10 bis 17 Uhr geöffnet werden. Das Areal wurde elektronisch gesichert und Bewohnende, die sehr mobil waren, wurden mit einem Sender ausgestattet, der dem Aussendienst anzeigte, wenn sie das Areal verliessen.
Erfolg des offenen Hauses
Der Erfolg des Projekts war nicht allein der Technik oder dem Aussendienst geschuldet. Er gründete auf dem Engagement aller Mitarbeitenden und ihrem Verständnis, dass sie gemeinsam für das Wohl und die Sicherheit der Bewohnenden verantwortlich sind. Damit das möglich war, wurden innerhalb von zwei Jahren sämtliche Mitarbeitende im Haus zum Thema Demenz geschult. So war sichergestellt, dass sie unabhängig von ihrer beruflichen Funktion die notwendigen Grundkenntnisse und Sensibilität im Umgang mit Bewohnenden mit Demenz entwickeln konnten. Demenzfachwissen ist zweifellos von grosser Bedeutung. Ebenso entscheidend sind jedoch persönliche Erfahrungen durch alltägliche Begegnungen. Aus dieser Überlegung heraus führten wir interprofessionelle, bewohnendenbezogene Betriebsjahresziele ein. So stellten wir sicher, dass alle Mitarbeitenden sich im Umgang mit den Bewohnenden befähigt und gestärkt fühlten und schafften ein unterstützendes Umfeld.
Interprofessionelle Fähigkeiten stärken
Das erste interprofessionelle Jahresziel lautete «Glücksmomente schaffen» und stellte die Begegnungen mit Bewohnenden in den Mittelpunkt. Die Mitarbeitenden wurden verschiedenen Abteilungen zugeteilt und arbeiteten gemeinsam mit den Pflegemitarbeitenden daran, den Bewohnenden schöne Momente zu bescheren. Dabei entstanden berührende Geschichten. So wollte zum Beispiel Frau M. unbedingt rosarote Turnschuhe haben wie eine junge Pflegerin auf ihrer Abteilung. Mit einem Besuch im quartiernahen Schuhgeschäft wurde dieser Wunsch erfüllt. Ein Mitarbeiter aus dem Technischen Dienst schaffte einen Glücksmoment, indem er mit einer Bewohnerin einen ausgiebigen Spaziergang machte und sie anschliessend ins Restaurant begleitete. Weitere Glücksmomente bescherten der Küchenchef mit einem Ausflug in den Zoo und das Hauswirtschaftsteam mit einer mobilen Kleiderboutique. Oft waren es aber auch kleine Gesten, die eine grosse Wirkung zeigten und die Beziehungsarbeit unterstützten: ein freundliches Wort, eine Hilfestellung oder ein Lächeln. Es ging beim Jahresziel nicht darum, in Aktivismus zu verfallen, sondern achtsam im Alltag präsent zu sein. So wurden nicht nur die Fähigkeiten der Mitarbeitende im Umgang mit den Bewohnenden gestärkt, sondern auch das Gefühl der gemeinsamen Verantwortung innerhalb des Teams.
Dadurch sind Bereiche zu wichtigen Schlüsselstellen geworden, die früher für die Betreuung kaum Bedeutung hatten: etwa das Restaurant und der Empfang. Bewohnende mit Demenz, die sich selbstständig im Restaurant bedienen, ohne zu bezahlen, werden nicht mehr zurück auf die Abteilung geschickt mit dem Hinweis, sie hätten «Schokolade gestohlen». Stattdessen werden ihre Selbstständigkeit anerkannt und ihre Autonomie gefördert. Während die Mitarbeitenden am Empfang früher umgehend die Abteilung kontaktierten, wenn sich Bewohnende auffällig verhielten, sind sie heute eine wichtige Anlaufstelle: Sie hören den Bewohnenden aufmerksam zu, schätzen ihre Bedürfnisse ein, trösten, lenken ab und tragen einfühlsam dazu bei, ihren Tag zu bereichern. Die Mitarbeitenden aus der Hauswirtschaft haben mit ihrer sorgfältigen und respektvollen Arbeitsweise einen erheblichen Einfluss auf das Wohlbefinden der Bewohnenden. Ihr achtsamer Umgang sorgt für ein angenehmes Umfeld, das Sicherheit und Geborgenheit vermittelt.
Auswirkungen auf die Qualitätsindikatoren
Die Arbeitsweise der Institutionellen Verantwortung und das Konzept des offenen Hauses wirkten sich nicht nur positiv auf das Wohlbefinden der Bewohnenden aus, sondern generell auf die Qualität und auf wichtige Qualitätsindikatoren.
- Anzahl Stürze: Eine detaillierte Analyse zeigte, dass die Öffnung der Abteilungen und die erhöhte Bewegungsfreiheit der Bewohnenden zu keiner Zunahme an Stürzen führte. Die Bewohnenden gingen überraschend sicher mit den unterschiedlichen Bodenbelägen um. Dies könnte darauf hinweisen, dass der grössere Freiraum und die damit verbundene höhere Mobilität nicht nur die Stimmung der Bewohnenden verbessert, sondern auch ihre motorischen Fähigkeiten stärkt.
