Stephanie Habegger ist diplomierte Pflegefachfrau HF und arbeitet seit Oktober 2024 im Gesundheitszentrum für das Alter Mattenhof auf einer spezialisierten Demenzabteilung.
Ihre Ausbildung als Fachfrau Hauswirtschaft hat Stephanie Habegger im Langzeitbereich absolviert. Weil sie danach keine Stelle fand, arbeitete sie im Service und trat in der Folge bereits mit 19 Jahren eine Festanstellung mit Führungsverantwortung in einer Institution für gehörlose Menschen an. Nach dem Bürofachdiplom, dem HF-Studium zur diplomierten Betriebsleiterin Facility Management und der Ausbildung zur Berufsbildnerin folgten verschiedene Positionen im mittleren und oberen Kader in Hotellerie und Hauswirtschaft im Sozial- und Langzeitbereich. Bevor sie sich für das HF-Studium in Pflege entschied, war Stephanie Habegger an zwei Standorten der Oase-Gruppe für alle Bereiche mit Ausnahme der Pflege sowie der Administration verantwortlich.
Stephanie, mit Institutionen der Langzeitpflege bist du seit deiner Lehre zur Fachfrau Hauswirtschaft vertraut. Hat dich die Pflege damals schon gereizt?
Die Pflege begleitet mich tatsächlich, seit ich 16 bin. Der Gedanke, eine Lehre als Fachfrau Gesundheit zu machen, war damals zwar da, ich fühlte mich jedoch noch nicht bereit. Mit der Wahl meines Ausbildungsbetriebs bin ich bewusst einen Schritt in diese Richtung gegangen. Gegen eine Lehre als Fachfrau Gesundheit hatte ich mich damals entschieden, weil ich mir den Umgang mit Themen wie Nähe-Distanz und Beziehungsaufbau und -abbruch in dem Alter noch nicht zugetraut hatte.
Der Gedanke hat dich aber nie ganz losgelassen, wann wurde er konkret?
Ich hatte in meiner beruflichen Laufbahn immer spannende Stellen, mit denen ich mich identifizieren und bei denen ich mich weiterentwickeln konnte. Zuletzt durfte ich für die Oase-Gruppe einen Standort von Grund auf mit aufbauen. Nachdem das geglückt war, die Teams eingespielt waren und die Zahlen stimmten, war der Moment passend, um in mich zu gehen und mich bewusst mit meiner beruflichen Zukunft auseinanderzusetzen. Ich war damals 30 und fragte mich, wo ich hinmöchte. Was kann ich mir für die Zukunft vorstellen? Vor dem Hintergrund meiner Führungserfahrung wäre eine Möglichkeit gewesen, mich in Betriebsökonomie weiterzubilden und Heimleiterin zu werden. Die andere Möglichkeit war der Schritt in die Pflege.
Welche Kriterien waren für deine Entscheidung ausschlaggebend?
Da ich eine Familie und Kinder möchte, ist mir eine gewisse Flexibilität wichtig. Zudem möchte ich meine Grundwerte wie Transparenz und Kongruenz leben und auch im Beruf ich selbst sein können. Ich kann mir nach wie vor vorstellen, irgendwann wieder den Weg in die Führung einzuschlagen oder vielleicht doch noch Heimleiterin zu werden. Aber an dem Punkt in meinem Leben hat mich die Pflege mehr gereizt. Ich wollte etwas Neues, etwas bei dem ich näher mit, für und an Menschen arbeiten kann. Also genau das auszuleben, was mich damals mit 16 Jahren davon abgehalten hatte, den Schritt in die Pflege machen. Ich war motiviert, mein Hirn mal wieder so richtig zu fordern. Ich bin belesen, informiere mich laufend zu verschiedenen Themen und hatte immer wieder Kurse besucht, aber die Schulbank hatte ich schon länger nicht mehr gedrückt. Und ich wusste, wenn ich das jetzt nicht mache, mache ich es nie mehr.
Du hast das Studium am Zentrum für Ausbildung im Gesundheitswesen (ZAG) absolviert. Was war der Grund dafür?
Ich hatte zwar bei meinen früheren Tätigkeiten schon Schnittstellen zur Pflege, trotzdem war es ein komplett neues Themenfeld für mich. Ich wollte verhindern, dass ich mich im Selbststudium zu sehr in gewisse Themen vertiefe – aus Unsicherheit darüber, was von mir erwartet wird. Am ZAG hatten wir viel Frontalunterricht mit klaren Leitplanken und eine enge Begleitung. Das war für mich optimal.
