Inmitten des weihnachtlichen Glockenklangs der Zürcher Stadtkirchen kam Kurt Spiess – oder Küde, wie er sich nennt – am 24. Dezember 1935 abends zur Welt. Aufgewachsen ist Küde im Seefeld, damals ein bodenständiges Quartier der Handwerker und Gewerbler. Mit Ausbruch des 2. Weltkrieges schickten ihn die Eltern vierjährig zusammen mit dem Bruder nach Hütten aufs Land zur Grossmutter. Da sei es sicherer als in der Stadt, man wisse ja nicht, was dem «Dölfi» in Deutschland noch einfallen könne. Zudem gab es bei der Grossmutter frisches Gemüse aus dem Garten.
Noch mitten im Krieg erkrankte der kleine Kurt an Halsdrüsen-Tuberkulose. Er musste zur Kur an die Höhensonne. Mit 6 Jahren schickten ihn die Ärzte des Kinderspitals ins Sanatorium Davos-Clavadel. Die Eltern arbeiteten und kamen nie zu Besuch. Zweimal war die Grossmutter da. Weihnachten verbrachte er allein in Davos. Doch fast schlimmer für Kurt Spiess war, dass er nach der Rückkehr von der ersten Klasse in die «Gvätti» (Kindergarten) zurückversetzt wurde. Im Sanatorium war eine einzige Lehrerin für alle Kinder zuständig. Sie hatte zu wenig Zeit, ihm Lesen und Schreiben beizubringen.
Kurt Spiess war für allerhand Streiche im Quartier bekannt. Tüchtig geschimpft hat der Vater, als er trotz Warnung bei der Badi Tiefenbrunnen das gesperrte Eis des Zürichsees betrat und ins eiskalte Wasser fiel. Neben der Schule arbeitete Kurt Spiess als Ausläufer für einen Kürschner. Und schon immer interessierten ihn Autos. Anstatt Schulaufgaben machen, nahm er mit dem benachbarten Garagisten die Motoren auseinander. Die Berufswahl war klar: Kurt Spiess startete eine Lehre als Automechaniker. Im 4. Lehrjahr absolvierte er die Rekrutenschule als «MotMech», wo er als Werkstatt-Chef des Regiments die alleinige Verantwortung übernehmen durfte. Davon profitierte er später viel für seinen Beruf.
Kurt Spiess spezialisierte sich in der Lehre auf die Automarken VW und Porsche. So war auch sein erstes Auto ein VW-Käfer. Und natürlich war sein VW einer der schnellsten in der Stadt. Wenn er im Auftrag der Polizei die Dienstwagen schneller machte, konnte er auch sein eigenes Auto frisieren. Kurz nach der Lehre holte ihn sein Bruder nach Ghana als Werkstattchef. Die damaligen Machthaber im Land wollten schnelle Autos haben. Doch schon ein halbes Jahr später zog er mit einem Säckchen Diamanten belohnt wieder nach Zürich zurück.
Es war damals nicht möglich, mit der Freundin zusammen zu wohnen. Deshalb heiratete Kurt Spiess nach seiner Rückkehr schon mit 23 Jahren seine erste Liebe und wurde ein paar Jahre später glücklicher Vater von zwei Töchtern. Beruflich stieg er bei der Fiat Automobil als Mechaniker und Werkstattchef ein. Rasch erkannte man sein Talent. Er bekam vom Boss in Turin das Angebot, als Technischer Inspektor und Instruktor tätig zu sein. Er hatte sein Büro in Zürich, war aber viel unterwegs für Kurse und Aufträge. Beim Swatch-Gründer Nicolas Hayek persönlich bildete er sich im Management weiter. Nach 40 Jahren Einsatz für Fiat wäre er pensioniert worden. Doch die Italiener wollten ihn nicht gehen lassen. So hängte er nochmals 10 Jahre an.
