Seit mehr als 35 Jahren ist Renate Monego im Gesundheitswesen der Stadt Zürich tätig. Ihre berufliche Laufbahn führte sie von der Intensivpflege bis an die Spitze der Gesundheitszentren für das Alter, die sie seit 2021 als Direktorin leitet. Ende Februar geht die 63-Jährige in die Frühpension.
Renate Monego, dreieinhalb Jahrzehnte im Einsatz für die Stadt Zürich – mehr als das halbe Leben: Wie fühlt sich das an?
Ja, das ist tatsächlich verrückt, wenn man es so betrachtet. (lacht)
Wie hat alles begonnen?
Nach meiner Ausbildung in der Intensivpflege und einem zweijährigen Nachdiplomstudium habe ich 1990 als diplomierte Expertin Intensivpflege (NDS HF) im Stadtspital Zürich Triemli angefangen. Schon damals waren Pflegende sehr gefragt, ich konnte mir meine Stelle aussuchen. Ich habe mich bewusst für das Triemli entschieden, weil es als einzige Institution in Zürich über eine interdisziplinäre Intensivstation verfügte. Diese Vielfalt hat mich gereizt.
Wie ging es dann weiter?
Nach nicht einmal zwei Jahren habe ich die Gruppenleitung übernommen – meine erste Führungsfunktion. Das hat meine Neugier auf das grosse Ganze geweckt. Deshalb habe ich zusätzlich Arbeits- und Organisationspsychologie studiert, blieb dem Triemli aber stets verbunden, etwa als Nachtwache oder Springerin während der Semesterferien. Nach dem Studium wurde ich zunächst Leiterin Aus- und Weiterbildung und stellvertretende Pflegedienstleiterin, zwei Jahre später dann Pflegedienstleiterin und Mitglied der Spitalleitung.
Aber dabei ist es nicht geblieben.
Nein. Ich habe immer wieder neue Puzzleteile entdeckt, die mich interessiert haben. 2005 habe ich berufsbegleitend einen Executive MBA an der Universität St. Gallen absolviert, weil ich auch die wirtschaftlichen Zusammenhänge im Gesundheitswesen verstehen wollte. Nach weiteren Stationen als Direktorin der Städtischen Gesundheitsdienste und der damaligen Pflegezentren habe ich vor knapp sechs Jahren – beim Zusammenschluss der Alterszentren und Pflegezentren – meine heutige Funktion übernommen.
Wäre eine solche Karriere heute noch möglich?
Davon bin ich überzeugt. Zwar wird heute stärker auf formale Abschlüsse geachtet, gleichzeitig ist das Bildungssystem durchlässiger geworden. Wer bereit ist, Verantwortung zu tragen, zu gestalten und Führung zu übernehmen, kann mit einer Pflegeausbildung viel erreichen. Entscheidend ist ein innerer Antrieb, Zusammenhänge verstehen zu wollen und sich weiterzuentwickeln.
Woher kam ursprünglich die Idee, im Gesundheitswesen zu arbeiten?
Ich bin in einer Arbeiterfamilie aufgewachsen. Mein Vater träumte davon, Rettungssanitäter zu werden, und arbeitete später als Allrounder in der damaligen Höhenklinik Wald, dem heutigen RehaZentrum. Dort durfte ich 1979 ein Vorpraktikum auf einer Pflegestation machen – und war sofort begeistert.
Welche Erinnerungen sind noch präsent?
Die Station wurde von einer Ordensschwester geleitet, die mir viel beigebracht und mir Vertrauen geschenkt hat. Ich weiss noch genau, wie stolz ich war, als ich zum ersten Mal einen Rundgang machen und Puls, Blutdruck und Temperatur messen durfte.
Wie hat sich die Pflegelandschaft seither verändert?
Früher habe ich Patient*innen im Spital teilweise über mehrere Wochen hinweg betreut. Mit der Einführung der Fallpauschalen hat sich das grundlegend geändert. Der Druck, Menschen früher nach Hause zu entlassen oder in Pflegeheime zu verlegen, ist stark gestiegen, gleichzeitig wurden die Langzeitplätze in den Akutpsychiatrien abgeschafft und nicht schnell genug in der Langzeitpflege aufgebaut. Durch die massiv verkürzten Aufenthaltsdauern in den Akutkliniken ist längerfristige Beziehungsarbeit in der Pflege heute fast nur noch in Heimen möglich.
Was ist am berührendsten beim Besuch eines Gesundheitszentrums?
Für mich ist es das Herzblut, das ich überall spüre, wenn ich in ein Gesundheitszentrum komme: vom Empfang über die Hotellerie bis zur Pflege. Früher stand stärker das «Versorgen» im Vordergrund, heute achten wir viel mehr auf die individuellen Wünsche und Bedürfnisse unserer Bewohnenden – auch wenn institutionelle Grenzen bleiben.
