Dr. Kornelia Kotkowski ist seit Juni 2024 Leiterin Forschung bei den Gesundheitszentren für das Alter. Zusammen mit Dr. Flaka Siqeca, PostDoc am Institut für Pflegewissenschaft der Universität Basel, leitet sie das Projekt «Nachhaltige Implementierung des DemCare-Konzepts für die Betreuung von Menschen mit Demenz in neun Langzeitinstitutionen», das vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) gefördert wird.
In der Steuergruppe sind Prof. Dr. Franziska Zúñiga, Professorin am Institut für Pflegewissenschaft der Universität Basel, Dr. med. Tatjana Meyer-Heim, ärztliche Direktorin der Gesundheitszentren für das Alter, Eva Horvath, Leiterin klinische Pflegeentwicklung der Gesundheitszentren für das Alter, und Dr. Marcel Meier, Leiter des Schulungszentrums Gesundheit SGZ, vertreten.
Worum es in dem Projekt geht, das von 2025 bis 2028 läuft, und welchen Nutzen es für Langzeitinstitutionen in der Schweiz bringt, erklärt Dr. Kornelia Kotkowski im Interview.
Kornelia, wie ist die Idee zum Forschungsprojekt entstanden?
Die Idee entstand wie viele Entwicklungen aus einem Gespräch und einer Frage. Als Leiterin Forschung arbeite ich eng mit den einzelnen Gesundheitszentren zusammen. Als ich erfuhr, dass das Gesundheitszentrum Entlisberg erfolgreich Bewohnende aus anderen Institutionen aufnimmt, wenn die Situation dort nicht mehr tragbar ist, fragte ich mich, worauf dieser Erfolg zurückzuführen ist. Die Teams im Gesundheitszentrum Entlisberg erarbeiteten milieutherapeutisch ein demenzgerechtes Setting. Dadurch treten sogenannte Behavioral and Psychological Symptoms of Dementia (BPSD), also Verhaltensänderungen und psychische Symptome bei Demenz, weniger häufig auf, beziehungsweise sie können nicht-medikamentös behandelt werden. Ein Gespräch mit zwei Ärztinnen im Gesundheitszentrum Entlisberg bestätigte, dass dort die Abgabe von Antipsychotika wenn immer möglich vermieden oder schnell wieder reduziert wird. Ein milieutherapeutisches Setting ist auch im DemCare-Konzept beschrieben.
Am DemCare-Konzept haben die Gesundheitszentren mitgewirkt.
Genau. Die Pflegezentren (heute Gesundheitszentren für das Alter) der Stadt Zürich haben die Erarbeitung des Konzepts initiiert und es mitentwickelt. Die ehemalige ärztliche Direktorin der Gesundheitszentren, Dr. med. Gaby Bieri, war zwischen 2014 und 2019 im Rahmen der Nationalen Demenzstrategie dafür verantwortlich, dass die damaligen Qualitätsindikatoren an Workshops mit Stakeholdern aus der gesamten Schweiz weiterentwickelt und als DemCare-Empfehlungen veröffentlicht wurden. Die Gesundheitszentren haben viel in die Umsetzung einer demenzgerechten Betreuung in den Betrieben investiert, zum Beispiel durch Weiterbildungen und den Einsatz von Fachexpert*innen Demenz, die die Pflegeteams coachen und unterstützen. Ich wollte genauer untersuchen, welche Empfehlungen bei uns in den letzten zehn Jahren umgesetzt wurden und was eine erfolgreiche Umsetzung ausmacht: Die Idee für die Eingabe des Forschungsprojekts war geboren.
Warum kommt dem Umgang mit Antipsychotika in Langzeitinstitutionen eine besondere Bedeutung zu?
Gemäss Angaben von Alzheimer Schweiz hatten bereits 2014 rund 60 % der Bewohnenden in Schweizer Langzeitinstitutionen eine Demenzerkrankung oder zeigten Demenzsymptome. In unseren Gesundheitszentren liegt der Anteil bei bis zu 90 %. Die Pflege und Betreuung dieser Menschen ist anspruchsvoll und komplex. Besonders herausfordernd sind Verhaltensänderungen und psychische Symptome bei Demenz (BPSD). Diese umfassen unter anderem Unruhe, Aggressionen, Angstzustände oder Depressionen. Sie erschweren die Pflege, da sie nicht nur die Betroffenen belasten, sondern auch andere Bewohnende und das Personal stark fordern. Der adäquate Umgang mit und die Prävention von diesen Verhaltensweisen erfordern spezifische Fachkenntnisse, eine personenzentrierte Haltung und viel Einfühlungsvermögen. Um Symptome wie Unruhe oder Aggressivität zu behandeln, wird schnell zu Psychopharmaka wie Antipsychotika gegriffen. Antipsychotika werden jedoch aufgrund der Risiken und des begrenzten Nutzens seit Jahren kritisch diskutiert. Bei Wahn und Halluzinationen können Antipsychotika eingesetzt werden. Bei Demenz besteht die bevorzugte Behandlung jedoch aus nicht-medikamentösen Massnahmen, die die Lebensqualität verbessern und eine langfristige Stabilität fördern.