Ein einziges Mal bat Kurt Spiess seinen Chef um eine zusätzliche Woche Ferien. Er hatte einen «vermöbelten» Ferrari gekauft und wollte ihn restaurieren. Der Chef willigte ein unter der Bedingung, dass er jeden Abend rapportiere, wie weit er gekommen sei. Er reiste mit zwei Leintüchern nach Basel und nahm alle Teile auseinander. Seine Frau wusste von nichts und vermutete, er habe eine Freundin in Basel. Umso grösser war die Überraschung, als er ihr nach einer Woche stolz seinen Ferrari zeigte. Ein Rennfahrerdiplom hatte er schon im Sack. Enzo Ferrari höchstpersönlich hatte ihm dieses nach erfolgreich bestandenem Kurs überreicht.
Kurt Spiess heiratete 1986 nochmals und kam in eine Patchwork-Familie mit zwei Jugendlichen. Seine zweite Frau hatte er schon 1967 im Tennisclub kennengelernt, sie aber aus den Augen verloren. Tennis war neben den Autos seine grosse Leidenschaft. 50 Jahre lang spielte er in den Tennisclubs Uto, Engimatt und Zollikon. Er wirkte 25 Jahre als Spielleiter und 25 Jahre als Captain. Dazu war er Schweizer Meister im Doppel bei den Satus-Schweizer-Meisterschaften. Später spielte er mit der ganzen Tennismannschaft und seiner Frau Golf. Ein Unfall zwang ihn mit 80 Jahren zum Aufhören. Geblieben sind die Freundschaften in der Mannschaft. Sie feiern jährlich gemeinsam Geburtstage, Sommerfeste und Silvester.
Bis zur Pensionierung gab es maximal drei bis vier Wochen Ferien im Jahr. Zusammen mit seiner Frau genoss Kurt Spiess das Reisen danach umso mehr. Sie bereisten Amerika, Kenia, Australien, waren in Antigua. Ihre Lieblingsstadt ist Paris, die Stadt der Liebe. Mit Freunden zusammen machten sie schöne Schifffahrten und Städtereisen. Es blieb nun auch mehr Zeit für gemeinsame Ausflüge mit der Wandergruppe und Fahrten mit dem eigenen «Motorböötli» auf dem Zürichsee, wo sie trotz Fischerpatent nie grosse Fische fingen. Das war eine sehr schöne Zeit, bis die Gesundheit Probleme machte.
Nach verschiedenen Operationen und mehreren Rückfällen machte sich vor allem Kurts Spiessʼ Frau Gedanken. Was ist, wenn du langfristig Pflege brauchst? Gleichzeitig war in ihrem Quartier Albisrieden das neue Gesundheitszentrum für das Alter Mathysweg im Bau. Kurt Spiess war sich bewusst:,«Diese Chance müssen wir packen.» Sie meldeten sich für einen Besichtigungstermin. Insgesamt drei Mal waren sie dort und machten sich ein Bild vom Wohnen und Leben im Mathysweg. Denn, die Katze im Sack kaufen, wollte er nicht.
Als das Angebot für ein Zwei-Zimmer-Appartement mit grossem Balkon im Gesundheitszentrum Mathysweg kam, entschieden sich Kurt Spiess und seine Frau für den Umzug. Fast wäre das Vorhaben noch geplatzt. Mangels Garagenplatz konnte er seinen roten Alfa Romeo nicht mitnehmen. Das war für ihn ein No-Go. Da war er doch nur noch ein «halber Mann». Rückblickend sagt er, dass es gut war so. Der Arzt hatte schon recht. Sein Herz war nicht mehr das Beste, und gelegentliche Schwindelanfälle beim Fahren zu gefährlich. Umso mehr geniesst er nun das «Sünnele» und Zeitung lesen auf dem Balkon.
Seinen Freunden empfiehlt Kurt Spiess: Geh, wenn du noch einigermassen fit bist. Man hat alles, was man möchte. Wenn du noch «zwäg» bist, kann man das alles realisieren und geniessen. Er hat im Mathysweg viele Freundschaften geschlossen, seine Clique gefunden. Sogar Yoga macht er – das hatte er früher immer belächelt. Und auch für Line-Dance hat er sich begeistern können. Dazu ist er Mitglied im Bewohnerrat. Alle Monate gibt es ein Meeting mit der Küche, wo er Essenswünsche der Bewohnenden einbringt. Neu gibt es nun beispielsweise einen Gemüseteller. Sein Fazit: «Ich habe es cheibe schön hier.»