Seit über zehn Jahren unterrichtet Gabi Burkhalter Deutsch am Schulungszentrum Gesundheit (SGZ Campus) – ein kostenloses Angebot für Mitarbeitende der Gesundheitszentren für das Alter. Die 55-Jährige hat selbst eine Ausbildung als Pflegefachfrau absolviert und jahrelang in der Pflege gearbeitet. Für sie ist klar: Sprachkompetenz ist in der Pflege fast ebenso wichtig wie Fachkompetenz. Im Werkstattunterricht, einem neu entwickelten Modell des Spracherwerbs mit praktisch-fachlichem Fokus, sieht sie grosse Chancen.
Gabi, du hast ursprünglich Pflegefachfrau gelernt und lange in diesem Beruf gearbeitet. Wie bist du zur Sprachkursleiterin geworden?
Nach meiner Zeit in der Pflege habe ich zehn Jahre im Ausland gelebt, weil mein Mann dort verschiedene berufliche Posten innehatte. In dieser Zeit bin ich auch Mutter geworden. Als wir später als Familie in die Schweiz zurückkehrten, wollte ich etwas Vertrautes mit etwas Neuem verbinden: meine Liebe zur Pflege und meine Leidenschaft für Sprache.
Wie hast du diesen Weg konkret eingeschlagen?
Ich habe mich beim Schweizerischen Verband für Weiterbildung zur zertifizierten Kursleiterin in der Erwachsenenbildung ausbilden lassen. Zusätzlich habe ich eine umfassende sprachliche Ausbildung an der Schule für Angewandte Linguistik absolviert. Parallel dazu habe ich meine Stelle als Kursleiterin für fachspezifisches Deutsch am SGZ angetreten.
Hat dich die Arbeit von Anfang an begeistert?
Ja, absolut. Am Anfang waren wir zu zweit, und die Kurse waren nach Berufen aufgeteilt. Ich war vor allem für die Pflege verantwortlich, meine Kollegin für Hauswirtschaft und Reinigung. Mit der Zeit haben wir jedoch gemerkt, wie schwierig es ist, in solchen Gruppen unterschiedliche Sprachniveaus aufzufangen. Deshalb haben wir das System umgestellt und unterrichten heute nicht mehr nach Berufsbildern, sondern nach Sprachniveaus. Ich bin dabei für das Niveau B2/C1 zuständig.
Warum ist Sprache im Pflegealltag so zentral?
Ohne Sprache geht es nicht. Ob in der Pflege, in der Reinigung oder in der Freiwilligenarbeit: Die Kommunikation muss funktionieren. Untereinander, aber natürlich auch mit den Bewohnenden und den Angehörigen. Das ist das eine. Das andere ist die reibungslose und korrekte Weitergabe von Informationen. Nur so lassen sich Missverständnisse vermeiden, sei es intern oder im Kontakt mit anderen Abteilungen oder auch mit den Krankenkassen.
Was heisst das konkret im Arbeitsalltag?
Pflege ist kein Bürojob. Sie lebt von reibungslosen Übergaben, denn die Arbeit geht immer weiter. Gute Kommunikation ist entscheidend. Wenn ich mich bei Rapporten und in der Dokumentation präzise ausdrücken kann und niemand nachfragen muss, spart das Zeit und verhindert im besten Fall Missverständnisse. Davon profitieren am Ende die Bewohnenden.
Gibt es Beispiele, an denen man sieht, wie entscheidend sprachliche Präzision ist?
Absolut. Kleine Fehler können grosse Folgen haben. Es macht zum Beispiel einen wichtigen Unterschied, ob eine Pflegefachperson schreibt: «Der Bewohner konnte aufstehen» oder «Der Bewohner könnte aufstehen». Das bedeutet nicht dasselbe. Aus meiner Zeit in der Pflege erinnere ich mich auch an eine Fachfrau Gesundheit, die über eine Bewohnerin, die sich die Haare nicht waschen lassen wollte, schrieb: «Vorfall der Tagesverantwortlichen angemeldet.» Gemeint war «gemeldet». Das wirkt vielleicht wie eine Lappalie. Aber wenn ohnehin alles schnell gehen muss und man etwas nicht sofort versteht, ist das ärgerlich.
