Sie ist für die meisten sicher kein Sehnsuchtsort: Die städtische Kanalisation. Rund 1000 Kilometer umfasst Zürichs Kanalnetz, wobei nur 104 Kilometer eine Höhe von 1,2 Metern bis 5,5 Metern aufweisen, also begehbar sind. Ihr Zweck ist das Ableiten von Abwässern aus Liegenschaften und Industrie zur Abwasserreinigungsanlage (ARA) Werdhölzli. Maximal 3 Stunden dauert es, bis Abwasser nach der Spülung zuhause in der ARA Werdhölzli angelangt.
Mit dem Abwasser wird – je nach Witterung – auch (viel) sauberes Regenwasser über die Kanalisation zur ARA transportiert. Der Grund dafür liegt im Mischsystem, das in der Stadt Zürich historisch bedingt mehrheitlich (rund 80 Prozent) Anwendung findet. Im Gegensatz zum Trennsystem werden im Mischsystem Schmutzwasser und Regenwasser (=Mischwasser) gemeinsam zur ARA geleitet. Das spart Platz im Boden und Unterhaltskosten: Statt eines getrennten Systems muss nur eines gebaut und instandgehalten werden. Zudem spülen stärkere Regenfälle die Kanalisation durch, leisten also willkommene Vorarbeit bei deren Reinigung.
Als nachteilig erweist sich das System unter anderem aufgrund der begrenzten Aufnahmefähigkeit. Da die ARA maximal 6 Kubikmeter Abwasser pro Sekunde aufnehmen und reinigen kann, braucht das Kanalisationsnetz an vielen Stellen «Puffer», um das Mischwasser verzögert zur ARA abzuleiten. Solche Puffer sind zum Beispiel Rückhaltebecken, Stapelkanäle und Hochwasserentlastungen.
Die ersten dieser noch in Betrieb befindlichen Kanäle wurden in den 1860er-Jahren gebaut, als in Zürich die Kloakenreform erfolgte, die schliesslich im Bau einer Kanalisation und 1926 in der Errichtung einer ersten ARA mündete. Müsste man die gesamte heutige Kanalisation inklusive aller Sonderbauwerke nochmals von Grund auf neu bauen, würden sich die Investitionskosten auf über 4 Milliarden Franken belaufen.
Rund ein Viertel der heute genutzten Kanäle weist bauliche Mängel auf. Diese beeinträchtigen die Statik sowie die Dichtheit der Kanäle und müssen daher fortlaufend beseitigt werden. Je nach Ort, Grösse, Alter und Beschädigung eines Kanalabschnitts kann dieser entweder mit überschaubarem Aufwand grabenlos im Beschichtungsverfahren oder mit Schlauchliner saniert oder muss aufwändig mittels offenem Grabenbau Instand gesetzt werden. Beim offenen Grabenbau erfolgt die Sanierung der Abwasserkanäle im Verbund mit Tiefbau- und Werkleitungsarbeiten von anderen Dienstabteilungen, um die Beeinträchtigungen für Anwohnende und den Verkehr so gering wie möglich zu halten. Ausnahmen bilden Notsanierungen infolge havarierter Abwasserkanäle, wie etwa 2025 an der Bellerivestrasse. Jedes Jahr werden durchschnittlich ca. 8 – 10 Kilometer Kanal saniert.
Der Zustand der Kanäle wird übers ganze Jahr hinweg mittels Kanal-Fernsehen überwacht und dokumentiert. Ein via Kabel gesteuertes kleines Kamerafahrzeug fährt einen bestimmten Abschnitt ab und filmt dabei. Kolleg*innen im Büro werten die Aufnahmen anschliessend aus und legen fest, welche Kanalabschnitte Schäden aufweisen und sanierungsbedürftig sind. Solche Schäden entstehen oftmals altersbedingt durch Materialermüdung, können aber auch durch eindringende Wurzeln, Bodenbewegungen und Ablagerungen erfolgen.
Das Kanalnetz ist wie eine umgekehrte Baumkrone aufgebaut: Feine Zweige im Aussenbereich gehen in grössere Äste über, die schliesslich in den Stamm münden. Bezogen auf die Kanalisation münden die Abwasserrohre der Liegenschaften in kleinere Kanäle, die wiederum in grösseren Strassenkanälen des öffentlichen Kanalnetzes zusammenfliessen. In den Hauptsammelkanälen strömt schliesslich das Abwasser aus verschiedenen Stadtteilen zusammen, «wird gesammelt», und fliesst weiter zur Abwasserreinigungsanlage. Der Abfluss erfolgt durch das Gefälle. Zur Unterquerung von Hindernissen wie Flüssen werden Düker eingesetzt, die das Abwasser ohne Pumpleistung auf die andere Flussseite befördern.
Die Kanäle weisen höchst unterschiedliche Formen auf: Rund, eiförmig, rechteckig oder maulförmig. Sie bestehen je nach Lage, Grösse und Baujahr aus Quadersteinen, Keramik, Schleuderbeton, Ortsbeton, armiertem Beton oder Polyethylen. Die Kanalgrössen reichen von Rohren mit 20 Zentimeter Durchmesser bis zu Sammelkanälen mit 5,4 Meter Durchmesser. Die durchschnittliche Lebensdauer der Stadtzürcher Kanäle beläuft sich auf rund 100 Jahre. Die Lebensdauer der Kanäle lässt sich mittels Schlauchlining zusätzlich verlängern.
Die Reinigung der Kanäle erfolgt turnusmässig mittels Saugen und Spülen. 17 Spül- und Saugwagen sind bei Entsorgung + Recycling Zürich im Einsatz, um das Kanalnetz von Ablagerungen zu befreien. Die Fahrzeuge der neuesten Generation verwenden dafür grob vorgereinigtes Abwasser aus den Kanälen; somit wird wertvolles Trinkwasser gespart. Typische Ablagerungen bestehen aus Sand und Kies, aber auch Verzopfungen aus Feuchttüchern und anderen Abfällen beeinträchtigen den Abfluss. In der Öffentlichkeit relativ bekannt ist das Problem der Fettberge: Küchenfett, das über die Küchenspüle ins Abwasser gelangt, erstarrt infolge der Abkühlung und bildet zusammen mit anderen Ablagerungen hartnäckige Pfropfen.
Damit das Abwasser fliessen kann, sind nicht nur Kanalreinigungen erforderlich, sondern auch regelmässige Leerungen der Schlammsammler und Mineralölabscheider entlang der Strassen. In ihnen lagern sich Verunreinigungen wie Sand, Kies, Laub oder Öl aus dem Strassenabwasser ab. Sie sorgen also für eine grobe Vorreinigung und müssen in regelmässigen Abständen geleert werden. Mit Rücksicht auf den Verkehr finden diese Arbeiten an neuralgischen Stellen vorwiegend nachts statt. Im Hinblick auf den Hochwasserschutz ebenfalls regelmässig geleert werden müssen die Geschiebesammler an den Bächen. Diese funktionieren ähnlich wie eine Goldwaschpfanne, wobei beim Durchfluss des Bachwassers die schweren Sedimente zurückgehalten werden. Würde das Geschiebe nicht zurückgehalten, würde dieses zu Verstopfungen von Abflüssen führen und zu einer (unerwünschten) Vertiefung des Bachbetts führen.