Jakob Zahner wurde 1935 in der Stadt Zürich geboren und ging während der Kriegszeit zur Schule, wo er von provisorischen Lehrpersonen unterrichtet wurde, die mit 70 aus der Pensionierung zurückgeholt worden waren. «Wir waren bis zu 40 Kinder in meiner Klasse und mussten auf dem Fenstersims sitzen», erinnert er sich. Er habe immer das Gefühl gehabt, so könne man doch nichts lernen. «Und doch ist etwas aus uns geworden», schmunzelt er. Nachdem er das Gymnasium aus familiären Gründen abbrechen musste, absolvierte er eine Lehre als Hochbauzeichner und studierte nach der Rekrutenschule am Abendtechnikum berufsbegleitend. «Danach war ich stolzer Hochbautechniker, wie das früher hiess. Heute wäre es wohl Architekt HTL», beschreibt er seine Anfänge in der Baubranche.
Danach habe er in verschiedenen Architekturbüros und Generalunternehmungen gearbeitet und wurde in einer Generalunternehmung erst technischer Leiter und dann Geschäftsführer. «Ich war so erfolgreich, obwohl mir das Unternehmen nicht gehörte, dass ich unbedingt beteiligt werden wollte», erzählt er stolz. «Sie waren bereit, mir Aktien zu verkaufen, aber der Preis war im Himmel, und das war ja meine Schuld», erinnert sich Jakob Zahner. Er habe abgelehnt und stattdessen mit einem Kollegen eine eigene Firma gegründet: die HBZ, Hausbau Zürich AG. «Mit diesem Unternehmen bin ich dann so richtig in Fahrt gekommen», strahlt er.
Das Dörfli in Dietikon war das Grösste, was er je gebaut habe. «Das muss man sich mal vorstellen: Ein 35-Millionen-Ding mit 300ʼ000 Franken Aktienkapital. Wenn ich nur gestolpert wäre, wäre ich im Gefängnis gelandet», erinnert er sich. Da er selbst im Friesenberg aufgewachsen sei und eine tolle Familie gehabt habe, wollte er die Vorteile von Reihenhäusern auch anderen ermöglichen. Das sei ihm gelungen. «Ich habe keine Verrücktheiten gebaut, sondern ein Zuhause für den Familienvater mit drei Kindern – es konnten auch vier oder zwei Kinder sein. Und das zu einem Preis, den sich auch ein guter Arbeiter leisten konnte», erklärt er stolz seine Vision.
Sein Leben habe aus zwei wichtigen Teilen bestanden: Familie und Beruf. Seine Frau sei das Beste gewesen, was ihm je passiert sei. Er habe eine fantastische Ehe gehabt, die allerbeste Frau und eine «unglaublich muntere Bande» als Familie: drei Kinder, neun Enkel, sechs Urenkel. «Meine Frau habe ich mit zwanzig Jahren beim Theater spielen kennengelernt», erinnert er sich. Mit 25 Jahren wurde geheiratet, mit 26 Jahren kam die Tochter, danach die beiden Söhne. Er habe das Glück gehabt, dass seine Frau ihm immer den Rücken freigehalten und die Kinder wunderbar erzogen habe, sodass er Karriere machen konnte: «Sie hat mich stets unterstützt und wenn nötig auch gebremst. Sie gab mir Bodenhaftung, denn ich neigte schon ein bisschen zu Extremen», beschreibt Jakob Zahner die Dynamik in seiner Ehe.
Für seinen 50. Geburtstag habe Jakob Zahner etwas Spezielles geplant: einen Ausflug mit der Familie nach Verona in die Oper. «Mit zwei oder drei Autos hinzufahren, fand ich nicht praktisch. Also habe ich für die ganze Bande bei Crossair ein Flugzeug gechartert», erklärt er. Da Verona keinen Flughafen gehabt habe, seien sie auf dem grossen Militärflughafen gelandet. Dort habe es aber keine Zollbehörde gegeben, nur Militärs, die sie für die Kontrolle fast «füdliblutt» ausgezogen hätten. «Wir nahmen es mit Humor», erinnert sich Jakob Zahner. Die Aufführung von Aida sei unglaublich gewesen. Pavarotti, der damals noch nicht so bekannt gewesen sei, habe seinen ersten grossen Auftritt gehabt und den Radamès gesungen.
