Seit 2019 arbeiten die dipl. Pflegefachfrauen Elke Schäffler (46) und Manuela Gretsch (57) im Gesundheitszentrum für das Alter Entlisberg. Die beiden Quereinsteigerinnen sind nicht nur Arbeitskolleginnen, sondern seit Beginn ihrer HF-Ausbildung auch Freundinnen. Und so haben sie Ende 2025 gemeinsam den zweieinhalbtägigen Kurs «Resilienz – stärken Sie Ihre Ressourcen» in Morschach besucht, der sich am Zürcher Ressourcen Modell orientiert. Im Interview erzählen sie, was sie daraus mitgenommen haben und warum Resilienz im Berufsalltag weit mehr ist als Theorie.
Warum habt ihr euch für den Kurs angemeldet?
Elke Schäffler (ES): Das Thema Resilienz begleitet uns schon seit dem HF-Studium. Wie haben damals beide unsere Abschlussprüfung dazu gemacht – wir sind gute Lernbuddies.
Manuela Gretsch (MG): Wenn man jahrelang im gleichen Beruf arbeitet, kann man leicht in einen Alltagstrott geraten. Das wollten wir auf keinen Fall. Uns war immer wichtig, motiviert und stark zu bleiben. Da kam der Kurs wie gerufen.
Was ist euch vom Kurs besonders geblieben?
ES: Gleich am ersten Tag sollten wir ein Bild auswählen, das uns anspricht. Zuerst war ich irritiert, dann fiel mein Blick auf eine lachende Frau auf einer Vespa, die die Füsse in die Höhe wirft. Dieses Bild hat mich sofort gepackt. Aus den Bildern haben wir einen Leitsatz entwickelt, der uns Kraft gibt. Meiner lautete «Ich bin ich, echt und stark.»
MG: Auf meinem Bild war nur Wasser zu sehen. Wasser ist wild und lebendig – wie ich. Ich erinnere mich nicht mehr wortgetreu an meinen Satz, aber ich weiss noch, worum es ging: Ich will meine Energie nicht nach aussen tragen, sondern in mich gehen, meine Kräfte bündeln und so zu einer Lösung kommen. Dazu gehört für mich auch, loslassen zu können.
Wie meinst du das?
MG: Ich habe gelernt, dass nicht immer alles so laufen muss, wie ich es mir vorstelle. Dass ich meinen Mitarbeitenden mehr Vertrauen entgegenbringen muss. Nur weil sie es anders machen, heisst das nicht, dass es nicht funktioniert. Anders gesagt: Das Leben läuft auch ohne mich.
Wann habt ihr gemerkt, dass der Kurs auch im Alltag wirklich etwas bringt?
MG: Noch während des Aufenthalts in Morschach. Elke und ich hatten vereinbart, vor dem Kurs jeweils Sport zu machen. Am zweiten Morgen merkte ich, dass Elke schon ohne mich ins Fitnessstudio gegangen war. Zuerst war ich enttäuscht, aber dann habe ich sie darauf angesprochen. Und siehe da: Sie hatte mich nicht wecken wollen und mir eine Nachricht geschrieben, die ich nicht gesehen hatte. In diesem Moment habe ich verstanden, dass wir alle freie Menschen sind, und meine Wertschätzung ist gewachsen.
ES: Auch bei mir gab es während des Kurswochenendes einen Aha-Moment. Am letzten Tag sollten wir uns in der Natur etwas suchen, das uns an unseren Leitsatz erinnert. Es hat aber so stark geschneit, dass ich statt in den Wald in den Hotelshop ging, wo grosse Tannenzapfen als Dekoration standen. Die Verkäuferin schien nicht gerade beste Laune zu haben, und es kostete mich enorme Überwindung zu fragen, ob ich mir für ein paar Stunden einen Zapfen ausleihen dürfte. Es war überhaupt kein Problem. Heute fällt mir so etwas leichter. Wie Manuela sagt: Man muss anderen Menschen mehr vertrauen.
Wie zeigt sich das Gelernte heute in eurem Pflegealltag?
ES: Ich merke schneller, was ich brauche, und spreche es eher aus. Nicht nur im Pflegealltag, sondern auch privat. Gestern Abend hatte ich nach einem anstrengenden Arbeitstag das Bedürfnis nach Ruhe. Früher hätte ich lange um den heissen Brei herumgeredet, diesmal habe ich nach kurzem Reflektieren einfach gesagt, was ich brauche. Aber es gibt noch Luft nach oben.
MG: Ich arbeite auf einer gerontopsychiatrischen Station für Menschen mit Abhängigkeiten. Manche Bewohnende wiederholen sich unzählige Male, und das bringt mich manchmal auf die Palme. Seit dem Kurs halte ich in solchen Momenten kurz inne. Ich sage mir dann, dass dieses Verhalten nicht gegen mich gerichtet ist, sondern mit Ängsten und Bedürfnissen zu tun hat. Dieses Einordnen hilft mir, geduldiger zu sein und schwierige Situationen besser zu handhaben.
