Sie löschen Feuer, retten Leben und sind rund um die Uhr im Einsatz. Nachtschichten, Alarmbereitschaft und obligatorische Weiterbildungen gehören für die Mitarbeitenden der Berufsfeuerwehr und Sanität zum Alltag. Teilzeitarbeit scheint in diesem Umfeld eine Herkulesaufgabe zu sein. Schutz & Rettung Zürich (SRZ) beweist das Gegenteil: Seit 2024 können Berufsfeuerwehrleute im Schichtbetrieb ihr Pensum beispielsweise auf bis zu 50 Prozent reduzieren. Im Bereich Sanität sind bereits seit längerem weitere flexible Dienstplanmodelle umgesetzt. Auch in anderen Bereichen werden verschiedene Teilzeitarbeitsmöglichkeiten in unterschiedlichen Schicht- und Arbeitsmodellen ermöglicht. Wie das gelingt, erklärt Beatrice Potisk.
Frau Potisk, wen betrifft das Thema Vereinbarkeit bei Schutz & Rettung Zürich?
Es betrifft uns alle – mich zum Beispiel gleich auf drei Ebenen: als Tochter, als Vorgesetzte und als HR-Verantwortliche. Ich habe selbst erlebt, wie herausfordernd es ist, die Pflege von Angehörigen und meinen Beruf nebeneinander zu jonglieren. Auch für Vorgesetzte ist Vereinbarkeit ein wichtiges Thema, weil wir Verantwortung für unsere Mitarbeitenden tragen. Mit mehr Teilzeitstellen wird zum Beispiel die Dienst- und Terminplanung aufwändiger – eine Teamsitzung zu organisieren braucht dann etwas mehr Kreativität. Als HR-Verantwortliche sehe ich zudem die strategische Seite: Wir sind auf Fachkräfte angewiesen.
Inwiefern ist das Thema Vereinbarkeit strategisch verankert?
SRZ verfügt über strategische Ziele, die regelmässig anhand einer internen und externen Umfeldanalyse überprüft und wenn nötig angepasst werden. Seit über 10 Jahren haben wir in unserer Strategie u.a. das Ziel verankert, eine attraktive Arbeitgeberin zu sein. Dabei haben wir verschiedene Handlungsfelder definiert, unter anderem auch, dass wir die Vielfalt und Verschiedenheit der Einzelnen als Chance sehen. Mit einer solchen Verankerung zeigen wir seit jeher das Commitment der Geschäftsleitung zu einer vereinbarkeitsfördernden Kultur und haben folglich seit Jahren eine verankerte Basis, um verschiedenste Massnahmen umzusetzen. Dazu zählen etwa auch die Netzwerktreffen der Führungsfrauen. Die bewusste Vernetzung und der bereichsübergreifende Austausch geben oft Anstoss zu Veränderungen.
Wenn wir eine attraktive Arbeitgeberin sein wollen, müssen wir, ganz allgemein gesagt, ein gutes und psychologisch sicheres Arbeitsumfeld schaffen, in dem Mitarbeitende ihre Wünsche, Sorgen und Bedürfnisse offen ansprechen können. Dazu gehört auch der Wunsch nach Vereinbarkeit.
Seit 2024 ist beispielsweise bei der Berufsfeuerwehr Teilzeitarbeit bis zu 50 Prozent möglich. Damit wurde eine wichtige Massnahme aus dem Gleichstellungsplan 2024–2027 der Stadt Zürich umgesetzt. Wie kam es dazu?
Mit Kreativität und vielen kleinen Schritten. Das Anliegen kam nicht zuletzt aufgrund der letzten städtischen Mitarbeitendenbefragung direkt von den Mitarbeitenden. Eigentlich war zuerst ein Pilotprojekt geplant, doch die Vorgesetzten sahen schnell, dass es auch ohne funktioniert. Heute arbeiten bereits zwei Handvoll Personen in der Berufsfeuerwehr Teilzeit im Schichtbetrieb. Parallel dazu haben wir die Aus- und Weiterbildungen angepasst, damit Vereinbarkeit besser gelingt. Natürlich ging dieser Prozess nicht von heute auf morgen. Es gab viele Gespräche, wir haben Arbeitsgruppen gebildet und die Mitarbeitenden so von Anfang an einbezogen. Das war entscheidend. Gelungen ist es aber auch, weil einerseits die Teilzeitmitarbeitenden eine hohe Eigenverantwortung zeigen und andererseits Führungskräfte das neue Angebot der Teilzeitarbeit unterstützen.
