Die Polizei gilt als Männerdomäne. Um Gleichstellung nachhaltig zu verankern, braucht es einen Kulturwandel sowie organisatorische Massnahmen. Das erfordert Zeit, Engagement – und einen breiten Rücken. Das weiss keine besser als Andrea Jug-Höhener. Sie ist seit September 2022 Chefin der Kriminalabteilung der Stadtpolizei Zürich. «Gleichstellung war für mich persönlich nie ein grosses Thema», sagt Jug-Höhener. «Bei der Stadtpolizei Zürich wurde mir jedoch schnell klar: Hier müssen wir etwas verändern.» Frauen sind in allen Funktionsstufen unterrepräsentiert, sie erhalten weniger Gehör und sind in Formularen sowie Handbüchern teilweise unsichtbar. Bei ihrem Dienstantritt war sie die einzige Offizierin im Korps. Für sie war daher klar: «Wenn ich mich nicht darum kümmere, wer dann?».
Gemeinsam mit dem Verein LadyPol, der sich für die Vernetzung von Frauen innerhalb der Stadtpolizei einsetzt, dem Chef HR und dem Kommandanten lud Jug-Höhener alle Mitarbeiterinnen zum Austausch ein. Ziel war es, die weiblichen Stimmen und Anliegen möglichst breit einzufangen. Die Rückmeldungen reichten von belästigenden Situationen im Uniformdienst über fehlende Rollenbilder bis hin zur Forderung nach flexibleren Arbeitszeiten und einer inklusiven Sprache. «Vieles ist dabei kulturell bedingt, anderes ist systemisch», erklärt Jug-Höhener. Es brauche daher auch verschiedene Hebel: Organisatorisch-strukturelle Massnahmen gehören genauso dazu, wie ein Kulturwandel.
Heute befassen sich verschiedene Arbeitsgruppen mit konkreten organisatorisch-strukturellen Themen, wie beispielsweise Schwangerschaft. Hier brauche es klare Prozesse, Anlaufstellen und eine wertschätzende Informationskette. Andere Arbeitsgruppen befassen sich mit organisatorischen Aspekten und Prozessen rund um Job- und Top-Sharing-Modelle oder auch der Kinderbetreuung im Schichtdienst sowie bei kurzfristigen Einsätzen. «Bei uns arbeiten auch viele Paare. Sind beide im Dienst, wird es mit der Kinderbetreuung schwierig. Hier müssen wir proaktiv Lösungen finden.»
Mit Erfolg: In der Stabsabteilung und in der Kriminalabteilung konnten bislang zwei Top-Sharings umgesetzt werden. Auch die Anzahl an Bewerbungen von Frauen steige: «Ich beobachte heute so etwas wie eine Bewegung», erzählt Jug-Höhener. «Es gibt generell mehr Bewerbungen von Frauen, auch im mittleren und höheren Kader. Ab und zu kommen auch Frauen direkt auf mich zu, wenn eine Führungsposition frei wird, und positionieren sich aktiv. Das freut mich, denn genau dafür machen wir das alles.»
Mit organisatorischen Massnahmen alleine sei es aber nicht getan, betont Jug-Höhener: Auch die männlich geprägte Kultur muss mitziehen. Und insbesondere das sei eine Führungsaufgabe. In Zusammenarbeit mit der Universität St. Gallen führte die Stadtpolizei deshalb im Jahr 2024 mit allen Führungskräften eine Befragung zum Thema Gleichstellung durch. Das Projekt «Leaders for Equality» geht vom Grundsatz aus, dass Gleichstellung nur gelingt, wenn männliche Führungskräfte mit an Bord sind. Die grosse Umfrage spiegelte unter anderem deren Selbstbild und zeigte, dass gerade Männer in Führungspositionen andere Perspektiven und Blickwinkel auf die Gleichstellung haben und ihren Führungsstil bislang weniger hinterfragen. «Um diese Diskrepanz zu schmälern, haben wir unter anderem Dialogformate und Führungsweiterbildungen für alle Führungskräfte eingeführt», sagt Jug-Höhener. Sie kommt hier auch auf die unterschiedlichen Lebensrealitäten von Männern und Frauen zu sprechen: Männer kommen oft früher und natürlicher mit Führungsrollen in Berührung – etwa im Militär, in Zünften oder Studentenverbindungen. «Ich ermutige Frauen deshalb: Geht an Apéros, vereinbart ein Mittagsessen mit Vorgesetzten und vernetzt euch untereinander: Sichtbarkeit entsteht nicht von allein», so die Kriminalpolizeichefin.
Rückenwind erhält Jug-Höhener unter anderem durch den Gleichstellungsplan der Stadt Zürich: Er schaffe Legitimation und Ressourcen, um die Gleichstellung bei der Stadtpolizei voranzubringen. Auch die Unterstützung aus dem Sicherheitsdepartement sei unverzichtbar. Stadträtin Karin Rykart helfe bei der Verankerung der Gleichstellungsarbeit genauso mit, wie Sparring-Partner*innen aus anderen Blaulichtorganisationen.
Für die nächste Halbzeit des aktuellen Gleichstellungsplans wünscht sich Jug-Höhener, dass die departementsübergreifende Zusammenarbeit weiterwächst und gestärkt wird. Und dass das Thema Gleichstellung zur Selbstverständlichkeit wird. «Gleichstellung ist kein Zustand, sondern erfordert Engagement. Je öfter wir das Thema ansprechen, desto eher wird sie ein selbstverständlicher Teil unserer Kultur.» Während Jug-Höhener gerade zu Beginn noch einigen Widerstand erlebte, so werde das Thema Gleichstellung heute weniger emotional diskutiert. «Inzwischen gehört es dazu, es regt kaum noch auf, sondern wird bearbeitet. Wir sind auf gutem Weg», konkludiert sie.
Andrea Jug-Höhener ist seit Herbst 2022 Chefin Kriminalpolizei und zweite stellvertretende Kommandantin bei der Stadtpolizei Zürich. Zuvor leitete sie die Ermittlungsabteilung Wirtschaftskriminalität bei der Kantonspolizei Zürich und arbeitete als Staatsanwältin und Rechtsanwältin.