2010 zunächst als reine Online-Plattform für nachhaltige Produkte gestartet, betreibt das Unternehmen Rrrevolve heute mit über 30 Mitarbeitenden auch vier Läden in Zürich und Bern. Angeboten werden vor allem Kleider und Schuhe, aber auch viele Accessoires und Haushaltsartikel.
Öko-Kompass: Wie kam es zur Gründung von Rrrevolve?
Sebastian Lanz: Ich war früher beruflich im Marketing von Luxusuhren tätig. Gleichzeitig haben mich Fragen der Nachhaltigkeit beschäftigt. Vor gut 15 Jahren kam der Punkt, an dem ich mich selbständig machen wollte – aber in einem Bereich, in dem ich etwas Positives bewirken kann. Ich stellte dabei fest, dass es im Detailhandel eine riesige Marktlücke für stilvolle, modische nachhaltige Produkte gibt. Daher suchte ich gezielt solche Produkte und baute einen Onlineshop auf.
Rrrevolve ist also gewissermassen ein nachhaltiges Warenhaus?
Wir sind inzwischen eher ein Modegeschäft. Früher hatten wir noch mehr Haushaltsprodukte im Sortiment. Heute gibt es Dinge wie nachhaltige Zahnbürsten, Lunchboxen und Trinkflaschen auch beim Grossverteiler – und zwar günstiger, weil in China hergestellt. Für uns haben solche Artikel daher an Relevanz verloren.
Im Detailhandel spielt die Lieferkette eine entscheidende Rolle für den ökologischen Impact eines Unternehmens.
Absolut, und zwar mit riesigem Abstand! Bei uns machen die Produkte rund 98 Prozent des Carbon-Footprints aus. Dies haben wir kürzlich berechnen lassen.
Wie gehen Sie vor, um diesen Fussabdruck zu vermindern?
Da die Materialherstellung den grössten CO2-Ausstoss verursacht, legen wir im Einkauf starken Wert auf die Materialwahl. Wir arbeiten grundsätzlich sehr langfristig mit unseren Lieferanten zusammen und machen wo möglich auch Druck, dass diese nachhaltigere Materialien einsetzen. Wir versuchen, mit ihnen das Maximum an Nachhaltigkeit zu erreichen, und schauen, was heute sinnvoll machbar ist.
Wie wählen Sie die Lieferanten aus?
Bei der Wahl unserer Zulieferer legen wir strenge Massstäbe an, die wir auch auf der Webseite offenlegen. Zudem haben wir Kriterien für die einzelnen Produkte, die wir auswählen. Das ist ein Prozess, der sich stets weiterentwickelt. Denn es gibt immer wieder neue Produkte auf dem Markt. Umgekehrt sortieren wir Artikel aus, die nicht mehr den heutigen Möglichkeiten entsprechen.
Sie sind also sehr konsequent bei der Wahl ihrer Geschäftspartner und Produkte?
Es kommt schon vor, dass wir Produkte ins Sortiment aufnehmen, die nicht alle unsere Kriterien zu 100 Prozent erfüllen. So etwa, wenn es keine besseren Alternativen gibt. Zum Beispiel werden praktisch alle Wetterschutzjacken in China produziert, weil es das einzige Land mit diesem spezifischen Know-how ist. Wichtig für uns ist, dass wir sehr transparent kommunizieren. Wir stehen offen zu den Bereichen, wo wir uns noch verbessern können.
Welche Rolle spielen Labels oder Standards für Sie? Achten Sie darauf?
Zertifizierungen sind absolut zentral. Für uns ist zum Beispiel der Global Organic Textile Standard GOTS wichtig. Wir selbst gehen keine Produktionsstätten anschauen. Es macht nur Sinn, wenn unabhängige Profis solche Audits durchführen. Diese erscheinen unangekündigt und wissen genau, wo sie hinschauen. Der Kreis der vertrauenswürdigen Labels ist nicht allzu gross. Aber wir nehmen jene Zertifizierungen, auf die wir setzen, sehr ernst und überprüfen sie dann auch sorgfältig. Das heisst, wir schauen nicht nur darauf, ob ein Produkt zertifiziert ist, sondern kontrollieren auch Details wie zum Beispiel die Nummer und das Ablaufdatum des Zertifikats. Das ist unser Job.
Eine wichtige Rolle spielt in Ihrer Klimabilanz sicher auch die Auslieferung. Welche Massnahmen haben Sie in diesem Bereich getroffen?
Der Versand ist ein sehr grosser Hebel, den wir direkt in der Hand halten. Dort geht es vor allem um die Verpackung. Wir benutzen eine wiederverwendbare Versandtasche. Kundinnen und Kunden können sie kostenlos per Briefpost zurückschicken. Wenn wir Füllmaterial benötigen, dann ist es natürlich Recyclingmaterial. Wir arbeiten zudem ausschliesslich mit der Schweizer Post, weil sie im Gegensatz zu vielen andern Anbietern ordentliche Arbeitsbedingungen bietet. Wir liefern übrigens nur per B-Post – machen also keinen «Same-Day», keinen «Next-Day» und ähnliche ressourcenintensive Expresslieferungen.
Wie man merkt, haben Sie ein grosses Know-how im Bereich der Nachhaltigkeit. Dennoch nahmen Sie vor einiger Zeit eine Öko-Kompass-Beratung in Anspruch – warum?
Es ging uns hauptsächlich darum herauszufinden, ob es blinde Flecken gibt, die wir übersehen hatten. Das Streben nach Nachhaltigkeit ist ein Lernprozess – eine Entwicklung, bei der wir uns über die Jahre verbessert haben. Wir wollten dies einmal von externen Experten prüfen lassen, die einen unvoreingenommenen Blick von aussen haben.
Mit welchem Resultat?
Wir haben sicher nicht alles von Anfang an gut gemacht, aber wir standen damals an einem Punkt, wo wir bereits fortgeschritten waren. Die Öko-Kompass-Analyse hat dies weitgehend bestätigt. Allerdings waren wir noch in einem Büro mit Halogenbeleuchtung eingemietet. Das war unsere grösste Schwachstelle. Inzwischen haben wir neue Räumlichkeiten bezogen und energiesparende Leuchten installiert. Ich denke, eine Umweltberatung ist für jedes Unternehmen sinnvoll – auch wenn es das Gefühl hat, es habe sie nicht mehr nötig.
Wo sehen Sie aktuell die grösste Herausforderung in Ihrer Branche im Bereich der Nachhaltigkeit?
Von der Produktionsseite ist man meines Erachtens heute schon relativ weit. Wo es hapert, ist bei der Rückführung der Materialien wieder in den Kreislauf. Die Bekleidungsbranche ist noch zu 99 Prozent linear. Es ist die grosse Aufgabe dieser Branche, mehr wirklich zirkuläre Materialien zu entwickeln.
Gibt es diesbezüglich keine marktreifen Lösungen?
Die Bekleidungsbranche befindet sich noch in der Experimentierphase. Es gibt vereinzelte neue Materialien, die man gut recyceln kann. Aber in grossen Massstab funktioniert es noch nicht. In der Textilindustrie geht es um Hunderte von Tonnen. Es braucht daher enorme Investitionen und das Engagement der ganz grossen Player, damit ein Durchbruch gelingt.
Vielen Dank.