Wie kam die Zusammenarbeit mit der Universität Basel zustande?
Die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Praxis ist zentral für die Erarbeitung und Verankerung von neuem Fachwissen. Da wir derzeit eine Kollaboration mit dem Institut für Pflegewissenschaft der Universität Basel aufbauen, lag es nahe, meine ehemalige Doktormutter und geschätzte Kollegin, Prof. Dr. Franziska Zúñiga, für das Projekt ins Boot zu holen. Zum Glück war sie ebenso angetan von der Idee wie ich.
Wie hast du die Förderung durch das BAG aufgegleist?
Auf der Suche nach Geldern für die Projektfinanzierung stiess ich auf das Förderprogramm «Effizienz in der medizinischen Grundversorgung». Der Bund unterstützt im Rahmen des Programms Projekte in der Berufsausübung und Bildung, die der Förderung der Effizienz in der medizinischen Grundversorgung und insbesondere der Interprofessionalität dienen. Gefördert werden Projekte, die einen Beitrag leisten, um die Grundversorgung von Langzeitpatient*innen zu optimieren und effizient auszurichten. Unser Antrag auf Förderung stiess beim BAG auf Interesse, da das DemCare-Konzept schweizweit umgesetzt werden soll.
Was macht das Forschungsprojekt so relevant?
Die Empfehlungen aus dem DemCare-Konzept sind seit 2020 national verfügbar. Eine 2023 von Curaviva im Auftrag des BAG durchgeführte schweizweite Evaluation hat aber gezeigt, dass die Umsetzung der Empfehlungen schwierig ist – unter anderem aufgrund der personellen Ressourcen. Bei uns wurden intern bereits zwei Evaluationen durchgeführt, eine umfassende Umsetzungsevaluation ist jedoch noch ausstehend. Hier möchten wir ansetzen, um Erkenntnisse zu gewinnen und zugänglich zu machen. Wir möchten aufzeigen, dass Institutionen auch mit weniger Ressourcen etwas erreichen können, zum Beispiel mit institutioneller Verantwortung und einer Investition in die Fachkompetenzen aller Mitarbeitenden. Die Gesundheitszentren haben die Grundlagen des DemCare-Konzepts erarbeitet und verfügen inzwischen über mehr als zehn Jahre Erfahrung in der Umsetzung. Das Forschungsprojekt umfasst neun Betriebe mit Schwerpunkt «Spezialisierte Pflege». Das sind total 1566 Bewohnende und 2436 Mitarbeitende. Wir wollen untersuchen, welche DemCare-Massnahmen konkret umgesetzt wurden, welche Auswirkungen diese auf die Bewohnenden sowie die Zufriedenheit der Mitarbeitenden haben und welche Ansätze sich langfristig bewähren.
Inwiefern profitieren auch andere Langzeitinstitutionen vom Forschungsprojekt?
Die Ergebnisse aus dem Forschungsprojekt werden wir anderen Langzeitinstitutionen als Implementierungshilfe mit praktischen Informationen, Best-Practice-Beispielen und konkreten Handlungsempfehlungen zur nachhaltigen Umsetzung des DemCare-Konzepts verfügbar machen. Indem wir neun Gesundheitszentren einbeziehen, die unterschiedlich aufgestellt sind, was Grösse und Bedingungen betrifft, decken wir die Realität einer breiten Palette an Langzeitinstitutionen ab. Zudem werden die Ergebnisse aus dem Projekt in das Angebot zum Thema Demenz des Schulungszentrums Gesundheit (SGZ) integriert.
Wie sieht das Forschungsdesign aus?
