Ein Umzug im Alter ist mehr als ein organisatorischer Schritt. Es geht um Erinnerungen, Gewohnheiten und die Frage, wie man künftig leben möchte. Zwischen Unsicherheit und neuen Möglichkeiten entstehen viele Fragen.
Silvia Cadosch kennt diese Situationen gut. Sie leitet seit vier Jahren die Kundenbetreuung der Gesundheitszentren für das Alter und war zuvor rund zehn Jahre als Sozialarbeiterin in der rehabilitativen Akut- und Übergangspflege tätig. Heute begleitet sie Menschen auf dem Weg zu einem neuen Zuhause – im Gespräch, mit Erfahrung und einem feinen Gespür für das, was wirklich zählt.
Silvia, wie erlebst du den ersten Kontakt mit den Menschen, die über einen Umzug in ein Gesundheitszentrum für das Alter nachdenken?
Die Auseinandersetzung mit dem Umzug in ein Gesundheitszentrum für das Alter bringt oft Unsicherheit mit sich. Es ist ein grosser Schritt, eine grosse Veränderung. Viele setzen sich dann auch mit der eigenen Endlichkeit auseinander, weil es vermutlich ihr letzter Wohnort sein wird.
Welche Ängste hörst du am häufigsten?
Viele befürchten, mit dem Umzug in ein Gesundheitszentrum die Selbstbestimmtheit aufzugeben. In diesem Zusammenhang tauchen dann Fragen auf wie «Kann ich noch in die Ferien fahren, wie ich will?», «Sind Enkelbesuche möglich?» oder «Sind die Essenszeiten fix?» Ich erkläre immer, dass die Bewohnenden unserer Häuser keine Insassen sind, sondern freie Menschen. Andere machen sich Gedanken darüber, wie es ist, statt eines ganzen Hauses plötzlich nur noch ein Appartement zu haben. Im Nachhinein höre ich dann oft, dass ihr neues Zuhause ja eigentlich viel grösser ist als nur ihr Appartement. Dazu gehören in den gemeinsamen Räumlichkeiten auch lauschige Sitzecken, eine Bibliothek oder auch ein Fitnessraum. Genau diese Menschen blühen bei uns auf, weil sie sich eben nicht mehr um ein ganzes Haus kümmern müssen und wieder Zeit und Energie für Freundschaften und Hobbys haben.
Wie hilfst du den Menschen dabei, ihre Ängste zu überwinden?
Den meisten fällt es schwer, loszulassen und sich auf etwas Neues, Ungewisses einzulassen. Es ist deshalb wichtig herauszufinden, welcher Standort zu ihnen passt. Ein Standort eignet sich besonders für kreative Personen, ein anderer für Tierliebhaber und der nächste liegt wunderbar im Grünen. So hat jeder unserer Standorte seinen eigenen Charakter. Genauso wichtig ist es herauszuspüren, was ihnen das Gefühl von Daheimsein gibt. Ist es die Vase, die sie von ihrer Mutter geerbt haben? Ist es der Sessel, auf dem sie täglich stundenlang stricken? Ich erinnere mich an einen Herrn, der sich ein Leben ohne seine Modelleisenbahn nicht vorstellen konnte. Wir haben dann einen Platz in einem Zentrum für ihn gefunden, in dem es einen grossen Gemeinschaftsraum gab, in dem er seine Bahn aufstellen konnte. Wichtig ist, dass man die Ängste und Sorgen der Menschen ernst nimmt, ihnen gut zuhört und versucht, ihre Bedürfnisse zu erkennen und so den richtigen Platz für sie zu finden.
Und dann ist da noch das veraltete Bild vom Altersheim.
