Eine Stunde. So viel Zeit hat Oberärztin Barbara Bass, wenn sie mit schwangeren Frauen spricht, die psychische oder psychosoziale Belastungen mitbringen und in der Frauenklinik des Stadtspitals Zürich Triemli eine Geburt planen. Was nach wenig klingt, ist im hektischen Spitalalltag kostbare Zeit. Denn sie ermöglicht Gespräche, in denen Fragen gestellt werden, die sonst oft ungefragt bleiben. Eine davon lautet: «Erleben Sie zuhause Gewalt?»
Genau diese Frage gehört in der Frauenklinik des Stadtspitals Zürich Triemli seit über 20 Jahren zum Alltag. «Im Rahmen unseres Screenings befragen wir jede Frau, ob sie häuslicher Gewalt ausgesetzt ist, unabhängig von ihrem Hintergrund», erklärt Barbara Bass. Sie hat die Leitung der psychosomatischen Gynäkologie und Geburtshilfe inne und den Aufbau sowie die Weiterentwicklung des Screenings massgeblich geprägt. «Es ist mir wichtig, dass die Frauen und auch unser Personal wissen: Wir stigmatisieren niemanden. Deshalb sage ich immer, dass wir diese Frage allen Patientinnen stellen», so Bass. Das schaffe Vertrauen – und habe schon viele Türen geöffnet.
So erinnert sich Barbara Bass an eine Patientin, die erst durch die direkte Frage ins Nachdenken kam. «Sie erzählte mir, dass sie keine körperliche Gewalt erlebe, aber ihr Mann ein starkes Kontrollverhalten habe», erzählt Bass. Zuvor habe die Patientin bereits viel von ihrem Mann erzählt, sei jedoch nicht auf dieses Kontrollverhalten zu sprechen gekommen. «Ich habe ihr gesagt, dass das, was sie erlebt, psychische Gewalt ist. Allein diese Benennung kann viel bewirken, sie wissen, dass wir sie ernst nehmen.»
Doch gerade bei jüngeren Arbeitskolleg*innen erfordere das Stellen dieser Frage Mut, denn: «Menschen, die im Gesundheitswesen arbeiten, sind lösungsorientiert. Wir wollen helfen. Deshalb haben viele das Gefühl, dass wir sofort eine Antwort oder Lösung bieten müssen», betont sie. Das könne überfordern. «Und wer sich überfordert fühlt, fragt irgendwann nicht mehr – aus Angst vor der Antwort.»
In den obligatorischen Schulungen für neue Mitarbeitende der Frauenklinik, die auch im Gleichstellungsplan 2024–2027 der Stadt Zürich verankert sind, betont Bass deshalb stets: Es geht nicht darum, Probleme sofort zu lösen, sondern sie wahr- und ernst zu nehmen.
Um die Mitarbeitenden zusätzlich zu unterstützen und dem Thema mehr Raum zu geben, führte Bass vor rund zehn Jahren ein interdisziplinäres und multiprofessionelles Board für psychisch und psychosozial belastete Schwangere ein. Dieses dient als Austauschforum zur Behandlung von Patient*innen – und ist beispielsweise in der Onkologie schon lange Standard. Ärzt*innen, Hebammen, Psycholog*innen und Sozialarbeitende besprechen dort regelmässig Fälle mit psychosozialer Belastung, darunter auch häusliche Gewalt. «Das heisst, wenn wir eine schwangere Frau haben, bei der häusliche Gewalt ein Thema ist, besprechen wir den Fall gemeinsam und überlegen, welche weiteren Schritte sinnvoll sind», erklärt Bass.
«Niemand muss solche Themen alleine tragen», betont sie. «Wer etwas beobachtet oder erfährt, kann es ans Board weitergeben – und darauf vertrauen, dass es professionell aufgenommen wird.» Das entlaste Pflegende, Hebammen und Ärzt*innen enorm und ermutige sie zugleich, die Frage nach der häuslichen Gewalt tatsächlich zu stellen. «Nur sind wir leider eines der wenigen Spitäler, die diese Struktur tatsächlich institutionalisiert haben», so die Oberärztin.
