Die Liebe zu Zürich begann für Lou Buschor mit einem Zwischenstopp an der Quaibrücke zwischen Bürkliplatz und Bellevue. Sie war mit ihrem damaligen Freund auf der Durchreise an die Côte d’Azur, und es fand gerade eine Segelregatta statt. «Oben die Schneeberge und unten der See – da sagte ich: <Hier bleibe ich, und wenn ich als Klofrau anfangen muss.>», erinnert sie sich. Dieser Moment war der Auftakt zu einem neuen Lebensabschnitt. Ihre Anstellung in ihrer deutschen Heimat hatte Lou Buschor bereits gekündigt. Und sie wollte nicht mehr zurück. Vor der Weiterfahrt gab sie in der NZZ eine Anzeige für eine Stelle als Au-pair auf. «Als ich von Frankreich zurückkam, hatte ich 70 Angebote», führt sie aus. Sie entschied sich für eine Zürcher Arztfamilie und legte den Grundstein für ihr Leben in ihrer neuen Lieblingsstadt. «Zürich war wunderbar: Man konnte überall zu Fuss hingehen – ins Schauspielhaus, ins Kino. Das geht in Städten wie London oder Paris nicht», schwärmt sie.
Mit 28 Jahren heiratete Lou Buschor einen 37-jährigen Banker und erlebte ihr blaues Wunder in Sachen Frauenrechte: «In Deutschland waren wir dank der Trümmerfrauen, die das Land nach dem Krieg wieder aufgebaut hatten, viel weiter als die Schweiz. Hier durfte ich nicht einmal ein eigenes Bankkonto eröffnen», erinnert sie sich. Das Haushaltsgeld wurde ihr wöchentlich abgezählt auf den Küchentisch gelegt. Für Lou Buschor, die zuvor 14 Jahre gearbeitet und ihr eigenes Geld verdient hatte, ein unhaltbarer Zustand: «Hier war man einfach nichts als Frau, nur ein Anhängsel des Mannes», reflektiert sie. In den folgenden Jahren als Hausfrau und Mutter konzentrierte sie sich auf ihren Sohn, bei dem mit vier Jahren Autismus diagnostiziert wurde.
1982 liess sich Lou Buschor scheiden und wollte nur eins: Mit 48 Jahren endlich wieder unabhängig sein. Sie stieg in einen eleganten Second-Hand-Laden ein, den zwei ihrer Freundinnen führten, und übernahm ihn später. Hier konnte sie nicht nur ihre Leidenschaft für das Schöne, die Mode und die Ästhetik ausleben, auch ihr Selbstbewusstsein wurde gestärkt: «Wenn ich das Telefonbuch aufschlug und neben meinem Namen <Geschäftsfrau> las, bin ich gleich zehn Zentimeter gewachsen», sinniert sie. Die Arbeit ermöglichte ihr, ganz unterschiedliche Menschen kennenzulernen: von reichen Kundinnen, die kofferweise Designerkleidung brachten, bis hin zu Frauen, die die Boutique nutzten, um sich einen finanziellen Spielraum zu verschaffen.
Neben ihrer Tätigkeit als Geschäftsfrau kam Lou Buschor unverhofft zu Aufträgen als Fotomodell. «Eine Freundin, die schon auf diesem Gebiet arbeitete, meinte, ich hätte ein <passables> Gesicht und nahm mich mit ins Studio», erinnert sie sich. Schnell wurde sie für Werbekampagnen gebucht, darunter für die Eröffnung des Bally-Schuhladens in Zürich oder für ein Shooting, das kurzfristig nach Nizza verlegt wurde, weil in Zürich das Licht für Aufnahmen nicht gut sei. Sie zierte auch einmal eine ganze Hauswand. Ein Stylist kam extra aus Paris mit einem Koffer voller Perücken und zauberte ein extravagantes Outfit für sie. Diese Erfahrungen bauten ihr Selbstwertgefühl zusätzlich auf, was sie nach ihrer Ehe dringend brauchte: «Diese Zeit hat mich unglaublich gestärkt», weiss sie.
Mittlerweile wohnt Lou Buschor seit sieben Jahren im Gesundheitszentrum für das Alter Sydefädeli. Früher ging sie auf dem Weg zum Einkaufen immer daran vorbei, denn sie wohnte nur fünf Häuser entfernt. Mit ihrem Sohn ass sie nach der Scheidung oft im Sydefädeli zu Mittag. Für sie ist es eine grüne Oase in Zürich-Wipkingen, wo sie eine Gemeinschaft und eine hohe Lebensqualität gefunden hat. «Die Küche hier ist ausgezeichnet, und es gibt so viele Angebote – Yoga, Gedächtnistraining und sogar einen Zahnarzt im Haus. Etwas Schöneres gibt es nicht!», freut sie sich. Sie kennt hier Leute von früher und hat auch neue Bekanntschaften gemacht.
Lou Buschor ist Teil einer Generation, die immense gesellschaftliche und technologische Veränderungen durchlebt hat. «Von der Dampfmaschine bis zur Rakete – das alles haben wir in einer Generation durchgezogen», resümiert sie. Mit ihrem Sinn für Schönheit und Individualität hat Lou Buschor immer das Positive in ihrem Leben betont. «Ich möchte gar nichts aus meinem Leben streichen, auch nicht das Negative. Es hat alles seine Berechtigung», ist sie überzeugt. Diese Einstellung hat sie nicht nur in ihrem Berufsleben, sondern auch bei der Freiwilligenarbeit in der Kirchgemeinde und als Mentorin weitergegeben. Ihre Lebensphilosophie fasst sie mit einem Zitat von Seneca zusammen: «Ein Mensch, der nicht viel gelitten hat, kommt über das Mittelmass nicht hinaus.»
Auch mit 90 Jahren ist Lou Buschor neugierig auf das Leben. Sie schätzt die Besuche von Freundinnen und die kleinen alltäglichen Freuden. «Ich dachte nie, dass ich so alt werde. Das Leben ist ein Mosaik aus Momenten, die sich zu einem immer noch unfertigen Bild zusammenfügen», freut sie sich. Mit ihrem Humor und ihrer Stärke inspiriert sie bis heute alle, die ihr begegnen – im Sydefädeli und darüber hinaus.
Anmerkung der Redaktion: Lou Buschor lebte von 2017 bis 2026 im Gesundheitszentrum für das Alter Sydefädeli. Sie ist im Jahr 2026 verstorben. Ihre Lebensgeschichte bleibt für uns eine wertvolle Erinnerung. Wir veröffentlichen ihr Porträt weiterhin in Dankbarkeit und im Gedenken an sie.
Lou Buschor
23. Februar 2017 – Februar 2026