- Einsatz von Neuroleptika: Regelmässige RAI-Auswertungen zeigten einen Rückgang des Einsatzes von Neuroleptika bei Bewohnenden mit Demenz um über 6,5 % zwischen 2021 und 2023 (von 18,75 % auf 12,12 %). Dies ist besonders bemerkenswert, da die Zahl der Bewohnenden mit Demenz in dem Zeitraum stieg und inzwischen über 90 % der Bewohnenden von einer Demenz betroffen sind (kognitive Leistungsfähigkeit, CPS > 2). Dies zeigt eindrücklich, dass die Lebensqualität der Bewohnenden verbessert wurde und alternative Ansätze zur Unterstützung und Beruhigung, wie die Förderung von Begegnung, individuelle Freiräume, Musiktherapie, Wohlfühlmassagen, wirksam sind.
Der Weg lohnt sich
Das Gesundheitszentrum Bachwiesen hat sich in der Pflege und Betreuung von Menschen mit Demenz in den letzten zehn Jahren kontinuierlich weiterentwickelt. Was einst unvorstellbar schien – nämlich ihren Lebensraum zu erweitern, Türen zu öffnen und Freiraum zu ermöglichen –, ist heute eine Selbstverständlichkeit. Dass dabei die Quartierbevölkerung nicht ausgeschlossen werden musste, sondern ebenso wie die Angehörigen zu diesem lebendigen, generationenübergreifenden Begegnungsort beitragen, ist ein besonderer Mehrwert. Die Arbeitsweise der Institutionellen Verantwortung wirkt sich zudem positiv auf das Arbeitsklima und die Kultur im Betrieb aus: Die Haltung «Wir sind gemeinsam verantwortlich für die Bewohnenden» hat eine entlastende Wirkung auf die Pflegeteams und stärkt den interprofessionellen Teamgeist.
Relevante Faktoren für den Erfolg
- Sensibilisierung und Schulung aller Mitarbeitenden
- Befähigung der Mitarbeitenden durch gemeinsame Ziele
- Interprofessionelles Demenz- und Ethikcafé
- Demenzexpert*innen, die aktiv im Alltag unterstützen
- Fachverantwortliche Demenz auf jeder Abteilung
- Toleranz und Lösungsorientierung
- Unterstützung, z. B. durch Kontaktclown und Musiktherapie
- Dranbleiben und Vorleben
Es geht nicht darum, die Professionalität der verschiedenen Berufsgruppen zu schwächen nach dem Motto «alle machen alles», sondern die Mitarbeitenden zu befähigen, im Rahmen ihrer Funktion einen Beitrag zu leisten für ein gutes Leben im Alter – auch mit Demenz. Die gemeinsame Verantwortung für die Betreuung der Bewohnenden ist ein Mehrwert für alle Beteiligten.
Dieser Beitrag ist in NOVAcura, der Schweizer Fachzeitschrift der Pflege, erschienen.
Im Rahmen der Demenzstrategie erarbeitete Alzheimer Schweiz im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit BAG Empfehlungen für Pflege, Behandlung sowie Betreuung und Begleitung von Menschen mit Demenz in Langzeitinstitutionen. Als Grundlage dienten die Qualitätskriterien, die 2013 von Demenzfachleuten aus den Pflegezentren (heute Gesundheitszentren für das Alter) der Stadt Zürich, diversen Professionen und unter Einbezug einer wissenschaftlichen Mitarbeiterin des Zentrums für Gerontologie der Universität Zürich entwickelt worden waren. DemCare ist ein praxisorientierter Ansatz zur Verbesserung der Pflege und Betreuung von Menschen mit Demenz in Langzeitpflegeinstitutionen. Heute bildet das DemCare-Konzept aufgrund seines Erfolgs und seiner Praxistauglichkeit die Grundlage für eine qualitativ hochwertige Pflege, Betreuung und Begleitung von Menschen mit Demenz in schweizerischen Langzeitinstitutionen.
Das Konzept gibt Empfehlungen zu sechs Kernthemen ab: (1) interprofessionelle Zusammenarbeit mit Angehörigen, (2) interprofessionelle Begleitung, Betreuung, Pflege und Behandlung, (3) Infrastruktur, (4) Personelles, (5) Selbstbestimmung der Person mit Demenz und (6) Ernährung. Das Konzept fördert eine person-zentrierte Begleitung, Betreuung, Pflege und Behandlung, die sich an den individuellen Bedürfnissen, Vorlieben und Fähigkeiten der Bewohnenden orientieren. Es legt den Schwerpunkt auf nicht-pharmakologische Massnahmen und hat zum Ziel, den Einsatz von Medikamenten zu reduzieren und die Lebensqualität der Bewohnenden zu verbessern.