Wie hast du das Studium erlebt, entsprach es deinen Erwartungen?
Ja, im Grossen und Ganzen hatte ich es mir so vorgestellt. Im ersten Semester war ich ein bisschen überfordert. Ich besitze sehr viel Selbstdisziplin und habe hohe Erwartungen an mich. Dadurch hatte ich mir einen grossen Druck aufgebaut, den ich mir immer wieder selbst nehmen musste. Dabei halfen mir zwei inzwischen sehr gute Kolleginnen, die ich am ZAG kennengelernt hatte. Wir bildeten quasi ab Tag 1 eine Lerngruppe und unterstützen uns gegenseitig. Ich stellte fest, dass mein Hirn noch flotter unterwegs war, als ich mit 22 Jahren mein erstes HF-Studium absolviert hatte. Nun waren einige Jahre vergangen, und mit über 30 hatte ich das Lernen ein bisschen verlernt. Daher musste ich mich erst einmal mit dem Lernen selbst auseinandersetzen und mir neue Lernstrategien aneignen.
Worauf sollte im Studium deiner Meinung nach mehr Gewicht gelegt werden?
Man sollte genauer hinschauen, wer zum Studium zugelassen wird. Und zwar nicht in Bezug auf das Fachliche, sondern auf das Menschliche. Trotz oder gerade wegen des Fachkräftemangels ist es wichtig, grossen Wert auf die Sozialkompetenzen zu legen und die Messlatte nicht herabzusetzen. Ich bin der Meinung: Unangemessenes Verhalten darf nicht toleriert werden, sonst entwickeln sich im Beruf problematische Dynamiken, die den Fachkräftemangel langfristig verschärfen werden.
Wie hast du das Gesundheitszentrum für das Alter Mattenhof als Ausbildungsort erlebt?
Ich war sehr positiv überrascht. Man hatte mir zwar gesagt, was ich erwarten könne und was man mir bieten würde. Auf dem Papier klingt ja vieles toll, in der Praxis ist es aber dann doch oft ein bisschen anders. Das war hier nicht der Fall. Es war wirklich alles so, wie es mir mitgeteilt worden war: Ich wurde zum Beispiel auch während der Schulsemester sehr gut begleitet und hatte eine Ansprechperson im Betrieb.
Was hat dich besonders überzeugt?
Die Möglichkeit, Themen genauer anzuschauen. Mit dem Schulungszentrum Gesundheit SGZ verfügen die Gesundheitszentren über eine eigene Bildungsinstitution. Davon profitieren die Studierenden enorm. Komplexe Themen wie zum Beispiel Delir konnte ich im Rahmen von Kurstagen vertiefen. Überhaupt waren wir Studierende sehr gut eingebunden. Wir konnten nach jedem Praxissemester Rückmeldungen geben, die aufgenommen wurden. So hatten wir zum Beispiel geäussert, dass es schön wäre, wenn nicht alle Kurstage vorgegeben wären und die Studierenden ein bis zwei davon frei wählen könnten. Das wird nun umgesetzt. Dass man im Betrieb so auf die Ideen und Bedürfnisse der Studierenden eingeht, ist mit viel Engagement verbunden und ein Zeichen grosser Wertschätzung.
Auf welcher Abteilung hast du gearbeitet?
Ich war in jedem Praxissemester auf einer anderen Abteilung und konnte dadurch sehr viele Erfahrungen sammeln. Ich habe sehr geschätzt, dass ich immer mehr Verantwortung übernehmen durfte, je näher die Diplomierung rückte. Heute arbeite ich nochmals auf einer anderen Abteilung, und zwar auf einer spezialisierten Demenzabteilung. Mit dieser Abteilungsausrichtung hatte ich während des Studiums noch keine Erfahrung gesammelt.
Warum hast du dich für diese Abteilung entschieden?
Die Stelle wurde mir angeboten. Ich bin ein sehr offener Mensch, wollte mir aber unbedingt erst ein Bild machen und bat deshalb um drei Schnuppertage. Es ist nicht meine Art, blindlings zu etwa ja zu sagen, wenn ich keine Erfahrungswerte habe. Bereits nach dem ersten Tag war mir aber klar: Das passt. Im Oktober 2024 habe ich meine Stelle angetreten.
Was hat dich von der Abteilung überzeugt?