Das Projekt besteht aus einem quantitativen und einem qualitativen Teil. Im quantitativen Teil arbeiten wir mit Zahlen zu Bewohnenden, die ihre informierte Einwilligung dazu gegeben haben, dass wir ihre Daten anonymisiert zu Forschungszwecken verwenden dürfen. Darin enthalten sind Angaben zur Veränderung des Konsums von Antipsychotika seit 2020: systematisch im zeitlichen Verlauf. Die entsprechenden Daten machen unsere IT und unser Leistungsmanagement aus RAI (Resident Assessment Instrument) verfügbar. Ohne ihren Einsatz wäre diese Untersuchung nicht möglich. Zudem machen wir eine Dokumentenanalyse der Bewohnenden, um zu prüfen, ob die Leitlinien zum Umgang mit Antipsychotika eingehalten werden.
Was sind die Leitlinien bei den Gesundheitszentren zum Umgang mit Antipsychotika?
Wir halten uns an die Empfehlungen aus dem DemCare-Konzept. Die wichtigsten Punkte sind der demenzgerechte Umgang mit Bewohnenden sowie die Prävention von BPSD. Wir haben klare Vorgaben dazu, was vorgängig alles gemacht werden muss: Bevor Antipsychotika verordnet werden, schöpfen wir alle nicht-medikamentösen Massnahmen aus. Wir erfassen die Symptome, führen eine Situations- und Verhaltensanalyse durch, um die Gründe und Muster für herausforderndes Verhalten zu identifizieren, und verordnen gegebenenfalls andere Medikamente wie z. B. Schmerzmittel. Wenn nichts funktioniert, werden für maximal sechs Wochen Antipsychotika verschrieben, danach wird wieder evaluiert. Es ist unsere Kultur, nicht Symptome zu bekämpfen, sondern Ursachen zu finden. Antipsychotika werden darum nur im absoluten Notfall abgegeben oder bei Wahn und Halluzinationen.
Ergänzend gibt es einen qualitativen Teil. Woraus besteht der?
Der qualitative Teil umfasst Interviews mit Führungsverantwortlichen und Mitarbeitenden. Wir gehen Fragen nach wie: Wie setzen sie die Vorgaben um? Was haben sie gebracht? Zudem befragen wir auch Angehörige und Bewohnende, um alle Perspektiven einzubeziehen. Die Interviewleitfäden basieren auf dem DemCare-Konzept. So stellen wir sicher, dass wir eine Vergleichbarkeit haben und alle vom selben ausgehen.
Was soll konkret aus dem Forschungsprojekt hervorgehen?
Das wichtigste Ergebnis ist ein logisches Modell für alle Langzeitinstitutionen in der Schweiz, das aufzeigt, welche Interventionen wie und unter welchen Voraussetzungen umgesetzt werden können und mit welchen Ergebnissen. Wir sind überzeugt, dass eine Optimierung immer möglich ist, egal wie eine Langzeitinstitution aufgestellt ist. Zudem wird es einen Interventionsteil für die neun teilnehmenden Gesundheitszentren geben: Jedes Gesundheitszentrum sucht sich eine Intervention aus, die es bisher noch nicht umgesetzt hatte und sammelt während sechs Monaten Erfahrungen damit. Das Ergebnis daraus evaluieren wir ebenfalls und leiten Erkenntnisse daraus her.
Im Rahmen der nationalen Demenzstrategie hat Alzheimer Schweiz zusammen mit einer breit abgestützten Arbeitsgruppe im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) das DemCare-Konzept erarbeitet. Es basiert auf einer Vorlage, die 2013 in den Pflegezentren (heute Gesundheitszentren für das Alter) der Stadt Zürich entwickelt wurde. DemCare ist ein praxisorientierter Ansatz zur Verbesserung der Pflege und Betreuung von Menschen mit Demenz in Langzeitinstitutionen. Heute bildet das DemCare-Konzept die Grundlage für eine qualitativ hochwertige Pflege, Betreuung und Begleitung von Menschen mit Demenz in schweizerischen Langzeitinstitutionen.
Es gibt Empfehlungen zu sechs Kernthemen ab:
- interprofessionelle Zusammenarbeit mit Angehörigen
- interprofessionelle Begleitung, Betreuung, Pflege und Behandlung
- Infrastruktur
- Personelles
- Selbstbestimmung der Person mit Demenz
- Ernährung
Das Konzept fördert eine personenzentrierte Pflege und Betreuung, die sich an den individuellen Bedürfnissen und Fähigkeiten der Bewohnenden orientiert und akzeptiert, dass das Verhalten der Betroffenen primär normal ist und nicht korrigiert wird. Es legt den Schwerpunkt auf nicht pharmakologische Massnahmen und hat zum Ziel, den Einsatz von Medikamenten zu reduzieren und die Lebensqualität der Bewohnenden zu verbessern.