Gleichzeitig beobachtet Barbara Bass auch eine verstärkte Wahrnehmung durch das Personal: «Vor 20 Jahren waren viele überrascht, dass wir häusliche Gewalt überhaupt zum Thema machen», erinnert sich Bass. Heute sei die Sensibilisierung deutlich grösser. Besonders erfahrene Hebammen hätten ein feines Gespür dafür, wenn etwas nicht stimmt. «Mehr als einmal sind Hebammen auf mich zugekommen, weil sie ein ungutes Bauchgefühl hatten oder auffällige Dynamiken beobachteten», erzählt sie. «Dass sie damit zu uns kommen, ist für mich das Wichtigste.»
Dies gelte umso mehr, weil der Klinikalltag immer schneller werde. Gerade gynäkologische Patientinnen seien heute oft nur noch kurz im Spital. Ein Gespräch zu den psychosozialen Belastungen sei dabei schwieriger zu führen. Bei Schwangeren sehe das anders aus, so Bass. Sie werden häufiger und über eine längere Zeit betreut. «Bei den Schwangeren ist uns die Abklärung auch besonders wichtig, denn hier können wir präventiv sowohl für Mutter als auch Kind am ehesten etwas bewirken», betont die Oberärztin.
Was in der Frauenklinik im Triemli tagtäglich gelebt wird, ist mehr als eine medizinische Routine – es ist gelebte Gleichstellungspolitik. Mit ihrem Screening leistet die Frauenklinik einen wichtigen Beitrag zur Bekämpfung von häuslicher Gewalt. Seit 2018 verpflichtet die Istanbul-Konvention Bund, Kantone und Gemeinden, Gewalt gegen Frauen systematisch zu bekämpfen. Auch die Stadt Zürich hat das Thema in ihrem Gleichstellungsplan verankert. «Das hilft uns sehr», sagt Bass. «So können wir zum Beispiel in unseren Schulungen zeigen, dass die Integration von häuslicher Gewalt in den Klinikalltag kein persönliches Anliegen, sondern ein politischer Auftrag ist.»
Trotzdem sieht sie Handlungsbedarf: Sie wünscht sich, dass das, was im Triemli selbstverständlich ist, zum Standard in allen Kliniken wird. «Prävention gegen häusliche Gewalt gehört zur medizinischen Qualität – genauso wie chirurgische Präzision», so Bass. Während bei Operationen klare Standards gelten, fehle es bei psychosozialen Themen an verbindlichen Vorgaben. «Dabei kann das Wegschauen genau so viel Leid verursachen. Eine gesundheitspolitische Verankerung wäre wünschenswert.»
Am Ende kehrt alles zurück zu diesem einen Moment im Gespräch, wenn die Frage gestellt wird: «Erleben Sie zuhause Gewalt?». Vielleicht folgt ein Zögern. Vielleicht ein Nicken. Vielleicht ein Nein. Und manchmal beginnt genau in diesem Moment ein Weg aus der Gewalt. Das Beispiel der Frauenklinik im Stadtspital Zürich Triemli zeigt: Eine einzige Frage kann Leben retten – aber nur dann, wenn sie auch gestellt wird und die strukturellen Rahmenbedingungen stimmen.
Klinische Dozentin (KD) Dr. med. Barbara Bass ist Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe (FMH). Ihre klinischen Schwerpunkte liegen auf der operativen Gynäkologie und Geburtshilfe sowie auf der psychosozialen und psychosomatischen Medizin. In der Frauenklinik im Stadtspital Zürich Triemli war sie vor 20 Jahren bereits am Aufbau des Screenings gegen häusliche Gewalt beteiligt und leitet seither den Bereich und die Schulungen.