Zürich ist geprägt von seiner markanten Topografie – mit Hönggerberg, Käferberg, Zürichberg, Adlisberg und Uetliberg.
Aus diesen Hängen entspringen zahlreiche Bäche, die je nach Lage in die Sihl (1), den Zürichsee (2), die Limmat (3) oder die Glatt (4) fliessen. Einige dieser Wasserläufe sind heute nur noch durch Strassennamen bekannt – etwa an der Lindenbachstrasse, beim Letzibachweg, oder an der Waltersbachstrasse.
Um 1850 durchzogen rund 160 Kilometer offener Bäche die Stadtquartiere. Aus damaliger Sicht galten sie als Hindernis für die rasch wachsende Stadt. Bei Regen führten sie zudem Geschiebe und Überschwemmungen mit sich, was Mensch und Eigentum gefährdete.
Darum wurden in den folgenden Jahrzehnten viele Bäche gezähmt, begradigt, eingedolt oder zu Entwässerungsgräben umfunktioniert. Mit der Industrialisierung verwandelten sie sich zunehmend in stinkende Abwasserkanäle, in denen nicht nur Schmutzwasser, sondern auch Abfälle landeten. Gewässerschutz spielte kaum eine Rolle – wichtiger war, Abwasser und Hochwasser möglichst rasch loszuwerden. Viele der eingedolten Gewässer wurden nach dem Bau der ersten ARA 1923 direkt auf die ARA Werdhölzli geleitet. Bis 1980 waren nur noch etwa 60 Kilometer Bäche offen sichtbar, die meisten davon im Wald. Die einst prägenden Gewässer verschwanden weitgehend aus dem Stadtbild – und aus dem Bewusstsein der Bevölkerung.
Obwohl die Folgen der Gewässerverbauung längst sichtbar waren, setzte ein Umdenken erst Mitte des 20. Jahrhunderts ein. 1953 wurde der Gewässerschutz in die Bundesverfassung aufgenommen, 1957 ins Gesetz überführt. Damit wuchs das öffentliche Bewusstsein für sauberes Wasser.
Die Medien griffen das Thema auf. So berichtete ein Leser der NZZ 1960 empört über den vermüllten Wehrenbach:
«Unsere Suche nach Forellen war erfolglos. Dafür sahen wir ‹Kulturgüter› aller Art – ein Rollerpneu, ein Herd, ein zerbeulter Kübel im Bachbett. Die Ehrfurcht vor der Natur scheint am Tiefpunkt angekommen zu sein.»
Auch die Tageszeitung Die Tat kritisierte 1961 den Zustand vieler Schweizer Gewässer:
«Unsere kristallklaren Bäche und blauen Seen sind trüb geworden, oft zu stinkenden Rinnsalen verkommen. Mit Abfall und Abwasser verunreinigt, fehlt ihnen Sauerstoff – das Wasser ist krank.»
Dank neuer Reinigungsverfahren in den Abwasserreinigungsanlagen (ARA) verbesserte sich die Wasserqualität in Schweizer Gewässern nach und nach. In Zürich blieb der Zustand der Bäche jedoch noch lange unbefriedigend.
Mit dem Bachkonzept von 1988 legte die Stadt Zürich den Grundstein für eine neue Wasserpolitik.
Die wichtigsten Ziele waren:
- Trennung von sauberem Fremdwasser und Schmutzwasser
- Offenlegung bisher eingedolter Bäche, wo immer möglich
- Revitalisierung verbauter Bachabschnitte
- Entlastung des Kanalnetzes und der Kläranlage
- Kosteneinsparungen durch natürliche Wasserführung
- Vernetzung von Lebensräumen (Fauna und Flora)
- Zugänglichkeit und Erlebbarkeit für die StadtbewohnerInnen
Seither hat Zürich viele seiner Bäche Schritt für Schritt wieder ans Licht gebracht. Die Stadt will damit den natürlichen Wasserkreislauf stärken, Wasser im Quartier wieder erlebbar machen und gleichzeitig den Hochwasserschutz verbessern.
Die ARA der Stadt ist nämlich auf einen maximalen Zufluss von rund 6 m³/s ausgelegt. Bei Starkregen überschreitet der Zufluss die Kapazität der ARA – dann muss ultima ratio sogenanntes Mischabwasser (eine Mischung aus Schmutz- und Regenwasser) in die Flüsse abgeleitet werden, um Überflutungen und Schäden an der ARA zu vermeiden.
Wenn mehr sauberes Regenwasser in offene Bäche geleitet wird, entlastet dies folglich das Abwassersystem und verbessert die städtische Wasserbilanz. Zudem schaffen revitalisierte Bäche wertvolle Lebensräume und tragen durch Verdunstung und Beschattung (Grünstreifen) zur Hitzeminderung in der Stadt bei.
Heute verlaufen im Siedlungsgebiet der Stadt Zürich rund 40 Kilometer Bäche offen – etwa die Hälfte davon wurde seit dem Bachkonzept offengelegt und revitalisiert. Bäche wie der Albisrieder Dorfbach, der Holderbach oder der Friesenbergbach fliessen wieder sichtbar durch Grünräume und prägen ganze Quartiere.
Revitalisierungen dienen längst nicht nur der Natur, sondern auch dem Schutz der Bevölkerung: Durch breitere Bachprofile, Rückhaltebecken und überflutbare Zonen kann Wasser bei Starkregen kontrolliert abfliessen. Diese Massnahmen senken die Hochwassergefahr, fördern jedoch gleichzeitig die Biodiversität und verbessern die Lebensbedingungen für Tiere und Pflanzen.
Gleichzeitig erhöhen sie die Lebensqualität der Stadtbevölkerung – denn Wasser wird wieder zu einem erlebbaren Element im Alltag, als Ort der Erholung, Begegnung und Inspiration.