Seit zwei Jahren arbeitet Martina D’Eramo als Berufsbildnerin Pflege, seit März in den Gesundheitszentren für das Alter Langgrüt und Mathysweg. Die 24-Jährige begleitet Lernende durch einen fordernden Pflegealltag, springt zwischen Anleitung, Organisation und offenen Türen hin und her – und erlebt dabei immer wieder Momente, die bleiben. Im Interview erzählt sie, was ihren Beruf so besonders macht.
Martina, wie sieht dein typischer Arbeitstag aus?
Mein Tag startet um sieben Uhr. Gemeinsam mit den Lernenden verschaffe ich mir als Erstes einen Überblick: Wer ist auf der Station? Was steht an? Wo braucht es besondere Aufmerksamkeit? Danach geht es direkt auf die Station. Ich begleite die Lernenden durch die Pflegerunde, beobachte, unterstütze und erkläre. Gerade am Morgen ist viel los, und es zeigt sich, wie sie mit Situationen umgehen.
Schaust du ihnen dabei eher über die Schulter oder packst du mit an?
Das kommt ganz auf den Ausbildungsstand an. Manchen muss ich etwas noch Schritt für Schritt vormachen, andere brauchen vor allem eine kurze Rückmeldung oder einen Hinweis. Gegen elf Uhr machen wir kurz Pause und schauen gemeinsam auf den Morgen zurück: Was ist gut gelaufen, wo gibt es Fragen, was müssen wir noch vertiefen? Mittags folgt dann der grosse Rapport: Wir ordnen den Vormittag ein und richten den Blick auf den Nachmittag.
Und wie sieht dieser Nachmittag aus?
Im besten Fall etwas ruhiger – zumindest theoretisch. Dann beantworte ich E-Mails, dokumentiere Rückmeldungen, plane Lerntage oder organisiere Informationsanlässe, an denen wir unsere Lehrberufe vorstellen. Einmal im Monat kommt noch die Teamsitzung dazu. Langweilig wird es also nicht.
Ein klassischer Büroalltag also.
Nur auf den ersten Blick. Meine Tür ist immer offen. Wenn jemand Hilfe beim Blutentnehmen braucht oder mit einem Anliegen hereinkommt, hat das Vorrang. Dann bleibt alles andere kurz liegen. Die Lernenden stehen für mich an erster Stelle.
Für wie viele Lernende trägst du die Verantwortung?
Wir sind zu zweit im Team der Berufsbildnerinnen, aber im Gesundheitszentrum Langgrüt trage ich die Hauptverantwortung. Dort begleite ich acht Lernende, darunter Fachpersonen Gesundheit, Assistent*innen Gesundheit und Soziales und Praktikant*innen. Im Mathysweg betreue ich zusätzlich drei Praktikant*innen und eine HF-Studierende.
Wie wichtig ist dabei das Team hinter dir?
Sehr wichtig. Es tut gut, sich austauschen zu können, gerade wenn Situationen anspruchsvoll sind. Nicht jeder Tag läuft gleich, und manchmal hilft schon ein kurzes Gespräch, um eine Sache besser einzuordnen. Wenn es knifflig wird, können wir uns zudem an die Berufsbildungsverantwortlichen wenden. Dieses Netz im Hintergrund ist viel wert.
Welche Herausforderungen begegnen dir im Alltag am häufigsten?
Herausfordernd ist vor allem, dass man nur bedingt planen kann. Man weiss morgens nie genau, wie der Tag am Abend aussieht. Vielleicht fällt jemand krankheitsbedingt aus, vielleicht muss ich kurzfristig im anderen Gesundheitszentrum einspringen. Und auch mit den Lernenden läuft nicht immer alles reibungslos. Viele sind jung, mitten in einer intensiven Lebensphase und bringen ihre Themen mit. Dann geht es darum zuzuhören, die Situation ernst zu nehmen und gemeinsam eine Lösung zu finden.
Warum bist du Berufsbildnerin geworden?
Weil mich Berufsbildner*innen schon früh beeindruckt haben – in meiner Lehre als Fachfrau Gesundheit genauso wie später in der HF-Ausbildung. Ich fand spannend, wie unterschiedlich Menschen Wissen weitergeben und wie prägend gute Begleitung sein kann. Irgendwann war für mich klar: Genau in diese Richtung möchte ich gehen.
Was macht deinen Beruf für dich bis heute so spannend?
Ganz klar die Arbeit mit jungen Menschen. Keine lernende Person ist wie die andere. Die eine lernt visuell, die andere schreibt alles mit, die nächste versteht etwas erst richtig, wenn sie es einmal gesehen hat. Mich fasziniert diese Vielfalt. Sie zwingt mich dazu, offen, flexibel und kreativ zu bleiben. Das mag ich.
Was ist dir in der Zusammenarbeit mit Lernenden besonders wichtig?
Kommunikation auf Augenhöhe. Ich möchte, dass die Lernenden spüren: Sie dürfen mit allem zu mir kommen. Vertrauen entsteht nicht von heute auf morgen, vor allem nicht am Anfang. Ich erinnere mich an eine Lernende, die oft schlecht gelaunt wirkte und lange nichts sagen wollte. Irgendwann hat sie sich geöffnet. Da wurde vieles verständlicher und wir konnten gemeinsam schauen, wie ihr Arbeitsalltag trotz privater Belastung tragbar bleibt.
Gibt es einen Moment, der dir besonders in Erinnerung geblieben ist?
Ja, eine Lernende, die anfangs sehr unmotiviert war. Es hat mich viel Geduld, Zeit und Energie gekostet, sie zu erreichen. Und dann kam dieser Punkt, an dem sie plötzlich aufblühte. Das mitzuerleben, war unglaublich schön. Am Tag ihrer Abschlussprüfung schrieb sie mir, sie habe sich noch nie so sicher gefühlt wie an diesem Morgen. Solche Nachrichten vergisst man nicht.
Welche Eigenschaften braucht es aus deiner Sicht für diesen Beruf?
Empathie, Geduld und eine klare Kommunikation. Ein Sinn für Humor hilft ebenfalls sehr. Und man muss wirklich gern mit Jugendlichen arbeiten. Sie fordern einen heraus, brauchen Zeit und stellen Fragen – und das ist richtig so. Schliesslich investieren wir in die Menschen, die die Pflege von morgen mittragen.
Was motiviert dich persönlich jeden Tag?
Zu sehen, wie Lernende wachsen. Wenn jemand plötzlich sicherer wird, Verantwortung übernimmt oder über sich hinauswächst, motiviert mich das. Es ist ein schönes Gefühl, ein Stück dieses Weges mitgehen zu dürfen. Und ehrlich gesagt: Ihre Dankbarkeit berührt mich oft sehr.
Würdest du dich wieder für diesen Weg entscheiden?
Sofort. Ursprünglich dachte ich, ich würde mich einmal auf Palliativpflege spezialisieren. Erst im Studium habe ich gemerkt, wie sehr mich die Arbeit mit Jugendlichen reizt. Heute weiss ich: Diese Entscheidung war genau richtig.