Im Rückblick: War die Wahl des Berufes Pflege die richtige?
Ja, ohne Zögern. Ich weiss, wofür ich arbeite. In meiner Rolle trage ich Verantwortung für das Wohl der Mitarbeitenden ebenso wie für jenes der Bewohnenden. Durch mein Psychologiestudium habe ich gelernt, wie entscheidend gute Führung ist: Ein wertschätzendes und achtsames Umfeld bindet Menschen, und in Zeiten des Fachkräftemangels sind wir mehr denn je auf engagierte und zufriedene Mitarbeitende angewiesen.
Welche Fähigkeiten aus der Intensivpflege sind auch in einer Führungsposition unabdingbar?
In der Intensivpflege wie in der Führung galt für mich immer: Verantwortung übernehmen und nicht wegschauen. In kritischen Momenten muss man fähig sein, die Situation rasch einzuschätzen und handeln zu können. Dazu gehört auch die Kompetenz des vernetzten Denkens: Es ist entscheidend, Angehörige, Therapeut*innen oder Ärzt*innen im richtigen Moment einzubeziehen. Dieses Zusammenspiel hat mich immer fasziniert. Egal ob in der Pflege oder in der Direktion: Ich habe immer im Team gearbeitet. Auch als Direktorin kann ich die Gesundheitszentren nicht allein steuern.
Welche Stolpersteine gab es?
Ich war lange die einzige Frau in der Spitalleitung. Da braucht es gute Argumente, um gehört zu werden. Zudem wurde die Pflege lange primär als Kostenfaktor gesehen. Wie zentral sie für das Renommee eines Spitals ist, wurde erst später erkannt. Auch der Fachkräftemangel war ein ständiger Begleiter – und nicht selten mit schlaflosen Nächten verbunden.
Was zählt in einer Führungsrolle?
Im Austausch mit Mitarbeitenden war mir immer wichtig, zuzuhören und Menschen verstehen zu wollen. Ich bin eine grosse Verfechterin der Systemtheorie: Veränderungen funktionieren nur mit dem System, nicht dagegen. Man muss die Menschen mitnehmen und sie für ein Vorhaben gewinnen. Hinzu kommt eine gewisse Entscheidungsfreudigkeit. Das schafft Klarheit und Vertrauen.
Und bei Mitarbeitenden?
Als Führungsperson setze ich auf Eigenverantwortung. Es muss nicht alles über meinen Tisch gehen. Meine Erwartung an die Mitarbeitenden ist dagegen ein aktives Mitdenken und eigenständiges Handeln im Rahmen ihrer Ausbildung und Kompetenz.
Welche Werte sind nicht verhandelbar?
In der Führung zählen für mich Kollegialität und Loyalität. Teamwork und gemeinsam Verantwortung übernehmen sind das A und O. Im Kontakt mit den Bewohnenden und Mitarbeitenden ist es vor allem die Wertschätzung für den einzelnen Menschen. Ich hatte immer den Anspruch an mich, Bewohner*innen wie Mitarbeiter*innen auf Augenhöhe zu begegnen, sie als eigene Persönlichkeit anzuerkennen. Zu den schönsten Erlebnissen bei den Gesundheitszentren zählte für mich, mit einer Bewohnerin auf einer Bank sitzend ein paar Worte zu wechseln oder mit einem Mitarbeitenden der Reinigung einen Schwatz zu halten.
Was ist der Grund für die Frühpensionierung?
Der Zusammenschluss zu den Gesundheitszentren für das Alter ist abgeschlossen. Wir stehen solide da. Nun geht es darum, für die Herausforderungen der Zukunft fit zu bleiben. Das ist der richtige Zeitpunkt, um das Zepter zu übergeben. Mein Nachfolger Andy Leemann übernimmt ein starkes, engagiertes Team. Ich wünsche ihm Freude an dieser verantwortungsvollen Aufgabe und viel Erfolg für die kommenden Herausforderungen.
Was kommt als nächstes?
Ich freue mich darauf, wieder Herrin über meine eigene Zeit zu sein. Spontan auf den Bachtel zu wandern, wenn im Tal Nebel liegt. Freundinnen anzurufen und gemeinsam ins Kunsthaus zu gehen. Und auf längere Reisen. Im März geht es nach Südafrika.
Keine Angst, in ein Loch zu fallen?
Nein. Ich werde die Menschen hier vermissen, bin aber überzeugt, dass einige Kontakte erhalten bleiben werden.
Ein Tipp für junge Pflegende mit Führungsambitionen?
Traut euch. Seid mutig. Führung macht Spass – und man kann viel bewegen.