«Berlin-Schöneberg, 1936», antwortet Regine Bebié auf die Frage nach ihrer Herkunft. Ihr Grossvater stamme aus dem Berner Oberland und sei nach Berlin ausgewandert. Aus familiären Gründen seien sie erst 1945, kurz vor dem Ende des Krieges, in die Schweiz gekommen: nach Langnau am Albis. «Wir waren Schweizer. Damals wurde man automatisch Schweizer als Frau oder als Kind eines Schweizers».
Am Tag nach ihrer Ankunft sei in der Schweiz Sechseläuten gewesen. «Mir gefiel das wahnsinnig gut: die vielen Farben, die Pferde, die schönen Kleider. Wunderbar!», lacht sie. Ein Jahr später wollte sie selbst auch daran teilnehmen und ein schönes Kleid tragen. Ihre Mutter habe es von Hand für sie genäht, eine Nähmaschine hätten sie nicht besessen. Die Inspiration für das Kleid habe ihre Mutter aus einem Schweizer Trachtenbuch geholt. Es sei einer Tessiner Tracht aus dem Val Verzasca nachempfunden gewesen. Am Kinderumzug sei sie darauf angesprochen worden: «Ma quanto sei bella, bambina, sei ticinese?» (Wie hübsch du bist, Kleine, bist du Tessinerin?), erinnert sich Regine Bebié. Ihre Antwort darauf: «Ne, ich komme aus Berlin.»
Sehr jung, nur ein knappes Jahr nach Abschluss der Handelsmatura, habe sie einen Mann aus gutbürgerlichen Kreisen geheiratet. «Seine Familie war nicht begeistert, dass er so jung geheiratet hat und erst noch eine Auslandschweizerin», erinnert sich Regine Bebié. Sie habe damals an verschiedenen Instituten und Lehrstühlen der ETH gearbeitet, um Geld zu verdienen. «Zu der Zeit war es leicht, eine Stelle zu bekommen, wenn man einen guten Schulabschluss hatte», erklärt sie. Ihr Mann habe Theologie studiert und in den Semesterferien Geschichte und Religion unterrichtet. «Da ich das Geld verdiente, lenkten meine Schwiegereltern ein, und es wurde alles ein bisschen einfacher», beschreibt Regine Bebié, wie sie die Zeit erlebte.
Der Film habe sie immer schon fasziniert und beeindruckt. Darum auch das Schauspielstudium und die Sprecherausbildung. «Ich wollte schon als Kind Geschichten erzählen», verrät Regine Bebié. Es habe zu der Zeit schon Filmemacherinnen gegeben, sie sei nicht die Erste gewesen. «In der Schweiz zum Beispiel Reni Mertens, und auch in Hollywood gab es schon Regisseurinnen. Ganz neu war das also nicht. Aber es gab nur wenige Frauen», ordnet sie ein und ergänzt: «Als Frau musste man sich besonders durchsetzen. Denn wir hatten ja nie Geld im freien Film. Wir mussten immer schauen, dass wir das Geld zusammenkriegten, sonst war die ganze Mühe umsonst». Sie habe unter anderem drei freie Filme gemacht. Ihre ersten praktischen Erfahrungen habe sie bei «Seiler und Gnant Filmproduktion» bei der Mitarbeit zum Film «Unser Lehrer» sammeln können.
Seiler und Gnant waren damals bekannt geworden durch den Film «Siamo Italiani» und haben den Neuen Schweizer Film geprägt. Es war «learning by doing» wie für alle damals. Für eine professionelle Ausbildung hätte man nach London, Budapest oder Berlin gehen müssen, dort gab es Filmschulen», erklärt sie. Sie habe dann lange für das Schweizer Fernsehen gearbeitet. «Dort musste man die Finanzierung nicht selbst sicherstellen. Man konnte Material beziehen und hatte ein Team. Ich habe ungefähr zwanzig Filme gemacht zu sozialen Fragen und Schweizer Brauchtum», erinnert sie sich. Zudem habe sie die schöne Sendung «Sälber gmacht» betreut. Dabei hätten Kinder im Alter von elf bis dreizehn Jahren mit der Kamera der Eltern Filme gedreht. «Überraschende Filme. Wir haben nur die dunklen Löcher in den Filmen korrigiert, alles andere blieb so, wie die Kinder es gefilmt hatten. Ein Kind hat für einen Krimi das Gartenhäuschen angezündet», lacht sie.