Zudem wurde die SRZ-interne Führungsausbildung überarbeitet, mit dem Ziel, die Führungs-, Selbst- und Sozialkompetenzen der Führungskräfte auszubauen und die Qualität der Führung für die Zukunft auszurichten. Dabei wird unter anderem ein besonderer Fokus auf psychologische Sicherheit, Gesundheit, Veränderungskompetenzen, Kommunikation und generationenübergreifende Zusammenarbeit gelegt. Diese Themen gehen über die Vereinbarkeit hinaus, fördern aber dieselbe Kultur: ein respektvolles Miteinander, gegenseitiges Verständnis und Flexibilität.
Weshalb ist der Einbezug der Mitarbeitenden so wichtig für die Verankerung von Gleichstellungsmassnahmen?
Gerade langjährige Kolleg*innen hatten anfangs die Sorge geäussert, dass neue Modelle die Einsatzfähigkeit unserer Rettungskräfte gefährden könnten – und diese steht bei uns immer an erster Stelle. Es ist wichtig, die Mitarbeitenden einzubeziehen und sie selbst Lösungen erarbeiten zu lassen. So wurden in den Bereichen entsprechende Arbeitsgruppen gegründet. Die Mitarbeitenden kennen die Rahmenbedingungen ihrer Aufgaben am besten. Es bringt nichts, wenn das HR im Alleingang Ideen entwickelt. Lösungen müssen gemeinsam entstehen, damit sie von allen getragen werden. Nur so entsteht echte Vereinbarkeit. Ferner muss jeweils offen und transparent kommuniziert werden.
Welchen Herausforderungen sind Sie bei der Umsetzung der Gleichstellungsmassnahme begegnet?
Teilzeitarbeit im 24-Stunden-Schichtbetrieb ist ohnehin herausfordernd. Mitarbeitende der Berufsfeuerwehr- und Sanität müssen regelmässig obligatorische Weiterbildungen absolvieren. Bei sehr tiefen Pensen würde dann kaum Zeit für den Einsatz bleiben. Also galt es herauszufinden, welche Pensen realistisch sind. Anfangs gingen wir bei der Berufsfeuerwehr von einem Minimum von 60 Prozent aus. Allerdings merkten die Involvierten in der Umsetzung schnell, dass sogar ein Pensum von Minimum 50 Prozent möglich ist. Das zeigt, dass man Mut zum Ausprobieren braucht.
Wurde dieser Mut noch weiter belohnt – beispielsweise mit positiven Überraschungen?
Ja, zum Beispiel bei der Sanität. Dort arbeiten beispielsweise viele Mütter in tiefen Teilzeitpensen, die alle sehr flexibel sind. Das ermöglicht uns, Lücken im Dienstplan zu füllen – eine Win-Win-Situation für alle, die wir so nicht erwartet hätten. Gleichzeitig bedeutet Teilzeit aber auch, dass mehr Mitarbeitende sich Stellen teilen. Dadurch wird die Dienstplanung komplexer und erfordert zusätzliche personelle Ressourcen. Hinzu kommt, dass jede Berufsgruppe bei SRZ anders funktioniert: Was sich im Rettungsdienst bewährt, passt nicht automatisch für die Berufsfeuerwehr. Die «One size fits all»-Idee funktioniert in unserer komplexen und sehr heterogenen Dienstabteilung nicht. Deshalb muss bei uns jede Berufsgruppe individuell schauen: Was braucht es? Wie können wir es umsetzen? Wie ist das in einem Dienstablauf möglich?
Was wünschen Sie sich in Sachen Vereinbarkeit von Politik und Gesellschaft?
Wichtig ist, dass das Thema Vereinbarkeit nicht an Aufmerksamkeit verliert. Nur weil erste Massnahmen umgesetzt sind, ist das Thema nicht erledigt. Veränderungen brauchen Zeit – und eine Arbeitsumgebung, in der sich Mitarbeitende trauen, ihre Bedürfnisse zu äussern.
Haben Sie zum Abschluss einen konkreten Tipp für andere Schichtbetriebe, die die Vereinbarkeit voranbringen wollen?
Wichtig ist es, kleine Schritte zu gehen, hartnäckig zu bleiben und das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Zudem braucht es Menschen in einer Organisation, die auch Unangenehmes ansprechen, Führungskräfte sowie eine Geschäftsleitung, die Mut haben und die Offenheit fördern, Neues auszuprobieren.
Beatrice Potisk ist Bereichsleiterin HRM und zweite stellvertretende Direktorin von Schutz & Rettung Zürich (SRZ). Sie leitet den Bereich Human Resources mit drei direkt unterstellten Fachbereichen Personalmanagement, Personal-/Organisationsentwicklung sowie Nachsorge und HR-Projekte.