Edith, du hast vor über 16 Jahren als Praktikantin bei den Gesundheitszentren für das Alter Gehrenholz begonnen. Sehnst du dich nicht nach einem Tapetenwechsel?
Ganz ehrlich? Nein. Ich mag meinen Job im Langzeitsetting sehr.
Was hat dich damals überzeugt?
Eine Freundin, die vor mir hier arbeitete, meinte zu mir: «Komm unbedingt schnuppern – es ist wie bei Grey’s Anatomy!» (lacht) Ganz so ist es natürlich nicht, aber als ich 2009 mein Praktikum begonnen habe, war mir sofort klar: Das ist es. Spannende Aufgaben, Eigenverantwortung, viel Gestaltungsfreiheit: Für mich war es die perfekte Herausforderung. Ich habe dann im Sommer 2010 meine Lehre zur Fachfrau Gesundheit EFZ begonnen.
Haben sich deine Erwartungen an den Beruf erfüllt?
Nicht sofort. Ich hatte immer geglaubt, dass mir der Kontakt mit Menschen leichtfällt. Doch die Kommunikation mit den Bewohnenden entpuppte sich anfangs als ziemliche Herausforderung. Ich war jung und es fiel mit oft schwer, offen auf Menschen zuzugehen. Inzwischen gelingt mir das mühelos.
Welche Stationen hast du in deiner Karriere durchlaufen?
Nach der Lehre habe ich mich zur Diplomierten Pflegefachfrau HF ausbilden lassen. In dieser Rolle habe ich drei Jahre gearbeitet, bevor ich mich dann entschieden habe, ein berufsbegleitendes Bachelorstudium Pflege an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) zu absolvieren.
Warum ein Studium?
Ich wollte meine Fachkompetenzen erweitern. Parallel dazu habe ich im Gesundheitszentrum Gehrenholz eine zusätzliche Rolle als Fachbeauftragte Pflege übernommen. In dieser Funktion war ich Ansprechperson für das Team, habe in Absprache mit der Pflegeexpertin eigene Ideen umgesetzt und die Qualität der Pflegedokumentation sichergestellt. Und dann wurde im Sommer 2021 plötzlich die Stelle als Pflegeexpertin frei.
Das war für dich der nächste Schritt auf der Karriereleiter.
Genau. Wobei ich definitiv nicht aus Karrieregründen studiert habe. Ich habe einfach je länger je mehr gemerkt, dass die Pflege das ist, wofür ich brenne, und dass ich meine Kenntnisse vertiefen möchte. Als dann die Stelle als Pflegeexpertin frei wurde, war für mich klar: Ich bewerbe mich.
Hattest du keine Angst vor der Verantwortung?
Im Gegenteil! Ich mag es, Verantwortung zu übernehmen. Das und mein Ehrgeiz, mich weiterzuentwickeln, waren neben meiner fachlichen Expertise in der Pflege ausschlaggebend für meine Beförderung, wie ich später erfahren habe.
Du stecktest ja noch mitten im Studium. War dir das nicht alles zu viel?
Die Doppelbelastung war und ist tatsächlich nicht immer leicht. Aber ich muss beiden Seiten ein Kränzchen winden: Wenn im Gesundheitszentrum Land unter war, hat die Hochschule Verständnis gezeigt. Und wenn ich Unterricht hatte, hat mich der Betrieb ziehen lassen, was in Zeiten des Fachkräftemangels absolut keine Selbstverständlichkeit ist.
Welche Aufgaben hast du als Pflegeexpertin?
Meine Hauptaufgabe ist es, die Pflegequalität sicherzustellen. Das hört sich eindimensionaler an, als es ist, denn die Pflege befindet sich in einem steten Wandel. Laufend müssen Prozesse angepasst werden.
Zum Beispiel?