Genau. In vielen Köpfen geistert noch immer das Bild von einem abgeschotteten Heim umher. Es ist die Angst vor einem Leben mit stark eingeschränkter Freiheit. Doch das Gegenteil ist der Fall: Ein gut überlegter und sorgfältig geplanter Umzug kann dem Leben eine ganz neue Qualität verleihen. Mir fällt in diesem Zusammenhang die Geschichte einer Frau ein, die ihr Haus nicht einmal mehr für ihre geliebten Spaziergänge verliess, weil sie von der Hausarbeit so erschöpft war. Nach dem Umzug hat sie eine kleine Frauengruppe ins Leben gerufen, mit der sie gemeinsam neue Orte in der Stadt entdeckt. Und ein Mann hat nach dem Umzug plötzlich seine Leidenschaft fürs Backen entdeckt. Dabei hatte er vorher gar keinen Bezug dazu!
Wie gelingt es dir, letzte Zweifel auszuräumen?
Ich lege allen ans Herz, sich selbst ein Bild zu machen. Man kann in all unseren Häusern auf einen Kaffee oder ein Mittagessen vorbeischauen, aber auch probewohnen oder Ferien machen. So kommt man in Kontakt mit den Bewohnenden und spürt die Atmosphäre.
Wann ist der richtige Zeitpunkt für den Umzug?
Der richtige Zeitpunkt ist höchst individuell. Es ist ein Zusammenspiel von verschiedenen Faktoren: Was bedeutet Lebensqualität für mich? Wie geht es mir gesundheitlich? Habe ich ein intaktes soziales Umfeld?
Kann man den richtigen Zeitpunkt auch verpassen?
Meines Erachtens ist es am besten, wenn man sich mit der Entscheidung auseinandersetzt, solange es einem noch gut geht. Ist man bereits in einer Krise, ist es eine grosse zusätzliche Belastung, sich auch noch mit einer so existenziellen Frage auseinanderzusetzen. Wer mobil und selbstbestimmt ist, kann sich zum Beispiel am neuen Wohnort leichter in die Gemeinschaft integrieren und ein neues soziales Netz aufbauen.
Der Entscheid für einen Umzug ist gefallen. Wie geht es weiter?
Jetzt muss man anfangen, sich Gedanken zu machen: Was macht mir den Abschied von zuhause besonders schwer? Was soll unbedingt mit mir umziehen? Und was ist mir wichtig in meinem neuen Zuhause? Die Prioritäten sind ganz unterschiedlich: Die einen schätzen einen eigenen Balkon, die anderen eine Tramhaltestelle vor dem Haus. Wichtig ist auch, sich zu fragen: Was möchte ich weiterhin eigenständig machen und was möchte ich lieber abgeben? Welche Aktivitäten liegen mir am Herzen? Um eine Entscheidung zu treffen, lohnt es sich, sich mit anderen Menschen auszutauschen. Und, wie gesagt, man sollte sich unbedingt mit den Häusern, die in Frage kommen, vertraut machen.
Wie findet man das passende Haus?
Wir bieten verschiedene Wohnformen an. Auch hier kommt es auf die individuelle Situation und die eigenen Wünsche und Bedürfnisse an. Bin ich noch mobil und selbstständig? Dann ist eines unserer Gesundheitszentren mit dem Angebot «Wohnen im Alter» die richtige Wahl. Vielleicht ist einer Person wichtig, im bisherigen Quartier wohnen zu können oder zukünftig nahe bei den Verwandten zu sein. Vielleicht wünscht sich aber jemand auch, wieder ins Quartier der Kindheitstage zu ziehen, mit dem er oder sie schöne Erinnerungen verbindet. Ist bereits eine höhere Pflege- oder Betreuungsbedürftigkeit beim Eintritt vorhanden, ist ein Gesundheitszentrum mit dem Angebot «Spezialisierte Pflege» oder eine Pflegewohngruppe der passende Rahmen.
Was passiert, wenn man während der Zeit im Gesundheitszentrum stärker pflegebedürftig wird?
Die entscheidende Frage lautet: Wo können wir die beste Lebensqualität bieten? Können wir am bisherigen Standort eine optimale Betreuung gewährleisten oder ist ein Umzug in einen Standort mit einem spezialisierten Angebot zum Beispiel für Demenz sinnvoller? Es ist immer ein Abwägen. Wir entscheiden diesen Schritt gemeinsam mit den Bewohnenden und ihren Angehörigen.
