Früher mussten Nutzer*innen der Notschlafstelle nach ihrem biologischen Geschlecht im Frauen- oder Männertrakt übernachten. Diese Einteilung war für viele Betroffene belastend. «Ich hatte immer ein mulmiges Gefühl, wenn ich eine Transperson aufgrund ihrer biologischen Merkmale in ein Mehrbettzimmer zuteilen musste», erinnert sich Sylvie Jossi, Leiterin der Abteilung Obdach Zürich. «Würde die Nacht gut verlaufen? Meistens war das der Fall, aber man wusste es halt nie genau.» Die Situation war unbefriedigend – für die Betroffenen ebenso wie für das Team. Es fehlte an einem sicheren Ort für alle, die sich nicht in dieser binären Einteilung wiederfinden.
Als die umfassende Sanierung der Notschlafstelle anstand, bot sich die Chance, mehr als nur bauliche Veränderungen anzugehen. «Die Sanierung hat mich auf die Idee gebracht», erzählt Jossi. «Und die Zeit war reif für einen Schutzraum in der Notschlafstelle.» Aus den Erfahrungen der Corona-Pandemie entschied sich das Team, Büroflächen zugunsten zusätzlicher Schlafräume aufzugeben. Zwei dieser neuen Zimmer liegen etwas abseits im zweiten Obergeschoss. So entstand der Gedanke, sie für Menschen mit spezifischen Bedürfnissen zu reservieren – eines davon für Personen aus der queeren Community, das andere für Familien.
Heute ist das LGBTI-Zimmer ein fester Bestandteil des Angebots. Es wird regelmässig genutzt – vor allem von trans, non-binären und intergeschlechtlichen Personen. «Die meisten zeigen sich dankbar, dass sie hier schlafen können und so einen sicheren Raum für sich haben», sagt Julia Kemmerling, Mitarbeiterin der Notschlafstelle. «Für uns als Team ist es eine grosse Entlastung. Ich weiss jetzt, dass ich niemanden mehr in ein unpassendes Zimmer einquartieren muss.»
Auch für die Mitarbeitenden war das Projekt ein Lernprozess. Es tauchten Fragen auf wie: Wer nutzt das Zimmer wann? Welche Sprache ist angemessen? Wie wird Offenheit gelebt, ohne zu stigmatisieren? «Wir haben bemerkt, dass es Sensibilität und Wissen braucht», erzählt Jossi. «Darum haben wir die Fachstelle für Gleichstellung eingeladen, um das Team zu schulen. Das hat viel bewirkt.»
«Durch das Projekt habe ich gelernt, wie wichtig Sprache und Aufmerksamkeit sind», sagt Julia Kemmerling. «Ich achte heute viel bewusster darauf, welche Begriffe ich verwende – und darauf, dass Menschen sich bei uns gesehen fühlen.» Das LGBTI-Zimmer ist nicht nur ein sicherer Ort für die Gäste, sondern auch ein Beispiel dafür, wie Reflexion, Schulung und Wissen die Situation für alle nachhaltig verbessern.
Das neue Zimmer steht exemplarisch für gelebte Gleichstellung: nicht als abstraktes Ziel, sondern als praktische Veränderung im Alltag. Es zeigt, dass Gleichstellung nicht bedeutet, dass alle gleich sind – aber alle das gleiche Recht haben, geschützt und respektiert zu werden. Für Sylvie Jossi ist dieser Schritt auch ein Zeichen nach aussen. «Sichtbarkeit ist wichtig und richtig», sagt sie. «Nur so wird das Thema zur Normalität – hoffentlich irgendwann so selbstverständlich wie das Frauenstimmrecht.» Das Zimmer in der Notschlafstelle Zürich ist klein, aber seine Wirkung gross. Es schafft Sicherheit, Anerkennung – und einen Raum, der zeigt, wie Gleichstellung konkret wird.