Ein grosses Thema ist die Digitalisierung. Heutzutage kommunizieren Bewohner*innen, die etwa infolge künstlicher Beatmung nicht oder nur mit Mühe sprechen können, über Tablets mit uns. So können sie uns ihre Wünsche und Bedürfnisse jederzeit mitteilen. Gleichzeitig beeinflusst die Technologie unseren Arbeitsalltag: Oft müssen wir, wenn wir im Verlauf eines Chats etwas nachfragen, die Antwort des Bewohners abwarten, bevor wir sein Anliegen weiterverfolgen können. Und Zeit ist in der Pflege ja ein allgegenwärtiges Thema. Meine Aufgabe in dieser Situation ist es, gemeinsam mit den Pflegenden zu überlegen, wie man den Tagesablauf an die neuen Gegebenheiten anpassen und dabei allen gerecht werden kann.
Welche Kompetenzen sind in deiner Rolle unentbehrlich?
Entscheidend ist, dass ich präsent bin. Dass mich die Pflegenden spüren und keine Hemmungen haben, auf mich zuzukommen. Als Pflegeexpertin kann man nicht einfach im Büro sitzen und Anweisungen aus der Ferne erteilen.
Gab es auch schwierige Momente?
Definitiv. Im Nachhinein weiss ich, dass ich am Anfang manchmal falsch reagiert habe. Ich erinnere mich daran, Massnahmen ergriffen zu haben, bevor ich mir ein vollumfängliches Bild gemacht hatte. Das hat einige Male zu unangenehmen Situationen geführt. Heute würde ich den Angelegenheiten zuerst nachgehen und herausfinden, was wirklich schiefgelaufen ist, bevor ich weitere Schritte einleite.
Hattest du manchmal Selbstzweifel?
Ja. Ich wusste, dass ich fachlich Vieles mitbringe. Aber die Rolle der Pflegeexpertin geht weit über Fachkompetenz hinaus: Man muss sich selbst reflektieren, immer wieder neue Wege gehen, neue Lösungen suchen. Die Rolle lebt extrem von der Person, die sie innehat.
Hast du damals ans Aufhören gedacht?
Nein, Aufgeben war für mich nie eine Option. Meine Freude an der Arbeit und meine Motivation haben immer überwogen. Und zum Glück hatte ich einen Coach an meiner Seite, der mir dabei geholfen hat, mich auf das Positive zu fokussieren. Ich habe viel gelernt in dieser Zeit.
Im Sommer schliesst du deinen Masterstudiengang Pflege ab. Was kommt dann?
Ich freue mich, mich endlich ganz auf meine Rolle als Pflegeexpertin konzentrieren zu können – ohne Doppelbelastung. Mich interessiert vor allem die fachliche Führung eines Teams. Ich glaube, was für mich den Reiz daran ausmacht, ist der kreative Aspekt: Wege zu finden, neue Richtlinien gemeinsam mit dem Team so umzusetzen, ohne dass sie den Pflegealltag verkomplizieren. Die Praxisnähe hat für mich einen hohen Stellenwert.
Viele sehen Pflege als Sackgasse.
Das Gegenteil ist der Fall! Es gibt unzählige Möglichkeiten, sich in der Pflege weiterzuentwickeln. Ich arbeite ja nur in einem von vielen Settings. Man kann sich auch auf andere Bereiche wie etwa Pflege Pädiatrie oder Akutpflege spezialisieren. Oder aber man vertieft sich nicht fachlich, sondern in Richtung Bildung oder Leitung. Der Pflegeberuf ist extrem vielseitig.
Was rätst du jungen Menschen, die heute in der Pflege starten?
Schaut euch verschiedene Settings in der Pflege an. Spital, Spitex, Langzeitpflege: Was passt am besten? Ich muss allerdings zugeben, dass ich das nie gemacht habe. Ich wusste schon früh, dass mein Herz für die Langzeitpflege schlägt.
Welche Botschaft möchtest du all jenen mitgeben, die Pflege nur als Job sehen?
Pflege ist viel mehr als nur ein Job. Pflege bedeutet, Verantwortung zu übernehmen, grosses fachliches Wissen anzuhäufen, vieles gleichzeitig zu managen. Es ist auch kein Aufopfern, wie viele meinen. Ich muss nicht beklatscht werden, um mich wertgeschätzt zu fühlen. Aber wenn eine Bewohnerin explizit nach mir fragt, weil ich ihr Sicherheit vermittle, oder wenn ich dank meiner Erfahrung merke, dass sich eine Bewohnerin unwohl fühlt: Dann weiss ich, dass ich im richtigen Job bin.