Inwiefern hilft Sprachkompetenz dabei, als kompetente Fachperson wahrgenommen zu werden?
Sprachkompetenz ist eine Schlüsselkompetenz. Gerade bei fremdsprachigem Personal reicht Fachkompetenz allein oft nicht aus. Wenn ich mich nicht verständlich ausdrücken kann, kommt mein fachliches Wissen unter Umständen gar nicht zur Geltung. Im schlimmsten Fall wird mir meine Qualifikation abgesprochen, obwohl das eigentliche Problem nur die Sprache ist. Anerkennung setzt also oft Sprachkompetenz voraus – ob das nun fair ist oder nicht.
Ist Sprachkompetenz auch eine Voraussetzung für berufliche Weiterentwicklung?
Auf jeden Fall. Der Wunsch, sich weiterzuentwickeln, ist sicher einer der Hauptgründe für den Kursbesuch. Für die Ausbildung zur Fachfrau Gesundheit wird zum Beispiel ein Sprachniveau B1 vorausgesetzt. Wer die Ausbildung zur diplomierten Pflegefachperson HF machen möchte, muss mindestens Niveau B2 mitbringen. Fachspezifisches Deutsch muss verstanden und angewendet werden können. Jede Kompetenzstufe hängt also auch mit einem bestimmten Sprachniveau zusammen – und das motiviert viele.
Welche Rolle spielt Sprache im Kontakt mit Angehörigen?
Gerade im Gespräch mit Angehörigen ist sensible Kommunikation wichtig. «Ihre Mutter war heute faul» ist ganz sicher keine passende Formulierung. Im Unterricht vermittle ich deshalb alternative Begriffe wie «müde» oder «erschöpft». Man muss vorsichtig sein mit negativ konnotierten Wörtern und allzu saloppen Ausdrücken – auch um der Seriosität willen.
Was zeichnet das Deutschkurs-Angebot der Gesundheitszentren für das Alter aus?
Deutschkurse im Gesundheitsbereich gibt es auch anderswo. Besonders ist bei uns das neue Modell der Sprachvermittlung: Wir arbeiten nicht nach Lehrbuch, sondern orientieren uns an den individuellen Bedürfnissen der Teilnehmenden.
Was bedeutet das konkret?
Statt frontal zu unterrichten und den Lernstoff vorzugeben, sind die Kursteilnehmenden aufgefordert, ihre Bedürfnisse einzubringen. Nicht ich bestimme, was gelernt wird, sondern sie formulieren, wo sie sprachlich Unterstützung brauchen. Ziel ist es, gemeinsam auf ihre jeweilige Situation einzugehen.
Und das funktioniert?
Ich finde das Konzept gut, weil wir damit das klassische Problem umgehen, dass sich ein Teil der Gruppe langweilt, während ein anderer nicht mitkommt. In diesem sogenannten Werkstattunterricht bin ich nicht an einen starren Stoffplan gebunden. Das schafft Raum für spontane Diskussionen, von denen die Teilnehmenden gegenseitig profitieren. Gleichzeitig stehen wir mit diesem Unterrichtsmodell noch am Anfang. Viele wissen zunächst gar nicht genau, wo ihre sprachlichen Schwierigkeiten im Alltag liegen und worauf sie den Fokus legen sollten. Vor allem für Menschen aus Kulturen, in denen Frontalunterricht üblich ist, ist das anspruchsvoll. Es braucht mehr Eigeninitiative und mehr Engagement – bloss mitzuschreiben, reicht nicht.
Das erinnert ein wenig an ein Fitnessstudio: Zuerst muss ich wissen, welche Muskeln ich trainieren will, bevor mir jemand die passenden Übungen zeigen kann.
Genau. Oder wie im Restaurant: Erst wenn ich sage, worauf ich Hunger habe, kann mir der Service etwas Passendes empfehlen. Das ist herausfordernd.
Vor allem nach einem langen Arbeitstag.
Ja. Die Kurse sind für die Teilnehmenden zwar kostenlos, aber sie investieren dafür ihre Freizeit. Für die einen bilden die Abendkurse den Abschluss eines langen Arbeitstags, für die anderen den Auftakt zur Nachtwache. Das ist anspruchsvoll. Ich ziehe den Hut vor den Kursteilnehmenden.