Die gelebte Offenheit und Flexibilität. Auf der Demenzabteilung muss man in der Lage sein, sich Situationen offen und immer wieder neu anzunehmen. Es gibt keine fixen Standards oder Abläufe, die stets gleich durchgeführt werden können. Vieles ist Gefühl. Man baut eine Verbindung auf, die über das Verbale hinausgeht. Es ist alles etwas anders. Dieses Bunte, Flexible gefällt mir sehr. Du kannst und musst dich bei der Arbeit als Mensch einbringen. Das ist sehr nah, vielseitig und echt. Etwas vorzuspielen, funktioniert hier nicht. Das heisst auch, dass man seine eigenen Grenzen und Möglichkeiten an jedem Tag kennen muss. Denn wenn es mir nicht gut geht, kann ich nicht alles so machen, wie ich es sollte und möchte. Ein Mensch mit demenzieller Diagnose spürt das und spiegelt es in seinem Verhalten wider. Es entsteht eine Wechselwirkung. Dessen muss man sich bewusst sein.
War dir vor der Arbeit auf der Demenzabteilung klar, dass du der Typ dafür bist?
Wenn ich an meine Motivationsschreiben und Selbstbeschreibungen von früher denke, kamen da immer schon Wörter wie Konfliktfähigkeit, Flexibilität und Herzlichkeit vor. Das zeichnet mich definitiv aus. Ich hätte mir damals aber nicht träumen lassen, wie sehr mir diese Eigenschaften heute nützen würden. Gerade bei der Arbeit mit Menschen mit demenziellen Diagnosen.
Wo siehst du dich in der Zukunft?
Der Bereich, in dem ich mein letztes Praxissemester absolviert habe, fasziniert mich schon länger: die Palliative Care. Ich könnte mir sehr gut vorstellen, mich irgendwann in dem Bereich weiterzubilden. Auch die Bildung interessiert mich sehr. Ich hatte mich deshalb bereits mit 24 Jahren zur Berufsbildnerin ausbilden lassen. Auch heute bin ich auf meiner Abteilung in der Berufsbildung tätig, das erfüllt mich. Den offiziellen Titel habe zwar ich noch nicht, aber ich mache gerade mein Zertifikat.
Was zeichnet dich in deiner Rolle als Berufsbildnerin aus?
Ich glaube, es ist eine Kombination aus Motivation, Einstehen für das, was mir wichtig ist, positiver Grundeinstellung, Transparenz und Kongruenz. Klarheit ist sehr wichtig: klare Erwartungen und Erwartungshaltungen. Und eine gute Fehlerkultur. Es gibt wenig Schlimmeres als eine ungesunde Fehlerkultur. Das macht so viel kaputt. Ich schätze es sehr, wenn mir mein Ruf respektive der Ruf der Abteilung vorauseilt und ich höre, dass Lernende und Studierende sich darüber freuen, bei uns einen Teil ihrer Ausbildung absolvieren zu können.
Was ist das Wichtigste, was Lernende und Studierende mitbringen müssen?
Die Klarheit darüber, warum sie etwas machen. Sei es für die Ausbildung als Ganzes, aber auch im Berufsalltag bei kleinen Entscheidungen. Nicht das Was oder das Wie stehen im Zentrum, sondern das Warum. Das besagt das Konzept des «Golden Circle» von Simon Sinek. Wenn du etwas aus einer intrinsischen Motivation heraus machst, ist das ein ganz anderes Arbeiten, Leben und Erleben, als wenn du extrinsisch motiviert bist. Ist das Warum nicht klar und man tut etwas aus den falschen Gründen, wirdʼs schwierig. Ich frage die Lernenden und Studierenden darum oft nach ihrem Warum für eine bestimmte Handlung. Es geht dabei nicht um Richtig oder Falsch. Ich möchte ihre Überlegungen verstehen. Das führt zu Reflexion und Entwicklung.
Aber was sind eigentlich die Vorteile und Chancen eines Quereinstiegs in die Pflege?
- Du erfährst Sinnhaftigkeit und Wertschätzung im Beruf.
- Pflegefachpersonen sind auf dem Arbeitsmarkt sehr gefragt. Dies gibt Sicherheit und bietet dir Flexibilität, dein Pensum zu reduzieren oder eine Auszeit zu nehmen, wenn es deine persönliche Situation erfordert.
- Die Gesundheitszentren bieten Quereinsteiger*innen, die mit beiden Beinen im Leben stehen und entsprechende Fixkosten haben, ein Einkommen, das die Lebenskosten deckt.
- In der Langzeitpflege hast du vielfältige Weiterentwicklungschancen und die Möglichkeit, Karriere zu machen.