Apropos: Welche Rolle spielen die Angehörigen bei der Entscheidung über einen Umzug?
Die Angehörigen sind oft eine wichtige Unterstützung. Die Ansichten und Bedürfnisse decken sich aber nicht immer. Es ist hierbei wiederum wichtig herauszufinden, in welchem Umfeld die betroffene Person die beste Lebensqualität hat. Ich erinnere mich an eine Frau, die gemeinsam mit ihrer Tochter eines unserer Häuser besichtigt hat. Ihre Tochter war begeistert angesichts der modernen Architektur, doch sie selbst fühlte sich unwohl. Sie hatte den Wunsch nach einem rustikalen, heimeligen Zuhause. Das haben wir dann für sie gefunden.
Viele Angehörige haben Gewissensbisse, ihre Eltern oder Partner*innen «abzuschieben».
Ja, das höre ich immer wieder. Aber es bringt niemandem etwas, wenn die pflegenden Angehörigen vor Überlastung zusammenbrechen. Einige unserer Standorte verfügen zum Beispiel über Entlastungsangebote und heissen auch Tagesgäste willkommen: Man kommt an fixen Tagen zu uns und je nach Bedarf auch über Nacht. Das kann für Angehörige eine grosse Entlastung sein und ermöglicht auch einen sanften Übergang, wenn später ein Eintritt nötig wird. Auch Ferienaufenthalte sind in einem Gesundheitszentrum möglich – zum Beispiel, wenn pflegende Angehörige abwesend sind.
Auch die Kosten verunsichern viele.
Unsere Leistungen in den Bereichen Wohnen, Betreuung und Pflege sind vom Amt für Zusatzleistungen anerkannt. So ist gewährleistet, dass unser Angebot unabhängig von der finanziellen Lage für alle zugänglich ist. Dennoch bereitet dieses Thema vielen Sorgen. Es lohnt sich daher, die individuelle finanzielle Situation zu klären. Ich empfehle, sich dazu beraten zu lassen, zum Beispiel von der Fachstelle Zürich im Alter oder der Pro Senectute. Es kann dann zum Beispiel geklärt werden, ob Anspruch auf Ergänzungsleistungen besteht oder ob sonstige Leistungen zum Zuge kommen. Aber auch Fragen wie «Was passiert mit meinem Ferienhaus?» oder «Muss ich mein Vermögen aufbrauchen?» können dann beantwortet werden.
Alles ist geregelt, die Koffer sind so gut wie gepackt. Wann geht’s los?
Ein Eintritt bei uns ist in der Regel nicht Monate im Voraus genau planbar. Meist wird ein Platz nur frei, wenn ein Todesfall erfolgt. Wir führen bei uns keine Wartelisten, sondern Umzugslisten. Personen, die sich bei uns anmelden, haben sich für den Eintritt in ein Gesundheitszentrum für das Alter entschieden und möchten innert eines Jahres bei uns einziehen. Die zuständigen Personen aus dem gewählten Betrieb sind mit unseren zukünftigen Bewohnenden in regelmässigem Kontakt, so dass die Zeit bis zum Eintritt begleitet wird. Wir empfehlen, die nötigen Vorkehrungen für den Umzug frühzeitig zu treffen – also bereits im Vorfeld zum Beispiel den Haushalt zu verkleinern und schon entschieden zu haben, was alles mitkommt, wenn der ersehnte Platz frei wird.
Ein Umzug in ein Gesundheitszentrum für das Alter ist kein einfacher Schritt – aber einer, der gut begleitet werden kann. Wer sich frühzeitig damit auseinandersetzt, gewinnt Zeit: für Gespräche, für Besuche vor Ort und für die eigenen Vorstellungen vom zukünftigen Zuhause. Und manchmal zeigt sich dabei: Was zuerst nach Abschied klingt, kann sich überraschend nach einem neuen Anfang anfühlen.