ES: Resilienz-Modelle helfen, Dinge zu verstehen. Aber echte Resilienz muss man verinnerlichen. Man muss sich selbst mit allen Stärken und Schwächen annehmen und sich dann fragen: Wie gehe ich weiter? Wie kann ich stark sein, auch wenn in meinem Umfeld vielleicht nie jemand an mich geglaubt hat? Es klingt poetisch, aber man muss die theoretischen Faktoren in sich selbst zum Blühen bringen.
Was fordert euch im Berufsalltag am meisten?
ES: Ganz klar der Personalmangel. Wenn jemand krank ist, müssen wir das irgendwie auffangen. Früher hat mich das den ganzen Tag gestresst. Heute rege ich mich immer noch auf, aber nur kurz. Dann atme ich tief durch und mache weiter. Solche Stresssituationen nehme ich inzwischen auch weniger mit nach Hause.
MG: Am schwierigsten ist es für mich, wenn ich im Spätdienst oder am Wochenende allein auf der Station bin. Wenn dann nicht alles reibungslos läuft, schalte ich auf Funktionieren um. Ich sage mir: Du hast schon so vieles geschafft, du wirst auch das schaffen. Du trägst die Verantwortung für die Bewohnenden.
ES: Ich habe ausserdem gelernt, Prioritäten zu setzen und meinen Perfektionismus abzulegen. Kürzlich rief eine Angehörige hysterisch wegen ihres Vaters an. Ich liess die anderen Bewohnenden, die gerade beim Essen waren, kurz allein, weil es dringend war. Und es war wider Erwarten überhaupt kein Problem – im Gegenteil: Sie hatten eher Mitleid, dass ich so viel um die Ohren hatte.
In welchen Situationen stosst ihr trotz allem an eure Grenzen?
MG: Mir fällt es manchmal schwer, mich von den Bewohnenden abzugrenzen. Ich nehme mir ihre Äusserungen oder ihr Verhalten mitunter zu sehr zu Herzen. Dabei weiss ich. Dass ich schwierige Aussagen oder Reaktionen einzig und allein an mein Pflegefachfrau-Herz heranlassen sollte.
ES: Ich habe lernen müssen, mich zu distanzieren, wenn die Nähe zu gross wird. Das war die Lehre aus meiner engen Beziehung zu einer Bewohnenden, deren Tod mir sehr nahe ging. Dass sie schon hundert war, spielte keine Rolle.
Funktioniert Resilienz immer?
ES: Nein. Wenn ich schlecht geschlafen habe, bin ich am nächsten Tag dünnhäutig.
MG: Bei mir ist es genau gleich. Wenn ich am nächsten Tag Frühdienst habe, gehe ich spätestens um zehn Uhr ins Bett.
Was hilft euch, nach einem schweren Dienst wieder bei euch selbst anzukommen?
ES: Naturerlebnisse, Waldspaziergänge, Hörbücher.
MG: Bei mir ist es vor allem der Sport. Freundinnen zu treffen, hilft ebenfalls, um abzuschalten.
Hat der Kurs auch eure Haltung zu euch selbst verändert?
ES: Ich habe schon immer sehr auf Ernährung geachtet, um stark und gesund zu bleiben. Durch den Kurs ist mir noch klarer geworden, dass ich auch mein Inneres, meine Seele stärken muss – durch Resilienz und Selbstachtung.
MG: Man muss bewusst auf sich selbst hören und lieb zu sich selbst sein. Und es ist wichtig, sich auf den Moment zu fokussieren: Wenn ich arbeite, arbeite ich. Wenn ich Freunde treffe, treffe ich Freunde. Die Work-Life-Balance muss stimmen.
Und wie geht ihr mit erschöpften Arbeitskolleg*innen um?
MG: Ich nehme sie möglichst unauffällig aus der Situation. Zum Beispiel frage ich, ob sie mir kurz im Büro helfen kann. Oft reicht schon eine Viertelstunde, um neue Energie zu tanken.
ES: Ich bespreche schon am Morgen im Team, wer wofür zuständig ist. Eine Mitarbeiterin ist sehr gewissenhaft und lädt sich dadurch oft zu viel auf. Ich sage ihr dann, dass ein benutztes Glas auch mal stehen bleiben oder ein Bewohner auch einmal drei Minuten warten kann.
MG: Wichtig ist auch, dass man vorausschauend arbeitet, gut kommuniziert und die Aufgaben sauber übergibt. Ein sorgfältiger Rapport ist häufig die halbe Miete.