«1968 wurde es in Beziehungen schwierig», erinnert sich Regine Bebié und fügt an: «Die Pille ist auf den Markt gekommen und wir entdeckten die freie Liebe.» Die Gesellschaft habe sich verändert, und sie hätten alle Autoritäten infrage gestellt. «Mein Mann ist aus der Kirche ausgetreten und hat in den Journalismus gewechselt. Er hat das Flugblatt geschrieben «Bauen wir uns ein Altersheim», erklärt Regine Bebié: «Das war der Funke für die Globuskrawalle. Nur der Funke, nicht der Anlass». Sie hätten in der Mittelschule schon für ein Jugendhaus gesammelt, aber nie eins bekommen. Dann sei die Zeit reif gewesen: «Angefangen hatte es in Amerika mit den Protesten gegen den Vietnamkrieg. Dann kam Berlin, Paris, Prag und irgendwann auch Zürich mit den Globuskrawallen. Wir waren dabei», erinnert sie sich. «Nach der Scheidung von meinem ersten Mann heiratete ich einen Pakistani. Aus Liebe, nicht etwa wegen einer Aufenthaltsbewilligung», führt sie aus und ergänzt: «Mein erster Mann hat mich kurz vor seinem Tod ein zweites Mal geheiratet, um mich im Alter gut versorgt zu wissen. So war das. Dazwischen die ganze Buntheit».
«Wir waren leidenschaftliche Tänzer und bewegten uns in der damaligen Zürcher Kulturszene. Mein Mann und ich sind auf die Uni- und Polybälle gegangen. Ich habe oft Dekorationen entworfen, für die ich sogar Preise gewonnen habe», erinnert sich Regine Bebié stolz. Zum Motto «Limmatgold» hätten Architektur- und andere Studierende schöne Beiträge erstellt. Sie selbst habe eine Collage mit Packpapier und Gerümpel gemacht. Sogar ein altes Velo sei dabei gewesen. «Alles, was in der Limmat entsorgt worden war. Dazu ein Drehscheinwerfer aus dem Opernhaus und baumwollene Kammzüge aus der Fabrik des Schwiegervaters. Es wurde einem fast schwindlig von dem ganzen Durcheinander. Alles hat getanzt, der ganze Krempel, das ganze «Limmatgold». Es war fantastisch!», freut sie sich und ergänzt: «Ich habe für mein Werk den Pressepreis verliehen bekommen».
Zur Zeit der nationalen Fichenaffäre habe sie T-Shirts drucken lassen mit eidgenössischem Wappen auf der Vorderseite und dem Logo «BIN FICHIERT» auf der Rückseite. «Ich stellte mir 50ʼ000 Leute auf dem Bundesplatz vor, die alle dieses T-Shirt tragen und den Eindruck erwecken, dass die Regierung das ganze Schweizer Volk fichiert hatte», erinnert sie sich an die Aktion. So weit sei es nicht gekommen. Sie hätten viele T-Shirts verkauft, aber keine 50ʼ000. Und auf dem Bundesplatz seien sie mit der Aktion auch nicht gelandet. «Heute sind die T-Shirts Sammelstücke», resümiert Regine Bebié.
Im Jahr 2022 wurde das Alterszentrum St. Peter und Paul im Kreis 4, in dem Regine Bebié damals wohnte, geschlossen. Sie habe darum verschiedene Altersinstitutionen angeschaut und sich für das Gesundheitszentrum für das Alter Limmat entschieden. Der Kreis 5 gefalle ihr gut und sie fügt an: «Die im Limmat angestellten jungen Menschen aus aller Welt sind nett und offen. Nicht alle, aber viele». Sie würden helfen und seien fröhlich. «Es entstehen auch Freundschaften. Mir gefällt es hier einfach», erklärt Regine Bebié.
Wenn man im Alter den Schritt in eine Altersinstitution machen müsse, sei es wichtig, neugierig und offen zu bleiben. «Was wir hier in der Schweiz in Bezug auf die Versorgung von alten Menschen haben, ist absolut einzigartig auf der Welt. Dafür muss man dankbar sein. Man muss aber auch einen Teil der persönlichen Freiheit aufgeben, um sich einzufügen», analysiert Regine Bebié und ergänzt: «Man muss jedoch auch Grenzen setzen, das ist nicht einfach. Es gibt hier keine existenziellen Probleme, aber Fragen, die einem zu schaffen machen». Zum Abschluss gibt Regine Bebié ihre Haltung dem Leben gegenüber preis: «Es passiert so viel auf der Welt. Schönes und Schreckliches. Aber halt auch Schönes, und dafür bin ich dankbar. So lange du lebst und atmest, musst du teilnehmen am Leben. Es ist ein Wunder, was es alles gibt!»
Anmerkung der Redaktion: Regine Bebié lebte von 2022 bis 2025 im Gesundheitszentrum für das Alter Limmat. Sie ist Ende 2025 verstorben. Ihre Lebensgeschichte bleibt für uns eine wertvolle Erinnerung. Wir veröffentlichen ihr Porträt weiterhin in Dankbarkeit und im Gedenken an sie.
Regine Bebié
16. Juni 2022 – November 2025