Nachdem er sich mit gut 60 Jahren entschieden hatte, seine Firma aufzugeben, habe er endlich Zeit gehabt, um mit seiner Frau mal so richtig «abzuhauen»: zum Beispiel viermal den ganzen Winter über nach Australien. Seine Frau sei ein «Gfrörli» gewesen, weshalb sie jeweils nach ihrem Geburtstag Ende November losgeflogen und erst im März wieder zurückgekommen seien. Sie hätten den Indischen Ozean geliebt und seien 16mal auf den Seychellen und mindestens 14mal auf den Malediven gewesen, daneben auf Mauritius und auf den Lakadiven. «Wir konnten nicht genug bekommen vom Reisen, waren wochen- und monatelang zusammen: im Flugzeug, im Auto, im Hotel, im Motel – immer auf Tuchfühlung. Es passte einfach mit uns», führt Jakob Zahner aus.
Leider sei seine Frau vor einem Jahr an Altersschwäche, an Demenz gestorben. Sie sei so ruhig gestorben, wie sie gelebt habe, wurde davor noch nicht einmal krank. «Das hat mich komplett umgehauen. Ich hatte danach das Broken-Heart-Syndrom. Mein Hausarzt bestätigte mir das. Ich, der grosse Hero, der beruflich immer eine grosse Klappe hatte, war plötzlich winzig klein», gibt er zu.
Ohne seine Frau wollte Jakob Zahner nicht mehr in der schönen Attikawohnung bleiben. «Es ging nicht mehr, denn sie war überall», erklärt er. Er habe sich von allem aus der Wohnung getrennt. Das Gesundheitszentrum Laubegg sei für ihn kompletter Neuanfang und logische Wahl zugleich gewesen, denn es liege im Quartier, in dem er seit jeher verwurzelt sei, seiner Heimat. Man habe ihm die schöne Wohnung im achten Stock gezeigt, die er dann problemlos bekommen habe. «Ich bin also mein ganzes Leben im Kreis 3 geblieben. Verrückt», sinniert er.
Im Laubegg schätzt Jakob Zahner die Lage: die Aussicht auf die Glarner Alpen. Das sei aber nur das Äusserliche. Viel wichtiger sei ihm die Atmosphäre: «Wir haben eine sehr gute Stimmung im Haus, die man spürt. Das war mir auch im Beruf immer wichtig: Es musste positiv klirren», erklärt er. «Und dann kommt noch etwas hinzu», fügt er verschmitzt an: «Ich konnte natürlich auch hier nicht ruhig sein. Aber nicht im negativen Sinn. Ich habe Veränderungen angestossen, auf die man sich einliess, denn es war ja für alle, nicht nur für mich». Er habe die Lottoabende und die Jassnachmittage selbst organisiert und wollte zudem den schönen Tischkicker im Haus wieder aktivieren: «Ich bin überzeugt, dass es Leute im Haus gibt, die Spass daran haben».
Anders machen würde er nichts im Leben. «Entweder ich hatte Glück oder ein gutes Händchen. Aber ein paar Verrücktheiten habe ich mir schon geleistet», erinnert er sich. Als bekennender Autofan habe er furchtbar Freude an schönen, designten Autos. Als Krönung habe er sich einen Bitter gekauft. Benannt nach Erich Bitter, der das «Wahnsinnsauto» entworfen habe. «Heute noch etwas vom Schönsten. Der gehört ins Bücherregal», schwärmt Jakob Zahner. Das Auto sei so selten, dass er, wenn er am Fussgängerstreifen gehalten habe, darauf angesprochen wurden sei. «Das ärgerte mich, denn ich wollte ja weiterfahren», schmunzelt er.
Sein Tipp für ein gutes Leben ist, positiv zu denken und stets nach vorne zu schauen. «Ich bin ein Berufsoptimist. Es bringt ja nichts, sich hinzusetzen und zu verblöden». Mit positivem Denken ziehe man gute Leute mit. Die anderen blieben dann automatisch ein bisschen im Hintergrund. Er habe sich immer mit guten Leuten umgeben: optimistischen, fröhlichen und progressiven Leuten. Natürlich gehöre zu einem guten Leben auch Glück. «Und wenn man eine Frau hat wie meine, kann es einem gar nicht schlecht gehen», resümiert Jakob Zahner.
Anmerkung der Redaktion: Kurz nach diesem Interview ist Jakob Zahner verstorben. Damit seine beeindruckende Geschichte und die Freude, mit der er sie teilte, nicht vergessen gehen, haben wir uns im Austausch mit seinen Kindern und in seinem Sinne für eine Veröffentlichung entschieden. Als Erinnerung an ein erfülltes Leben.